Frühe Neuzeit: Machtspiele an der Ostsee
09.06.2026
Schweden als Ostsee-Großmacht, Russlands Drang zum Meer, Königinnen als informelle Kreditgeberinnen: die Frühe Neuzeit im Norden und Nordosten Europas war weit mehr als eine Abfolge von Schlachten. Cathleen Sarti, Historikerin an der Universität Oxford, erforscht diese Epoche zwischen 1500 und 1800 und zeigt, wie eng Krieg und Staatsbildung miteinander verwoben waren. Sarti war Ende Mai als Referentin bei der internationalen Konferenz „In the Name of Sultan, Emperor, and King”, organisiert vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien zu Gast. Im Gespräch erklärt sie, warum historische Narrative stets interessengeleitet sind – und was Dänemark und Schweden als einstige Erzfeinde für Europa heute bedeuten könnten.
Rivalitäten zwischen Staaten und Bünden
Sie forschen zur Frühen Neuzeit, von 1500 bis 1800. Wie würden Sie die historischen Beziehungen zwischen Skandinavien, dem Baltikum und Russland in diesem Zeitraum beschreiben?
Cathleen Sarti: In dieser Zeit existiert das Baltikum als eigenständige politische Einheit eigentlich gar nicht. Es ist die Phase, in der der Deutschordensstaat endet und das Gebiet zu einer strategisch wichtigen Masse wird, die zwischen den umliegenden Großmächten aufgeteilt wird. Im Livländischen Krieg prallen Schweden, Dänemark, Polen-Litauen und Russland aufeinander. Am Ende gewinnt vor allem Schweden im 17. Jahrhundert. Der gesamte Bereich des heutigen Baltikums ist zu dieser Zeit größtenteils schwedisch, teils polnisch-litauisch.
Auch die Hanse spielt eine Rolle: Riga, das heutige Tallinn, damals Reval, sowie Danzig. Russland versucht, in diesen Raum hineinzukommen, da es nach einem Zugang zur Ostsee strebt. Gerade die Hanse ist dagegen – sie profitiert am besten vom Russlandhandel, wenn Russland keinen eigenen Zugang zur Ostsee hat. Es gibt also ein handfestes ökonomisches Interesse, Russland draußen zu halten. Um 1600 ist Russland durch die sogenannte Zeit der Wirren vorübergehend geschwächt. Erst im 18. Jahrhundert kommt es mit dem Großen Nordischen Krieg wieder richtig ins Geschehen.
Und in Schweden?
Sarti: Für Schweden sehe ich eine ähnliche Grundproblematik: Zwar kontrolliert Schweden diese riesige Landmasse rund um den Ostseeraum, kommt aber nicht aus der Ostsee heraus, ohne an Dänemark vorbeizukommen. Dänemark kontrolliert zu dieser Zeit noch beide Seiten des Öresunds und erhebt von allen durchfahrenden Schiffen Zoll. Deshalb ist das heutige Göteborg für Schweden so wichtig – es liegt jenseits des Öresunds und bietet einen Zugang zur offenen See.
Durch Kriege geformte Staaten
Welche Rolle spielten Kriege im Prozess der Staatsbildung im Norden und Nordosten Europas?
Sarti: Eine ganz entscheidende. Politische Einheiten – ich scheue mich, in dieser Zeit schon von „Staaten“ zu sprechen – werden sowohl durch Kriege nach außen als auch durch innere Konflikte geformt. Gerade im 16. Jahrhundert gibt es in Schweden sehr viel inneren Konflikt, der im Endeffekt zur Konsolidierung führt und es erst ermöglicht, im 17. Jahrhundert diese Großmacht an der Südküste der Ostsee aufzubauen und in den Dreißigjährigen Krieg einzugreifen. Das ist für Schweden eigentlich total unwahrscheinlich – es ist eine riesige Landmasse, aber dünn besiedelt mit nur ein bis zwei Millionen Einwohnern.
Ich glaube, dass Kriege in Schweden darüber hinaus eine identitätsstiftende Funktion haben, da sie dauerhaft präsent sind.
Einflussreiche Königinnen
Vor einem Jahr sprachen Sie an der ÖAW auch zu Kriegsköniginnen. Welche Einblicke gibt es aus dieser Zeit?
Sarti: Ich schaue auf die oberste Ebene, also auf die Königinnen. Sie hatten Macht, waren reich und hatten Einfluss. In Dänemark zeigt sich, dass diese Königinnen eine erhebliche wirtschaftliche Macht besaßen – aufgrund ihrer Mitgiften und bestimmter dänischer Finanzierungsstrukturen. Königinnen sind „nur“ die Ehefrauen und haben offiziell keine politische Funktion – deshalb werden sie vom aristokratischen Reichsrat kaum kontrolliert. Sie haben eigene Netzwerke und Ressourcen und üben auf informellem Weg Macht aus.
Ein konkretes Beispiel: Christian IV. möchte Anfang des 17. Jahrhunderts Krieg führen, doch der adlige Reichsrat lehnt ab. Also geht er zu seiner Mutter und bittet sie um ein Darlehen. Sie leiht es ihm, aber nicht ohne Gegenleistung: Er soll dafür sorgen, dass ihre zahlreichen Geschwister gut verheiratet werden oder ein gutes Auskommen finden. Sie lässt sich das mit politischen und dynastischen Zugeständnissen vergüten.
