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Peter Thiel, J.D. Vance und Co.: Warum die politische Rechte das Christentum neu entdeckt

Das Christentum als Ideologie für eine postliberale Welt? Rechte Vordenker wie Peter Thiel berufen sich auf religiöse und apokalyptische Motive, um die liberale Demokratie zu diskreditieren. Warum sich politische Konflikte zunehmend im religiösen Feld spiegeln, und wie sie religiöse Debatten neu strukturieren, darüber spricht die ÖAW-Religionssoziologin Kristina Stoeckl.

22.07.2026
Ein Mann legt seine Hand auf eine Bibel
© AdobeStock

Der US-Techmilliardär Peter Thiel gilt als einer der einflussreichsten Vordenker der amerikanischen Rechten. Als Mitgründer von PayPal, Investor von Facebook und Förderer von US-Vizepräsident J.D. Vance verbindet er libertäre Politik mit religiösen und apokalyptischen Ideen. Als die Wiener Festwochen ihn heuer zu einer Debatte über „Armageddon und Antichrist“ einluden, löste das heftige Proteste aus. Nach Boykottdrohungen von Künstler:innen wurde die Veranstaltung wieder abgesagt.

Der Fall zeigt, wie stark religiöse Ideen heute wieder in politische Auseinandersetzungen eingreifen. Von US-Konservativen über europäische Rechtspopulist:innen bis hin zu religiösen Fundamentalist:innen berufen sich immer mehr Akteure auf das Christentum. Die Religionssoziologin Kristina Stoeckl, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professorin an der Universität LUISS in Rom, untersucht diese Entwicklung seit Jahren. Im Gespräch erklärt sie, warum sich politische Konflikte zunehmend im religiösen Feld spiegeln – und weshalb die entscheidende Frage heute nicht mehr lautet, wie Religion Politik beeinflusst, sondern wie Politik Religion verändert.

Religion als Gegenmodell zum Liberalismus

Warum spielen religiöse Ideen in rechten Bewegungen derzeit eine so große Rolle?

Kristina Stoeckl: Antiliberale Strömungen greifen heute verstärkt auf religiöse Themen zurück. Dabei geht es allerdings nicht einfach um eine Rückkehr der Religion, sondern um die Suche nach einem ideologischen Gegenmodell zum politischen Liberalismus. Akteure wie Peter Thiel, J.D. Vance oder Vertreter des katholischen Neo-Integralismus lehnen die Vorstellung ab, dass das Individuum und seine Rechte im Zentrum der politischen Ordnung stehen sollen. Sie argumentieren stattdessen mit natürlichen Ordnungen, Hierarchien und traditionellen Rollenbildern. Religion wird dabei zu einer Ressource, aus der politische Argumente geschöpft werden.

Peter Thiel beruft sich häufig auf religiöse und apokalyptische Motive.

Stoeckl: Thiel ist ein Sonderfall. Er verbindet wirtschaftlichen Libertarismus mit einem sehr eigenwilligen Verständnis von Christentum. Besonders prägend ist für ihn der französische Anthropologe René Girard, dessen Theorie des „Sündenbockmechanismus“ und des mimetischen Begehrens er auf Politik und Wirtschaft überträgt. Interessant ist, dass Thiel daraus eine sehr ungewöhnliche Schlussfolgerung zieht. Während Wettbewerb normalerweise als Motor von Innovation gilt, betrachtet er Rivalität als potenziell zerstörerisch. Deshalb sieht er Monopole positiver als viele andere Wirtschaftsliberale. Sein Christentum ist dabei weniger von religiöser Praxis geprägt als von einer intellektuellen Aneignung theologischer Ideen.

Thiel verbindet Religion, Technologie, Kapitalismus und politische Theorie auf eine Weise, für die es kaum historische Vorbilder gibt.

Reaktionärer Katholizismus in neuem Gewand

Wie unterscheidet sich Thiel von Figuren wie J.D. Vance oder dem katholischen Neo-Integralismus?

Stoeckl: Worauf sie sich einigen können, ist die Vorstellung, dass das Christentum eine Ideologie für eine postliberale Welt liefern könnte. Ihre religiösen Quellen sind aber nicht unbedingt dieselben. Bei Vance oder Vertretern des Neo-Integralismus steht stärker ein reaktionärer Katholizismus im Vordergrund, der viele Entwicklungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kritisch sieht. Thiel ist schwieriger einzuordnen. Er bewegt sich in einem viel breiteren Feld religiöser und philosophischer Einflüsse. In gewisser Weise finde ich Thiel sogar beunruhigender. Der traditionalistische Katholizismus ist ein bekanntes Phänomen. Thiel hingegen verbindet Religion, Technologie, Kapitalismus und politische Theorie auf eine Weise, für die es kaum historische Vorbilder gibt.

Kirche zwischen Konservatismus und Demokratie

Welche Rolle spielt dabei die katholische Kirche?

Stoeckl: Interessanterweise erscheint die katholische Kirche heute manchen Beobachter:innen fast als Gegenpol zu Teilen der autoritären Rechten. Das ist bemerkenswert, weil die Kirche selbst keineswegs liberal ist. Sie bleibt eine stark hierarchische Institution und vertritt in vielen gesellschaftspolitischen Fragen wie der Geschlechtergleichheit, der Vorstellung einer natürlichen Ordnung eine konservative Position. Gleichzeitig verteidigt sie aber demokratische Ordnungen, lehnt Führerkulte ab und betont die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Im Vergleich zu autoritären Bewegungen wirkt sie deshalb heute demokratischer, als viele erwarten würden.

