Fußball und Kolonialismus: Wie Afrika die Fesseln sprengte und zu einer Säule des Weltsports wurde
16.07.2026
Rassistische Entgleisungen gegen Frankreichs Nationalmannschaft, Spaniens Ex-Premier Mariano Rajoy, der französischen Spielern ihre Zugehörigkeit zur französischen Nation abspricht sowie Schikanen bei der Einreise für Teams aus dem Iran, Senegal oder Marokko: Die aktuelle Fußball-WM zeigt, dass Rassismus im Sport - ungeachtet aller Kampagnen des Fußball-Weltverbands FIFA - keineswegs der Vergangenheit angehört.
Tatsächlich ist kaum ein Sport so tief mit kolonialer Herrschaft verwoben wie Fußball. Von Arthur Wharton, dem ersten bekannten afrikanischen Profispieler im England des 19. Jahrhunderts, über die restriktive Vereinspolitik in den französischen Kolonien bis zu den Unabhängigkeitsbewegungen der 1960er-Jahre: Die Geschichte des afrikanischen Fußballs ist eine Geschichte von Kontrolle, Widerstand und Selbstbehauptung. Die Historikerin Claire Nicolas ordnet im Gespräch mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein, wie eng Migration, Politik und Sport miteinander verknüpft sind – und wie Geschichte bis heute nachwirkt.
Kolonialismus machte Fußball global
Die weltweite Verbreitung des Fußballs ist eng mit kolonialen Machtverhältnissen verknüpft. Wie lässt sich die Geschichte des Fußballs aus dieser Perspektive erzählen?
Claire Nicolas: Wenn man auf das britische Empire blickt, sieht man, dass es bereits im 19. Jahrhundert erste afrikanische Spieler in Großbritannien gab. Ein Spieler namens Arthur Wharton, ein Ghanaer, spielte in den 1880er-Jahren um die britische Meisterschaft. Heute wird in Europa oft von „diversen Teams“ gesprochen, aber das verweist eigentlich auf eine viel längere Geschichte.
Arthur Wharton, ein Ghanaer, spielte in den 1880er-Jahren um die britische Meisterschaft.
Auch in Frankreich gab es seit Anfang des 20. Jahrhunderts, besonders in den 1930er-Jahren, Spieler aus Nordafrika in französischen Meisterschaftsspielen. Das gibt es also schon seit über einem Jahrhundert, und es hängt auch damit zusammen, wie der Sport selbst nach Afrika kam und dort gespielt wurde.
Europas Fußball profitierte massiv von Afrika
Inwiefern?
Nicolas: Das sehen wir besonders in Westafrika, wo das Spiel vor allem von denjenigen mitgebracht wurde, die zum Arbeiten oder Studieren ins Ausland reisten, oft an Elite-Schulen. Wenn sie zurückkamen, brachten sie das Fußballspiel mit und glaubten, es könne eine gute Chance für junge Menschen sein. Sie förderten es, gründeten Ligen und Vereine. So entwickelte sich der afrikanische Fußball von Anfang an auf sehr internationale Weise – immer verbunden mit Reisen nach London, nach Paris, in die kolonialen Metropolen.
Ich denke, das ist gerade jetzt besonders wichtig: In Frankreich haben wir viel darüber gelesen, wie Kylian Mbappé während der aktuellen Weltmeisterschaft als „nicht französisch“ bezeichnet und rassistisch beleidigt wurde. Dabei sind französischer und afrikanischer Fußball schon immer miteinander verflochten gewesen. Viele Menschen sind „Afropäer“, also europäische Staatsbürger mit afrikanischem Erbe.
Gleichzeitig spiegelt diese Geschichte ein zutiefst ungleiches Verhältnis wider: die koloniale Metropole als Zentrum, in dem die größten, wohlhabendsten Vereine sitzen, die sich hohe Gehälter leisten können – was in Westafrika schlicht nicht der Fall ist.
Angst der Kolonialmächte vor Afrikas Fußballern
Blicken wir noch weiter zurück. Gab es auch eine Zeit, in der Kolonialherren Fußball in den Kolonien verboten, weil sie ihn als „das Spiel des weißen Mannes“ ansahen?
Nicolas: Das hing von der jeweiligen kolonialen Gesetzgebung ab und davon, was die Kolonialbehörden unter Sport verstanden. An britischen Schulen etwa wurde Fußball für die Söhne der Elite stark gefördert, damit sie einen gewissen „britischen Ethos“ annahmen und sich wie richtige britische Jungen benahmen.
Viele Menschen sind „Afropäer“, also europäische Staatsbürger mit afrikanischem Erbe.
In den französischen Kolonien wurde er nicht in gleicher Weise geschätzt. Es gab das rassistische Vorurteil, afrikanische Männer könnten das Spiel nicht richtig verstehen oder seien nicht „klug genug“ dafür. Es gab auch die Angst, der Sport könne gefährliche Ideen wecken – denn auf dem Platz sind alle gleich, und wenn eine schwarze Mannschaft eine weiße besiegte, könnte das bestimmte Gedanken pflanzen. Deshalb gab es im französischen Westafrika eine ziemlich strenge Gesetzgebung: In Côte d’Ivoire zum Beispiel durfte ein Sportverein nicht von einem Afrikaner geleitet werden, sondern musste unter der Aufsicht eines Kolonialherrn stehen. Das hatte reale Auswirkungen auf die Entwicklung der Sportvereine dort. Im britischen Westafrika hingegen, besonders in Ghana, konnten Afrikaner schon in den 1920er-Jahren eigene Vereine gründen – solche Vereine entstanden entlang der gesamten Atlantikküste.
