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MigrationEUGEO-Kongress an der ÖAW

„Migration kann Lösung für abgehängte Regionen sein“

Geograf Daniel Göler erklärt im Rahmen einer Konferenz in der ÖAW, wie Abwanderung, Alterung und Mobilität ländliche Regionen Europas prägen – und welche Chancen Zuwanderung bieten kann.

12.09.2025
Foto einer alten steinernen Brücke, die in Richtung eines baufälligen Hauses führt
Viele ländliche Regionen Europas, wie dieses französische Dorf, haben schon bessere Zeiten gesehen.
© AdobeStock

Viele ländliche Regionen Europas kämpfen mit Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung. Geograph Daniel Göler von der Universität Bamberg beschäftigt sich mit geographischer Migrations- und Transformationsforschung und daher auch mit den räumlichen und sozialen Folgen selektiver Abwanderung. Im Rahmen des 10. EUGEO-Kongresses vom Verband der Geographischen Gesellschaften Europas in den Räumlichkeiten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien erklärt Göler, was genau hinter dem Begriff „left behind areas“ steckt, welche Rolle Mobilität und Nicht-Mobilität spielen und wie Migration und lokale Politik helfen können, den Teufelskreis von Abwanderung, Überalterung und Schwund von Infrastruktur zu durchbrechen.

Left behind areas

Was sind „left behind areas“?

Daniel Göler: Der Begriff hört sich ein bisschen brutal an, „left behind“ bedeutet im Deutschen ja zurückgelassen, vernachlässigt oder übersehen. Wörtlich übersetzt sind „left behind areas“ abgehängte Regionen. Dahinter stecken zwei Ebenen. Erstens eine strukturelle: Regionen mit schlechter Infrastruktur, geringer Bevölkerungsdichte, schlechter Verkehrsanbindung und oft auch schlechter digitaler Anbindung. Die zweite Ebene umfasst ein Gefühl: das „feeling of being left behind“ – Menschen in abgehängten Regionen fühlen sich oft zurückgelassen, nicht gehört, von Öffentlichkeit und Politik übersehen und übergangen in politischen Prozessen. Das kann zu Unruhe führen und in der Konsequenz enden, dass die Menschen ein extremes Wahlverhalten entwickeln. Etwa mit Hang zu rechten Parteien, von denen die Menschen erwarten, dass sie Lösungen haben. Das sehen wir beispielsweise in Ostdeutschland momentan stark.

In abgehängten Regionen sind jene Menschen, die wegwollen, ohnehin schon gegangen.

Welche Bedeutung hat Mobilität – oder auch fehlende Mobilität – für „left-behind areas“?

Göhler: Viele Regionen, die als „left behind areas“ gelten, leiden schon seit längerem unter strukturellen Problemen: demografischer Wandel, Abwanderung und vor allem selektiver Abwanderung jüngerer Menschen. Das beschleunigt die strukturelle Alterung der Bevölkerung. Weniger Einwohner bedeuten auch weniger Infrastruktur, denn für Gemeinden wird es immer schwieriger, Kindergärten, Schulen oder medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Durch selektive Mobilität, also durch das Wegziehen von Bevölkerungsgruppen, werden die Probleme generell verstärkt. In abgehängten Regionen sind jene Menschen, die wegwollen, ohnehin schon gegangen, sie haben Mobilität genutzt, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Problematisch wird es, wenn Menschen aus einer Region wegwollen, aber nicht wegkönnen. Letzten Endes führt das dazu, dass sie sich ein bisschen gefangen in ihrer Lebenswelt fühlen können. Das ist kein bundesdeutsches oder österreichisches Problem, sondern ein Problem in ganz Europa, wenn nicht in der westlichen Welt und insgesamt im globalen Norden.

Politische Folgen

Welche Probleme gibt es noch in „left Behind Areas“?

