Stadtbild: Wie Frauen mit Migrationsbiografie den öffentlichen Raum erleben
28.11.2025
Wie sicher, sichtbar und selbstbestimmt bewegen sich Frauen mit Migrationsgeschichte in europäischen Städten? Und wie nutzen Frauen im Mittleren Osten den öffentlichen Raum? Diesen Fragen widmete sich ein internationales Team, bestehend aus Forschenden der University of Kurdistan (Iran), des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Yıl University (Türkei). Untersucht wurde die Nutzung öffentlicher Räume durch kurdische Frauen in den europäischen Städten Wien und Köln sowie in der iranischen Stadt Sanandaj und im irakischen Sulaimani.
Die Forschenden führten Online-Befragungen und persönliche Interviews durch, um herauszufinden, welche Rolle Parks, Plätze, Gehsteige oder Einkaufszentren im Alltag dieser Frauen spielen – und welche Hürden ihnen begegnen. „In allen untersuchten Städten erfüllen öffentliche Räume eine zentrale Funktion als Orte der zwischenmenschlichen Begegnung und des kulturellen Austauschs“, erklärt Josef Kohlbacher vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW das zugrunde liegende Forschungsdesign.
Europa: Subtile Barrieren statt offener Einschränkungen
In Wien und Köln wird der öffentliche Raum von den meisten befragten Frauen grundsätzlich als zugänglich wahrgenommen. Hindernisse bestehen weniger in physischen oder institutionellen Beschränkungen, sondern in sozialen und kulturellen Details. So ist in Wien die Erreichbarkeit von Grünflächen oder Freiräumen der wichtigste Einflussfaktor.
Daneben werden sprachliche Hürden, religiöse Unterschiede und ungewohnte Formen sozialer Interaktion als Kontaktbarrieren genannt. Auch Unterschiede in der Kindererziehung oder in Verhaltensnormen können das Zugehörigkeitsgefühl beeinträchtigen. Insgesamt treten diese Hindernisse in Köln etwas seltener auf als in Wien. Besonders in den Nachtstunden fühlen sich Frauen in beiden Städten unsicherer, was die Nutzung öffentlicher Räume deutlich einschränkt.
Mittlerer Osten: Strukturelle Defizite und soziale Kontrolle
Anders stellt sich die Situation in Städten des Mittleren Ostens wie Sanandaj und Sulaimani dar. Dort erschweren vor allem die unzureichende Ausstattung öffentlicher Räume, ihre Übernutzung durch zu viele Menschen sowie eine starke männliche Präsenz die Freiraumnutzung von Frauen.
Zusätzlich prägen dort männliche Dominanz und soziale Kontrolle die Erfahrungen der Befragten: Ehemänner oder Familien schränken die Bewegungsfreiheit teils stark ein, und Kontakte außerhalb des vertrauten Umfelds gelten als riskant oder unangemessen. Viele Frauen berichten von einer ausgeprägten Zurückhaltung gegenüber Fremden – nicht selten verstärkt durch patriarchale Normen und kulturelle Erwartungen, die weibliche Präsenz im öffentlichen Raum begrenzen.
Empfehlungen für eine inklusive Stadtgestaltung
Die Studie schließt mit klaren Empfehlungen für Stadtplaner:innen und politische Entscheidungsträger:innen. Künftige Konzepte zur Gestaltung öffentlicher Räume sollten die spezifischen Bedürfnisse von Frauen mit Migrationsbiografie stärker berücksichtigen, um eine gleichberechtigte Nutzung gemeinsam mit anderen sozialen und ethnischen Gruppen zu ermöglichen.
Wichtig dafür sind die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls, die Gewährleistung physischer Sicherheit und die Förderung selbstbestimmter Teilhabe im öffentlichen Raum. Langfristig, so die Forscher:innen, müsse Stadtplanung „nicht nur physische Räume öffnen, sondern auch mentale und gesellschaftliche Grenzen verschieben“. Die Vision: eine inklusive, geschlechtergerechte Stadt, in der Frauen – unabhängig von Herkunft oder Status – als aktive urbane Akteurinnen sichtbar werden.
Auf einen Blick
Publikation:
Weitere Details zur Studie finden sich im Buch von Hooshmand Alizadeh, Selda Tuncer, Josef Kohlbacher und Sonya Karami mit dem Titel “Women's Empowerment Through Public Space. Gendered Urban Experiences Across the Middle East and Europe”, erschienen bei Springer Cham.
Das Buch ist sowohl als eBook (ISBN 978-3-032-02009-3) als auch als Hardcover (ISBN 978-3-032-02008-6) verfügbar.
DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-032-02009-3
Event-Tipp:
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Sicherheit im Fadenkreuz – Wie verwundbar ist unsere Gesellschaft?

