Zurück
Geschichte

Wallfahrten als mediales Ereignis

Schon im 18. Jahrhundert wurde der Gang in die Pilgerschaft medial beworben. ÖAW-Kunsthistoriker Werner Telesko erforscht diese Dimension von Wallfahrten in einem neuen Projekt und spannt den Bogen zum Pilgerschafts-Boom der Gegenwart.

07.11.2024
Die Basilika am Sonntagberg in Niederösterreich ist seit Jahrhunderten ein bedeutendes Ziel für Wallfahrer:innen, das auch Eingang in bildliche Darstellungen fand - wie etwa auf diesem 1870 entstandenen Gemälde von Johann Wilhelm Jankowsky zu sehen ist. © Wikimedia Commons/Public Domain

Wallfahren liegt im Trend. Egal, ob in der Populärkultur, wo bekannte Persönlichkeiten wie der deutsche Komiker Hape Kerkeling sich auf den Jakobsweg begaben, oder im privaten Umfeld, in dem Wallfahrer:innen speziell seit der Corona-Zeit beim Pilgern innere Einkehr und Spiritualität suchen. Häufig kehren die Pilger:innen mit jeder Menge Erzählungen und Erfahrungen zurück, die sie auch bereitwillig teilen.

Persönliche Darstellungen von Wallfahrten boomen dabei nicht erst in den letzten Jahren. Denn auch im 18. Jahrhundert begaben sich Wallfahrer:innen schon wie moderne Tourist:innen motiviert durch mediale Darstellungen auf ihre Pilgerschaft. So formten Andachtsbilder, Devotionalien oder Liederbücher die Vorstellung von dem, was sich Pilger:innen in den Zielorten ihrer Wallfahrten erwarteten. Diesen medialen Aspekt historischer Wallfahrten will nun das neue Forschungsprojekt "Salvation Economics and Media" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Kooperation mit der Universität Salzburg (IMAREAL) und gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF genauer unter die Lupe nehmen.

Geleitet wird das auf drei Jahre angelegte Projekt von Werner Telesko, Kunsthistoriker am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der ÖAW.  "Sakrales und Profanes gingen schon immer Hand in Hand", hält der Projektleiter fest und erklärt im Gespräch, was er damit meint.

Wallfahrten als mediales Phänomen

Der Jakobsweg liegt im Trend. Was verbindet moderne Wallfahrten mit jenen im 18. Jahrhundert?

Werner Telesko: Die Wallfahrenden der Frühen Neuzeit bewegten sich – modernen Touristen nicht unähnlich – mit einer bestimmten und durch Medien geweckten Erwartungshaltung auf ihre Destination zu. Wallfahrtswege hatten zudem eine enorme Bedeutung für das Handwerk einer Region, unter anderem für die Buchherstellung, aber auch für die Gastronomie. Sakrales und Profanes gingen dabei schon immer Hand in Hand.

Welche Rolle spielten dabei Andachtsbilder, Devotionalien und Liederbücher?

Telesko: Drucke mit Darstellungen der Gnadenbilder wurden häufig auf den Altar gelegt und so mit dem Göttlichen quasi aufgeladen. Sie wurden durch diese Auratisierung (Zuschreibung einer emotionalen und kulturellen Bedeutung, Anm.) als natürliche Kraftquellen von den Gläubigen mitgenommen und etwa in Gebetbücher gelegt. Hinter dieser Medienvielfalt standen auch konkrete Personen, die wir greifbar machen wollen: Im Archiv des Stiftes Seitenstetten etwa sind Rechnungen für den Einkauf solcher Devotionalien für die Pilger:innen am Sonntagberg erhalten. Darin finden sich auch Informationen zu den Verantwortlichen vor Ort. Eine davon ist die geweihte Jungfrau Maria Anna Straubin, die in Rechnungen der 1760er-Jahre neben dem Superior als Ausstellerin und Adressatin von Rechnungen, als Bezahlende, aber auch als Entscheidungsträgerin fassbar wird.

Werbung und Realität

Wie realistisch waren Darstellungen von Wallfahrtsorten auf Andachtsbildern?

Telesko: Das ist ein entscheidender Punkt. Natürlich konnte man verschiedene Medienprodukte schon vor der Wallfahrt konsumieren, um sich entsprechend einzustimmen. Dadurch entstand eine Vorstellung, die dann am Wallfahrtsort konkret eingelöst wurde oder eben nicht. Man hatte also eine quasi-touristische Erwartungshaltung, die immer neu mit der Realität abgeglichen werden musste.

Es gab auch sogenannte Schluckbildchen (...) mittels derer man sich – der Kommunion ähnlich – das Göttliche faktisch einverleiben konnte.

Gab es auch schon so etwas wie Stempel, das man tatsächlich dort gewesen war?

Telesko: Es gab Vordrucke, die man am Ort selbst handschriftlich beglaubigen lassen konnte. Zum Teil wurde auch der Empfang von Sakramenten auf Wallfahrtsbildern dokumentiert, vor allem Beichten oder Eheschließungen. Es gab aber auch sogenannte Schluckbildchen, die das Gnadenbild eines bestimmten Wallfahrtstortes darstellten, mittels derer man sich – der Kommunion ähnlich – das Göttliche faktisch einverleiben konnte. Man muss sich solche Drucke wie Briefmarken vorstellen, die aus einem Bogen herausgerissen oder herausgeschnitten wurden.

Pilgern als Vorform des Tourismus

Lebten die Handwerksbetriebe allein von den Wallfahrer:innen?

Telesko: Es gab bereits früh hochspezialisierte Betriebe, die an den Hauptrouten entstanden. Viele der Produkte hatten allerdings überregionalen Charakter, und fast alle druckgrafischen Bilder, die in Niederösterreich verkauft wurden, sind in Wien produziert worden. Pilgern war nicht nur eine religiöse Praxis und essentielle Kulturtechnik, sondern in gewisser Weise auch eine Vorform touristischer Erlebniskultur. Der Protestantismus hatte hingegen mit seiner restriktiveren und stark schriftgebundenen Disposition nie einen Zugang zur Wallfahrt gefunden, während der Katholizismus die moderne touristische Erlebniskultur vorbereiten half.

Im Rahmen von frühneuzeitlichen Wallfahrten spielten profane Geschäftsentscheidungen, die nichts mit Religion zu tun hatten, ebenso eine Rolle wie die Suche nach zutiefst persönlichen Erfahrungen. Zugleich hatte die Wallfahrt als Instrument der Sozialdisziplinierung eine wichtige Funktion. Im Kern ging und geht es aber – wie bei den heutigen Pilgern am Jakobsweg – um die unauslöschliche Suche nach individuellen (spirituellen) Erfahrungen: Der Weg ist das Ziel – aber in der Betrachtung dieser anthropologischen Grundkonstante stößt auch die Wissenschaft an ihre Grenzen.

 

Auf einen Blick

Werner Telesko ist Kunsthistoriker am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der ÖAW, wirkliches Mitglied der ÖAW und Leiter des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts Salvation Economics and Media.