Göhler: Wichtig ist: Abwanderung verstärkt letzten Endes die Probleme der Gemeinden und hat Auswirkungen auf die Gemeindefinanzen. Weniger Einwohner heißt weniger Steuereinnahmen und damit Schwierigkeiten, Angebote aufrechtzuerhalten. Wenn ich beispielsweise ein Schwimmbad in meiner Gemeinde habe, dann muss ich das irgendwie erhalten. Wenn sich die Kosten aber nur noch auf 100 statt auf 1000 Leute verteilen, dann wird das problematisch. So kann es zum Rückbau von Infrastrukturen kommen. Die latente Unzufriedenheit in den „left behind areas“ führt dann oft dazu, dass sich die Leute von der Politik auch nicht mehr gehört fühlen. Was Politik und Verwaltung tun, wird als nicht ausreichend empfunden. Das führt wiederum dazu, dass sich die Menschen von traditionellen Parteien abwenden, weil sie denken: Mit denen ist bis jetzt nichts passiert. Also drücken sie ihre Unzufriedenheit durch das Wählen von rechten oder vielleicht sogar rechtsextremen Parteien aus. In Deutschland wird man demnächst bei den Wahlen wieder sehen, dass die AfD in „left behind areas“ ganz stark sein wird. Auch Kolleg:innen in Portugal und in Spanien berichten von denselben Vorgängen. Das Wählen von rechten Parteien bedeutet aber nicht, dass es dann in Zukunft besser wird. Ich sehe im Moment nicht wirklich Lösungsansätze, die da angeboten werden. 

Die eine Lösung gibt es nicht.

Gibt es Beispiele von Gemeinden und Regionen, die Lösungen für die Probleme zeigen?

Göhler: Die eine Lösung gibt es nicht, „one size fits all“ ist hier nicht anwendbar. Wir müssen immer auf die lokale Ebene schauen. Ein Beispiel, von dem ich gehört habe, ist eine kleine Grenzgemeinde zwischen Portugal und Spanien, die durch einen sehr aktiven Bürgermeister und lokales Engagement zum Beispiel kleine Softwarefirmen ansiedeln konnte und den Bevölkerungsrückgang insgesamt zumindest eindämmen konnte. Es gibt Einzelbeispiele, aber deren Lösungsansätze auf andere Gemeinden überzustülpen funktioniert nicht. Man muss immer auf die lokalen Spezifika der jeweiligen Region schauen.

Migration und Integration

Welche Rolle kann Migration spielen? 

Göhler: Migration kann tatsächlich ein Weg zur Problemlösung sein. Auf individueller Ebene können die Leute sagen – ganz platt ausgedrückt: Mir ist es jetzt hier zu dumm, ich gehe woanders hin. Vorausgesetzt man hat die Möglichkeiten, das zu realisieren. Auf der anderen Seite kann Zuwanderung auch auf räumlicher Basis, auf Gemeindeebene beispielsweise, zur Problemlösung beitragen. Es gibt Gemeinden, die durch internationale Zuwanderung ein Stück weit ökonomische Probleme gelöst haben. Beispiele dafür gibt es in Portugal und Spanien, wo durch Zuwanderung Arbeitskräfte für die Landwirtschaft gewonnen wurden, die es vorher nicht gab. Von daher ist Europa beim Stichwort demografischer Wandel langfristig auf Zuwanderung angewiesen. Das gilt nicht nur für die städtischen Räume, sondern verstärkt auch für die ländlichen Räume. Man muss die Migration aber politisch begleiten:  Menschen dürfen nicht einfach nur irgendwohin geschickt werden – ob Arbeitsmigrant:innen oder Geflüchtete. Man müsste sie begleiten und dafür sorgen, dass ihre Integration in die ländliche Gemeinschaft mit Maßnahmen aktiv gefördert und gestärkt wird. Da sehe ich momentan noch ganz viel Luft nach oben. 

Könnte der Trend, dass es viele Menschen von der Stadt wieder aufs Land zieht, eine Chance für “left behind areas” sein?

Göhler: Es gibt durchaus Menschen, die nach vielen Jahren in der Großstadt aufs Land ziehen wollen – weil sie die Hektik, die Enge und den Stress in der Stadt nicht mehr möchten. Dieses Phänomen ist nicht neu, schon in den 1990er-Jahren wurde darüber geforscht. Aber es ist kein Massenphänomen. Die Erwartung, dass ländliche Regionen allein durch ihre Natur und ihr Leben im Grünen, viele Leute zum Kommen bewegen können, ist unrealistisch. Die Infrastruktur muss etwa passen oder auch die digitale Anbindung. Dann kann das funktionieren, muss es aber auch nicht. Jedenfalls ist das Phänomen kein Selbstläufer.

 

Auf einen Blick

Daniel Göler ist Professor für Geographische Migrations- und Transformationsforschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Bevölkerungsgeographie und regionale Transformationsprozesse.