Konservative Katholiken, Evangelikale oder Protestanten arbeiten plötzlich zusammen, weil sie gemeinsame Gegner sehen.

Warum kommt es gerade jetzt zu dieser neuen Verbindung von Religion und Politik?

Stoeckl: Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschte lange die Vorstellung vor, dass liberale Demokratie und internationale Kooperation alternativlos seien. Diese Gewissheit ist verloren gegangen. Heute verläuft die zentrale ideologische Konfliktlinie zunehmend zwischen liberalen und illiberalen Vorstellungen von Gesellschaft. Wer einen Gegenpol zum Liberalismus sucht, findet in religiösen Traditionen ein Reservoir an Ideen, das Individualismus, Selbstbestimmung oder bestimmte Vorstellungen von Fortschritt kritisch betrachtet. Religion wird dadurch politisch wieder interessant.

Culture Wars: Wie religiöse Konflikte neue Allianzen schaffen

Handelt es sich um ein amerikanisches Phänomen?

Stoeckl: Die Dynamik begann in den USA besonders früh. Dort sprechen Soziologen seit den 1990er-Jahren von den „Culture Wars“, den Kulturkämpfen. Entscheidend ist dabei, dass die Konflikte nicht mehr zwischen religiösen und säkularen Menschen verlaufen, sondern innerhalb der religiösen Gemeinschaften selbst. Konservative Katholiken, Evangelikale oder Protestanten arbeiten plötzlich zusammen, weil sie gemeinsame Gegner sehen – etwa bei Themen wie Abtreibung, Familienpolitik oder Geschlechterrollen. Diese konfessionsübergreifenden Allianzen beobachten wir inzwischen auch in Europa.

Über Podcasts, soziale Netzwerke oder digitale Plattformen entstehen neue Öffentlichkeiten für die religiöse Rechte.

Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

Stoeckl: Sie ermöglichen eine Reichweite, die früher kaum denkbar gewesen wäre. Religiöse Akteure sprechen heute nicht mehr nur Menschen innerhalb ihrer eigenen Konfession an. Über Podcasts, soziale Netzwerke oder digitale Plattformen entstehen neue Öffentlichkeiten. Ideen zirkulieren schneller und erreichen Zielgruppen weit über traditionelle religiöse Milieus hinaus. Dadurch gewinnen Akteure Sichtbarkeit, die früher nur lokal oder innerhalb kirchlicher Strukturen bekannt gewesen wären. Der umstrittene österreichisch-amerikanische Zisterzienserpater Edmund Waldstein gehört zu den prominentesten Stimmen des katholischen Neo-Integralismus. Diese Denkrichtung betrachtet den politischen Liberalismus als Irrweg und plädiert für eine stärkere Orientierung der Politik an christlichen Normen. Waldstein ist international gut vernetzt und wird häufig als wichtiger Stichwortgeber jener konservativen katholischen Milieus genannt, die auch für Politiker wie J.D. Vance oder Teile der amerikanischen Rechten interessant geworden sind.

Politik verändert Religion

Prägt die Politik die Religion?

Stoeckl: Genau das ist eine der zentralen Fragen meiner aktuellen Forschung. Lange ging die Religionssoziologie davon aus, dass religiöse Überzeugungen politische Einstellungen beeinflussen. Heute sehen wir zunehmend auch die umgekehrte Richtung: Politische Polarisierung verändert religiöse Gemeinschaften. Menschen suchen mitunter religiöse Räume auf, die ihren politischen Überzeugungen entsprechen. Politische Konflikte strukturieren religiöse Debatten neu. Deshalb reicht die alte Vorstellung „Religion beeinflusst Politik“ nicht mehr aus, um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen.

Menschen suchen religiöse Räume auf, die ihren politischen Überzeugungen entsprechen.

Was bedeutet das für die Forschung?

Stoeckl: Wir erleben derzeit eine grundlegende Neujustierung zwischen Religionssoziologie und politischer Soziologie. In den 1990er- und 2000er-Jahren beschäftigte sich die Forschung vor allem mit der Frage, wie Religion in die Politik zurückkehrt – häufig mit Blick auf den politischen Islam. Heute müssen wir ähnliche Fragen auch an das Christentum stellen. Wir sollten nicht mehr nur untersuchen, wie Religion Politik beeinflusst. Ebenso wichtig ist die Frage, wie politische Konflikte Religion verändern, neue religiöse Akteure hervorbringen und religiöse Traditionen neu interpretieren. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die christlichen Kirchen sich dagegen sperren, einfach nur ein rechtes Ideenreservoir zu sein. Gerade darin liegt derzeit eine der spannendsten Forschungsaufgaben.

 

Zur Person

Kristina Stoeckl ist Religionssoziologin und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forschte an der CEU in Budapest, am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und mit einem APART-Stipendium der ÖAW an der Universität Wien. Die Preisträgerin eines ERC Starting Grants war Direktorin des Instituts für Soziologie der Universität Innsbruck und ist seit 2023 Professorin an der Freien Internationalen Universität für Soziale Studien (LUISS) in Rom.