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ESCKulturforschung

Song Contest: Große Festspiele von Kultur und Politik

Der Eurovision Song Contest ist weit mehr als ein Musikwettbewerb. Über europäische Identität, kommerzielle Vereinnahmung und die politische Dimension kultureller Großereignisse, spricht ÖAW-Politikwissenschaftlerin Monika Mokre.

30.04.2026
Foto einer abgedunkelten Veranstaltungshalle mit einer bunt erleuchteten Bühne in der Mitte
Politik spielt beim eigentlich unpolitisch inszenierten Song Contest Jahr für Jahr eine große Rolle - auch schon 2017, als die große Show in der Ukraine über die Bühne ging.
© AdobeStock

Der alljährliche Eurovision Song Contest (ESC) findet am 16. Mai zum 70. Mal statt. Bei diesem Liederwettbewerb, der dieses Jahr in Wien ausgetragen wird, treten Länder aus Europa und darüber hinaus mit eigens komponierten Titel gegeneinander an. Der Song Contest inszeniert sich als unpolitisches Musikevent, wird aber immer wieder zur Bühne für gesellschaftliche und politische Konflikte. Monika Mokre, Politikwissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt im Interview, warum das kein Widerspruch ist, sondern im Wesen von Kultur liegt.

Unpolitische Kunst?

Kann Kultur überhaupt unpolitisch sein? Der Song Contest möchte als unpolitisches Event gesehen werden – doch gleichzeitig wird er immer wieder zur Bühne gesellschaftlicher Debatten. Ist der Anspruch, unpolitisch zu sein, bei einem Großereignis dieser Art überhaupt glaubwürdig – oder von vornherein illusorisch?

Monika Mokre: Ich glaube, dass Kulturproduktion und Kunst nie wirklich unpolitisch sind. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Politik im Allgemeinen und Tagespolitik. Schon die klassische Kulturtheorie betont den Mehrwert, den Kultur für die Gesellschaft dadurch schafft, dass politische Fragen indirekt angesprochen werden: Denken wir an Friedrich Schiller, der von der Schaubühne als „moralischer Anstalt“ sprach – einen Ort, an dem man den Alltag verlässt, politische Konstellationen und Machtkämpfe aus der Distanz beobachtet und daraus lernt. In dieser Idee steckt der Anspruch, eben nicht tagespolitisch zu sein, sich nicht in aktuelle politische Auseinandersetzungen einzumischen. Doch der Song Contest ist als Wettbewerb der Nationen unweigerlich auf direktere Art politisch, und je nach Weltlage auch tagespolitisch.

Musik und Lieder sind oft direkt politisch. Denken Sie an französische Chansons, deutsche Liedermacher:innen oder Partisan:innenlieder.

Offiziell sind die öffentlichen Rundfunkanstalten die Mitglieder des ESC, doch diese sind eng mit ihren Nationalstaaten verbunden. In der Geschichte des ESC gab es immer wieder Boykottaufrufe – doch nach dem Angriff auf die Ukraine wurde 2022 erstmals ein Land, nämlich die Russische Föderation, ausgeschlossen. Damit wurde ein Präzedenzfall geschaffen und dass jetzt über den Ausschluss Israels diskutiert wird, zeigt, wie sehr der ESC politische Realitäten widerspiegelt.

Hinzu kommt: Musik und Lieder sind oft direkt politisch. Denken Sie an französische Chansons, deutsche Liedermacher:innen oder Partisan:innenlieder. Es gibt sogar einen „Protest-Song-Contest“ in Wien. Bei dieser Kombination – Großereignis, nationale Repräsentation und Musik – ist der Anspruch, unpolitisch zu sein, eine Illusion.

Von gesellschaftlichen Debatten bis zur Kommerzialisierung

Conchita Wursts Sieg 2014 wurde weltweit als Symbol für die Rechte queerer Menschen gefeiert. Kann ein Auftritt auf einer Showbühne dasselbe bewirken wie politischer Aktivismus – oder besteht die Gefahr, dass er ihn ersetzt?

Mokre: Ersetzen kann er ihn nicht. Politischer Aktivismus bleibt notwendig – gerade jetzt, wo es in diesem Bereich wieder Rückschläge gibt. Solche Momente auf Showbühnen werden erst durch Aktivismus möglich. Gleichzeitig profitiert der Aktivismus von großen Bühnen wie dem ESC: Sie machen Themen sichtbar.

Allerdings gibt es auch die Gefahr der Kommerzialisierung. Die Pride Parade etwa war einst eine politische Avantgarde für Minderheitenrechte. Heute präsentieren sich dort viele Unternehmen. Der Kapitalismus hat die Fähigkeit, Kritik zu vereinnahmen und zu vermarkten. Man denke an Greenwashing in der Klimabewegung oder Pinkwashing in Bezug auf LGBTIQA*-Rechte.

Politische Instrumentalisierung

Instrumentalisiert die Politik die Kultur – oder ist es umgekehrt? Im vergangenen Jahr empfing Österreichs Bundesregierung den Countertenor JJ nach seinem ESC-Sieg mit großem Aufwand im Bundeskanzleramt. Eine politische Vereinnahmung kultureller Leistungen?

