Photovoltaik in den Alpen
26.08.2024
Unberührte Natur, weite Berglandschaften, blühende Almwiesen – und Photovoltaik-Kraftwerke? Wie realistisch ist es, dass zur idyllischen Kulisse in den Alpen künftig auch Photovoltaik, kurz PV-Freiflächenanlagen, hinzukommen? Dieser Frage gehen Forscher:innen der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und der Universität Graz im Projekt BioPV der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nach. Am Beispiel der österreichischen Biosphärenparks untersuchen sie das Potenzial für PV-Freiflächenanlagen. Projektleiter Patrick Scherhaufer von der BOKU Wien erklärt im Interview, warum solche Untersuchungen nur sinnvolle Ergebnisse liefern können, wenn neben technischen und wirtschaftlichen Fragen auch ökologische Faktoren sowie die Anliegen der lokalen Bevölkerung berücksichtigt werden.
Werden bald überall in der Landschaft neue PV-Anlagen gebaut?
Patrick Scherhaufer: Wir sehen den steigenden Strombedarf durch Elektromobilität, Industrie und Wärmepumpen und wissen, dass zusätzlicher erneuerbarer Strom in Österreich hauptsächlich durch Wind oder PV generiert werden kann, weil das Wasserkraftpotenzial weitgehend ausgeschöpft ist. Selbst wenn wir alle Dächer im Land sowie Parkplätze, Autobahnen und Bahntrassen mit PV ausstatten, können wir den zukünftigen Bedarf nicht zu 100 Prozent mit Erneuerbaren decken. Deshalb gilt es jetzt, vernünftige Grundlagen für die Standortentscheidungen von PV-Freiflächenanlagen zu schaffen.
Potenzial und Auswirkungen von Photovoltaik
Was ist das Besondere am Projekt BioPV?
Scherhaufer: Wir untersuchen seit Herbst 2022 das Potenzial und die Auswirkungen von Photovoltaik-Freiflächenanlagen in Österreich in Zusammenarbeit mit Bürger:innen und anderen Stakeholdern. Dabei berücksichtigen wir nicht nur die technische und wirtschaftliche Dimension, sondern auch Aspekte der Artenvielfalt und soziale Komponenten wie die Vereinbarkeit mit den Interessen der Bevölkerung.
Fix ist, dass wir in Zukunft wirklich viele Flächen mit PV-Anlagen versehen müssen. Da treffen auch viele Interessen aufeinander.
Wie sieht das konkret aus?
Scherhaufer: Unser Team besteht aus 13 Forscher:innen, die aus vielen unterschiedlichen Disziplinen kommen. Unterstützt werden wir in unserer Arbeit von einer 25 Personen umfassenden Stakeholder-Gruppe, die aus Vertreter:innen der Biosphärenparks, KEM Regionen, Landesverwaltungen, Unternehmen, Interessensvertretungen und NGOs besteht. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist eine Herausforderung, aber nur durch diesen inter- und transdisziplinären Ansatz kommen wir bis zum Projektende 2025 zu einer wirklich umfassenden Beurteilung und können Problemlösungsstrategien sowie Handlungsempfehlungen erarbeiten.
Mehrdimensionale Österreichkarte
Wie wird die Potenzialanalyse durchgeführt?
Scherhaufer: Wir modellieren das PV-Freiflächen-Potenzial für ganz Österreich, wobei der Schwerpunkt aber auf den vier österreichischen Biosphärenparks liegt. In die Modellierung werden unterschiedliche Daten wie solare Einstrahlung, Terrain, Abstände zu Siedlungsgebieten und Landnutzungskategorien einbezogen. Gebiete wie Nationalparks und die Kernzonen der Biosphärenparks, wo menschlicher Einfluss so weit wie möglich verhindert werden soll, können dabei sehr einfach ausgeschlossen werden. Zudem wird auch das Potenzial von Dachanlagen berücksichtigt, welches aber bei weitem nicht ausreicht, um bis 2040 das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Gemeinsam mit den Bürger:innen vor Ort werden wir wichtige Parameter der öffentlichen Wahrnehmung der Anlagen erarbeiten, die ebenfalls in das landesweite Modell integriert werden, genau wie ökologische Faktoren. Am Ende entsteht eine mehrdimensionale Österreichkarte mit potenziell gut geeigneten Flächen für Photovoltaikanlagen, die auch aus Umwelt- und Bevölkerungsperspektive umsetzbar sind.
Die Biodiversitätskrise, in der wir uns befinden, ist wahrscheinlich noch gefährlicher, als die Klimakrise.
Welche möglichen Folgen für die Artenvielfalt werden untersucht?