Es geht nicht nur um König, Parlament und Rat, sondern um eine ganze politische Elite – und Frauen sind auf informellem Wege Teil davon.
Das andere ist die aktive Beteiligung: Wenn der König außer Landes ist und plötzlich die schwedische Flotte vor Kopenhagen erscheint, koordiniert die Königinmutter buchstäblich die Verteidigung der Stadt. Wenn man anfängt zu suchen, findet man solche Geschichten überall. Es geht nicht nur um König, Parlament und Rat, sondern um eine ganze politische Elite – und Frauen sind auf informellem Wege Teil davon.
Konflikte mit Russland
Mit Peter dem Großen erfolgte eine Hinwendung Russlands nach Europa. Mit dem Großen Nordischen Krieg gegen Schweden begann eine lange Rivalität. Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Sarti: Das begann viel früher. Finnland war seit dem Mittelalter eine gleichberechtigte Provinz Schwedens – die lange finnisch-russische Grenze, wie wir sie heute kennen, war damals eine schwedisch-russische Grenze. Bereits im 15. und 16. Jahrhundert kam es zu Grenzstreitigkeiten. Während Gustav II. Adolf erst in Polen-Litauen und dann im Dreißigjährigen Krieg kämpfte, führten mehrere seiner Generäle gleichzeitig Krieg gegen Russland in Ingermanland, den sogenannten Ingermanländischen Krieg.
Hinter dem Großen Nordischen Krieg steht nicht nur der Gegensatz zwischen Russland und Schweden – es ist im Prinzip Schweden gegen alle: gegen Dänemark-Norwegen, gegen Polen-Litauen und manchmal auch gegen Preußen. Der Krieg wird durch ein Bündnis zwischen Dänemark und Polen-Litauen wesentlich angeheizt, die beide lange genug unter schwedischer Aggression gelitten haben. Sie wollen die Gelegenheit nutzen, in der Schweden schwach scheint: Karl XII. ist gerade einmal 18 Jahre alt. Sie unterschätzen ihn jedoch. Die berühmte Schlacht von Poltawa 1709 scheint mir das erste Mal zu sein, in dem wir diese typische russische Strategie beobachten können: den Feind tief ins Land eindringen zu lassen und dann seine Versorgungslinien zu kappen – wiederholt unter Napoleon und unter Hitler.
Die Kiewer Rus bestand zum Großteil aus schwedischen Wikingern.
Russland begründet seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine auch mit historischen Ansprüchen. Wie gehen Sie als Historikerin der Frühen Neuzeit damit um?
Sarti: Wenn behauptet wird, die Ukraine sei schon immer russisch gewesen, denke ich: Die Kiewer Rus bestand zum Großteil aus schwedischen Wikingern. Diese Vorstellung, es sei schon immer so gewesen, ist etwas, wogegen wir Historiker:innen grundsätzlich Einspruch erheben. Die Dinge verändern sich immer, und historische Narrative werden der jeweils gegenwärtigen Interessenlage angepasst.
In der frühen Neuzeit gab es diesen Ostseeraum, in dem die Küstenstädte – Danzig, Riga, Stockholm – oft mehr miteinander zu tun hatten als mit ihrem eigenen Hinterland. Das ändert sich im späten 18. Jahrhundert, als die Nationalidee aufkommt. Die Ostsee als verbindendes Meer wird immer mehr zur Grenze, und aus dem Ostseeraum werden Nationalstaaten, die gegeneinander stehen. Das ist eine relativ moderne Entwicklung.
Verbindende kriegerische Geschichte
Ein Beispiel wären auch Dänemark und Schweden: Jahrhundertelang Erzfeinde, heute friedliche Nachbarn.
Sarti: Das ist eines der großen Wunder: Dänemark und Schweden waren die großen Kriegsparteien meiner Forschungsepoche – absolut unvereinbar. Im 18. Jahrhundert sind beide Länder so erschöpft, dass nach dem Großen Nordischen Krieg 1721 kaum noch Kriege gegeneinander geführt werden. Im 19. Jahrhundert findet man schließlich zusammen – gerne gegen die deutschen Aggressoren, was sich im 20. Jahrhundert fortsetzt.
Heute pendeln Menschen zwischen Kopenhagen, Malmö und Lund, als wäre es selbstverständlich. Die Zugverbindung ist schneller als das Pendeln von Ost nach West innerhalb von London – und das, obwohl man jedes Mal eine Staatsgrenze überquert. Diese langen historischen Schatten sind da, aber es gibt eben auch sehr viel Gemeinsames.
Auf einen Blick
Unter dem Titel „In the Name of Sultan, Emperor, and King“ versammelten sich von 27. bis 29. Mai 2026 internationale Wissenschaftler:innen in Wien, um Strukturen delegierter Macht im frühneuzeitlichen Eurasien zu vergleichen. Die vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der ÖAW organisierte Tagung fragte, was islamische, asiatische und europäische Traditionen der Machtdelegation verbindet und voneinander unterscheidet.