Mokre: Das ist ähnlich wie beim Sport: Nicht der Künstler oder die Sportlerin gewinnt, sondern die Nation. „Wir sind JJ!“ – so wird es wahrgenommen. Besonders in Ländern wie Österreich, Frankreich oder Polen wird Kultur gerne als Teil der nationalen Identität inszeniert. Politiker:innen zeigen sich bei kulturellen Großereignissen, und es gibt diesen Mythos: „Österreich ist flächenmäßig klein, aber eine kulturelle Großmacht.“

Die Frage ist: Wessen Kultur zählt hier?

Hier spielen die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs „Kultur“ eine zentrale Rolle. Wir sprechen von Kultur, wenn wir von Kunst oder Kulturproduktionen sprechen, aber auch im Sinne von Lebensstilen und gesellschaftlichen Werten, etwa wenn es um „Leitkultur“ geht, also darum, was „uns“ ausmacht und andere ausschließt. Die Frage ist: Wessen Kultur zählt hier? Welche Kultur wird sichtbar gemacht, welche nicht? Das ist eine eminent politische Entscheidung.

Vielfalt Europas

Kulturhauptstädte, Weltausstellungen, internationale Festivals – steckt in diesen Formaten immer schon eine Vorstellung davon, welche Kulturen „zählen“ und welche nicht?

Mokre: Die Kulturhauptstädte Europas etwa wurden in den 1980er Jahren ins Leben gerufen – zu einer Zeit, als die EU kaum kulturelle Kompetenzen hatte. Die Idee stammte von Melina Mercouri, die als griechische Kulturministerin die europäische Identität stärken wollte. Interessant ist: Heute sind es oft kleinere Städte oder Regionen, die als Kulturhauptstädte ausgewählt werden, also Orte, die nicht automatisch als „Kulturstädte“ assoziiert werden. Das hat durchaus politischen Charme: Es zeigt das vielfältige kulturelle Erbe der EU, auch abseits der Metropolen. Kritisch sehe ich allerdings die Nachhaltigkeit für die Städte. Aber das ist ein anderes Thema.

Weltausstellungen andererseits wurden in der Vergangenheit oft als koloniale Großereignisse inszeniert, in der Kulturen des globalen Südens zu einem abwertenden Spektakel verkommen sind. Und internationale Festivals gibt es in erster Linie im globalen Norden und ihre Gestaltung entspricht auch dessen Interessen, auch wenn es geringe, aber zunehmende Beachtung für kulturelle Produktionen aus dem globalen Süden gibt.

Song Contest als kultureller Kitt

Alexander Van der Bellen sprach in der diesjährigen Neujahrsansprache von einem „Europa-Patriotismus“, den wir entwickeln sollten. Kann der Eurovision Song Contest, das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken?

Mokre: Ich glaube schon, dass der ESC verbindend wirkt. Die Leute hören sich die Lieder an – und wenn sie in der Landessprache sind, bekommen sie vielleicht auch ein Gefühl für diese Sprache oder auch für Sprachenvielfalt allgemein. Ob das aber als europäisch wahrgenommen wird, ist fraglich. Die europäische Identität ist nach wie vor viel schwächer ausgebildet als die nationale.

Jürgen Habermas hat deshalb das Konzept des Verfassungspatriotismus entwickelt. Dieses soll Identität über gemeinsame politische Werte wie Demokratie, Pluralismus und Meinungsfreiheit stiften, statt über ethnische Zugehörigkeit. Dies ist ein sehr rationaler Zugang zu Identität, der wohl auch zu kurz greift, weil der emotionale Aspekt ausgeklammert bleibt; er hat aber gerade in Bezug auf die EU in manchen Perioden eine gewisse Wirkung entfaltet. Doch die EU macht politisch derzeit keinen besonders attraktiven Eindruck. Wenn man sieht, wie sie auf internationale Krisen reagiert – oder eben nicht reagiert –, wirkt das nicht gerade identitätsstiftend.

Russland und Israel

„Canceln“ und der Ruf nach Canceling werden zur gängigen Praxis.

Nach dem Ausschluss der Russischen Föderation und den Debatten um Israel entsteht der Eindruck, dass kulturelle Großereignisse zunehmend als Sanktionsinstrument genutzt werden. Ist das eine neue Qualität – oder nur sichtbarer geworden?

Mokre: Ich glaube, es wird zur Methode, in vielen Bereichen von Kultur und Wissenschaft. Dass Russland ausgeschlossen wurde und jetzt über Israel diskutiert wird, zeigt: „Canceln“ und der Ruf nach Canceling werden zur gängigen Praxis. Das finde ich zwar verständlich, aber auch bedenklich.

Gleichzeitig ist der ESC ein Sonderfall: Politische Äußerungen sind dort eigentlich verboten. Andere Veranstaltungen können leichter Raum für Diskussionen bieten. Insgesamt würde ich es für zielführender halten, Künstler:innen aus allen Ländern eine Bühne zu bieten und zugleich auch politische Symbolik beim Auftritt nicht auszuschließen.

 

Auf einen Blick

Monika Mokre ist Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie ist seit 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ÖAW, seit 2009 am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW. Mokre hat Lehraufträge am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Universität für Musik und darstellende Kunst und an der Webster University Vienna.