Frauenfußball wurde gezielt unterdrückt
War diese Art von Kontrolle auf Männer beschränkt, oder gab es in derselben Zeit ähnliche Einschränkungen für Frauen?
Nicolas: Interessanterweise ja. In derselben Zeit gab es auch eine starke Gegenbewegung gegen den Frauenfußball in ganz Europa. Er hatte während des Ersten Weltkriegs tatsächlich geblüht, als europäische Frauen in Fabriken arbeiteten und in ihrer Freizeit spielten. Aber als die Männer zurückkehrten, blieb kein Platz mehr dafür, nicht genug Einrichtungen. In England führte das 1921 zu einem landesweiten Verbot, das bis 1971 bestehen blieb – das Spiel galt als für Frauen ungeeignet.
Es gab das rassistische Vorurteil, afrikanische Männer könnten das Spiel nicht richtig verstehen.
Diese Entwicklung war kein Einzelfall: Auch die frühen Weltmeisterschaften – besonders die im faschistischen Italien Mussolinis – prägten den Sport mit Männlichkeit und Nationalismus. Das galt schon seit den allerersten Anfängen der FIFA und der Fußballvereine.
Und in afrikanischen Ländern?
Nicolas: Bereits Anfang der 1940er-Jahre finden sich Spuren von Frauen, die im britischen Westafrika Fußball spielten. Das war jedoch selten genug, dass es in Zeitungen erwähnt wurde. Und die britischen Kolonialbeamten missbilligten es. 1950 weitete die britische Kolonialverwaltung in Nigeria das Verbot des Frauenfußballs aus. Das Spiel wurde in den 1970er-Jahren wiederbelebt.
Die afrikanischen Staatschefs in den Sechzigern wussten sehr genau, dass Sport politisch ist. Sie organisierten Boykotte und trugen dazu bei, dass Südafrika aus internationalen Sportorganisationen ausgeschlossen wurde.
Welche Rolle spielte Fußball ab 1960, im sogenannten „afrikanischen Jahr“, als 18 Kolonien gleichzeitig ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erlangten?
Nicolas: In den 1960er-Jahren versuchten viele afrikanische Staatschefs, eigene Meisterschaften aufzubauen. Nach der Kolonialzeit wollten sie sicherstellen, dass afrikanische Spieler Teil eines neuen, einheimischen Wettbewerbs waren. Es war ein Jahrzehnt voller Hoffnung, als diese Länder unabhängig wurden und neue Staaten aufbauten – der Sport sollte „afrikanisiert“ werden. Damals verfolgten Staatschefs wie Mobutu im Kongo oder Nkrumah in Ghana einen protektionistischen Ansatz gegenüber dem Fußball. Ghanas erster Präsident bestand zum Beispiel darauf, dass man in Ghana leben müsse, um für die Nationalmannschaft zu spielen. Das prägte den afrikanischen Fußball über Jahrzehnte: Sogar der Afrika-Cup schränkte ein, wie viele in Europa spielende Spieler Teil eines Nationalkaders sein durften (zwei Spieler im Ausland). Diese Regel wurde 1965 verabschiedet und erst 1982 wieder aufgehoben.
Fußball gegen Apartheit
Auf welche Weise war der Sport auch ein Instrument im antikolonialen und im Antiapartheids-Kampf?
Nicolas: Die afrikanischen Staatschefs in den Sechzigern wussten sehr genau, dass Sport politisch ist. Sie organisierten Boykotte und trugen dazu bei, dass Südafrika aus internationalen Sportorganisationen ausgeschlossen wurde. Sport war zentral, um eine panafrikanistische Agenda voranzutreiben. Erst später, in den 1980er-Jahren, kam es zu einem Wandel: Wegen der Wirtschaftskrisen und Strukturanpassungsprogramme jener Zeit begann eine neue Ära intensiver, arbeitsmigrationsgetriebener Fußballbewegung.
Erfolgreich dank Afrikas Beitrag
Es gibt Momente, in denen Fußball zu einem Ort wird, an dem Menschen sich begegnen und etwas teilen. Aber diese Momente sind flüchtig.
Fußball präsentiert sich gerne als Brücke zwischen Kulturen, als Spiel, das die Welt eint. Kann er Rassismus bekämpfen?
Nicolas: Das ist eine wichtige Frage, denn Fußball bedeutet so vielen Menschen weltweit so viel. Man denke an Frankreich 1998, als es mit einer von Zinédine Zidane angeführten Mannschaft zum ersten Mal Weltmeister wurde. Damals riefen die Menschen auf den Champs-Élysées „Zizou Président“. Das war die goldene Ära von „Black-Blanc-Beur“, ein Slogan, der sowohl als politisches Statement für Multikulturalismus und Integration diente als auch als Symbol für die französische Nationalmannschaft der 1990er-Jahre. Damals wurde viel positiv über Frankreich als Schmelztiegel gesprochen. Aber nur drei Jahre später, am 11. September 2001, änderte sich die Stimmung gegenüber Migration in Frankreich durch die Terroranschläge in den USA vollständig.
Es gibt also manchmal Momente, in denen Fußball tatsächlich zu einem Ort wird, an dem Menschen sich begegnen und etwas teilen. Aber diese Momente sind flüchtig. Und es ist schlicht falsch zu sagen, Fußball sei unpolitisch.
Weitere Informationen
Claire Nicolas ist eine französische Historikerin für Afrika- und Globalgeschichte. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Gender, Imperialismus, Globalisierung und der Dekolonisierung des 20. Jahrhunderts. Seit November 2024 leitet sie als Ambizione Fellow an der Universität Basel ein Forschungsprojekt zur Young Women's Christian Association (YWCA) in Afrika.