Scherhaufer: Wir prüfen anhand bestehender PV-Anlagen in den Biosphärenparks und geeigneter Vergleichsflächen die Auswirkungen auf das Vorkommen von Wildbienen, Heuschrecken und Tagfaltern, um besser zu verstehen, wie sich die PV-Module auf das Ökosystem auswirken. Die Biodiversitätskrise, in der wir uns befinden, ist wahrscheinlich noch gefährlicher als die Klimakrise. Es geht buchstäblich ums Überleben, denn die landwirtschaftliche Nahrungs- und Futtermittelproduktion ist weltweit abhängig von der Bestäubung durch zahlreiche Insektenarten, die immer stärker unter Druck kommen. Die aus Klimaschutzgründen unverzichtbare Energiewende muss daher die Biodiversität fördern oder zumindest intakte Ökosysteme schonen. Deshalb ist es uns ein besonderes Anliegen, diesen Aspekt mit in die Untersuchung aufzunehmen und eine Stimme für den Artenschutz in die Energiedebatte einzubringen.
Sind PV-Anlagen schlecht für die Biodiversität?
Scherhaufer: Das hängt immer von den Verhältnissen ab. Wenn wir die Paneele auf einem ehemaligen Maisacker mit stark gedüngtem Boden aufstellen, kann das positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben, weil die Wiese anschließend nur mehr gemäht oder beweidet wird. Spätes und eingeschränktes Mähen kann Blütenpflanzen fördern, die wichtig für Wildbienen sind. Genau solche Kriterien und Monitoringmaßnahmen bestehender und zukünftiger Anlagen wollen wir im Projekt erarbeiten. Fix ist, dass wir in Zukunft wirklich viele Flächen mit PV-Anlagen versehen müssen. Da treffen auch viele Interessen aufeinander: Nur weil ich mit PV-Kraftwerken mehr Gewinn aus einer Fläche ziehen kann, darf zum Beispiel die landwirtschaftliche Produktion nicht verdrängt werden, wobei kombinierte Anlagen – sogenannte Agri-PV – bewusst kein Schwerpunkt in diesem Projekt sind.
Ausgleich von Interessen
PV-Anlagen nur an Standorten mit geringem landwirtschaftlichem Ertrag und fernab von Siedlungen zu errichten, wird nicht ausreichen, um die Zielsetzungen zu erreichen.
Haben wir genug Flächen, um unseren Bedarf mit PV nachhaltig zu decken?
Scherhaufer: Das rein technische und ökonomische Potenzial in Österreich ist sicher groß genug. Es ist aber denkbar, dass das Angebot unter Berücksichtigung von ökologischen und gesellschaftlichen Einschränkungen nicht ausreicht. Dann muss sich die Politik überlegen, welchen Interessen in der jeweiligen Region Vorrang gegeben wird. Die Ansprüche an eine soziale Verträglichkeit oder an eine landwirtschaftliche Verfügbarkeit der Flächen müssen dann eventuell eingeschränkt werden. PV-Anlagen nur an Standorten mit geringem landwirtschaftlichem Ertrag und fernab von Siedlungen zu errichten, wird nicht ausreichen, um die Zielsetzungen zu erreichen.
Werden die Anrainer:innen das akzeptieren?
Scherhaufer: Für die Gesellschaft bedeuten größere Freiflächenanlagen immer auch Eingriffe in das Landschaftsbild. Das kann zum Beispiel gelindert werden, indem PV-Kapazitäten bevorzugt dort installiert werden, wo durch Windkraft oder andere Infrastruktur bereits eine Veränderung des Landschaftsbildes und bestehende Stromnetze vorhanden sind. Das kann zum Beispiel auch ein Skigebiet mit Lifttrassen und Speicherseen sein. Wir sind gerade dabei für unser Projekt Interviews mit Bürger:innen zu führen, um mögliche Auswirkungen mit ihnen im Detail zu besprechen.
Wie funktioniert das?
Scherhaufer: Mit Hilfe einer Fragebogenuntersuchung erhalten wir auch repräsentativere Ergebnisse. So erfahren wir, was die Menschen an PV-Anlagen in ihrer Nähe potenziell stören könnte. Mit unserem Landscape-Lab haben wir zudem eine interaktive Visualisierungshilfe entwickelt, mit der Bürger:innen selbst Anlagen in der Region planen und mittels Virtual-Reality-Brille sehen können. Diese Labs werden wir auch in drei der vier österreichischen Biosphärenparks einsetzen. Um den wichtigen und hochaktuellen öffentlichen Diskurs bestmöglich zu unterstützen, wollen wir im Projekt auch Erzählungen einer nachhaltigen Energiewende entwickeln und veröffentlichen.
AUF EINEN BLICK
Das inter- und transdisziplinär ausgerichtete Projekt BioPV wird im Rahmen des Forschungsprogramms Earth System Sciences (ESS), ein von der ÖAW durchgeführtes Programm des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung, gefördert. ESS zielt auf die Erforschung des Systems Erde ab. Im Rahmen von Ausschreibungen werden Forschungsprojekte gefördert, die dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen.
