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Politik"Flüchtlingskrise"

2015 - Das Jahr, in dem Migration Europa veränderte

Im Sommer 2015 wurden für wenige Tage die Grenzkontrollen aufgehoben, mehr als 80.000 Menschen suchten in Österreich Asyl oder reisten weiter nach Deutschland. Wie sich die Wahrnehmung und Politik seither verändert haben, erklären die ÖAW-Migrationsforscher:innen Rainer Bauböck und Wiebke Sievers.

01.09.2025
Viele gingen 2015/2016 auf die Straßen, um ihre Solidarität mit geflüchteten Menschen zu zeigen. © Mika Baumeister/Unsplash

2015 markierte eine Zäsur in der europäischen Migrationspolitik. Für manche bedeuteten die Grenzöffnungen eine „Flüchtlingskrise“, für andere war es der „Sommer der Migration“ – oder schlicht das Jahr, in dem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte „Wir schaffen das“ und Österreichs damaliger Kanzler Werner Faymann: „Balken auf für die Menschlichkeit“. Zehn Jahre später bleibt Migration eines der zentralen politischen Themen. Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung seitdem verändert? Und welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

Wir haben darüber mit zwei Migrationsforscher:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gesprochen: Rainer Bauböck, ÖAW-Mitglied und ehemaliger Professor für soziale und politische Theorie am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, sowie Wiebke Sievers, Co-Leiterin der Themenplattform Migration und Diversität sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW.

Framing und Erinnerung

„Das Framing von Migration hat sich dramatisch geändert“, sagt Rainer Bauböck. Dies habe weniger mit der Migration selbst zu tun, sondern vielmehr mit den politischen Umbrüchen ab 2016 – Brexit, Trump, dem Aufstieg nationalpopulistischer Kräfte. „Liberale Argumente für die Offenheit und den Einwanderungsbedarf europäischer Gesellschaften und menschenrechtliche für Solidarität mit Geflüchteten finden seither viel schwerer Gehör“, so der Politikwissenschaftler.

Das Jahr 2015 werde vielfach als eines der „Fehlentscheidungen“ dargestellt, dabei ging es damals um die Frage, ob die offenen Schengen-Grenzen angesichts spontaner Fluchtbewegungen geschlossen werden sollten. Für Merkel sei ein gewaltsames Vorgehen gegen Schutzsuchende an den deutschen Grenzen weder ethisch noch politisch vertretbar gewesen. Dass die Krise ihre Ursachen auch in ungelösten Konstruktionsfehlern der Dublin-Regeln und dem Scheitern solidarischer Verteilungsversuche in der EU hatte, ist weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.

Von der Willkommenskultur zur Angstpolitik

Die kurze Phase der sogenannten „Willkommenskultur“ erscheint für Wiebke Sievers rückblickend eher als Ausnahme – eingebettet in eine wesentlich längere Entwicklung, die vom Erstarken rechtspopulistischer Parteien geprägt ist. Bereits in den 1990er-Jahren, mit dem Aufstieg Jörg Haiders in Österreich, habe sich jener „nationalpopulistische und rechtsextreme Blick auf Migration zu etablieren begonnen, der heute Politik und Medien dominiert“. Parallel dazu habe sich auch die Medienlandschaft tiefgreifend verändert. „Die sozialen Medien spielen jenen in die Hände, die gezielt Angst schüren“, betont Sievers – und die „Politik der Angst“ wüssten populistische Parteien zu nutzen.

Es gibt zwar ein dominantes Framing, betont Migrationsforscherin Sievers, aber „zugleich eine große Vielfalt von Stimmen zu diesem Thema“. Geflüchtete selbst und Menschen, die geholfen haben, blicken ganz anders auf 2015 als jene, die damals nur Bilder im Fernsehen sahen. Literarische Zeugnisse wie die von Hamed Abboud, der selbst aus Syrien flüchten musste, oder dem österreichischen Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft Vladimir Vertlib, machen die Diversität der Perspektiven auf Migration sichtbar.

Migration als Kristallisationspunkt

Wie also haben die vergangenen zehn Jahre Europa verändert? Für Bauböck ist klar: „Politisch sind rechtsradikale Parteien stärker geworden.“ Doch sei Migration nicht die Hauptursache. Seit der Finanzkrise 2008 sieht der Migrationsforscher eine dramatische Zunahme globaler Krisen, darunter die Klimakrise, die Corona-Pandemie, der Zerfall der internationalen Sicherheitsordnung und die durch künstliche Intelligenz beschleunigte digitale Revolution. Migration erscheine dabei als sichtbares Symbol staatlichen Kontrollverlusts.

Sievers verweist darauf, dass Migration politisch überproportional gewichtet wird: Ob Bildung, Wohnen oder Finanzen – viele Probleme werden mit Migration verknüpft. Das eigentliche Problem aber sei, dass Migration bis heute als Ausnahme betrachtet werde – anstatt als gesellschaftliche Normalität. Denn: „Dass zu wenige leistbare Wohnungen gebaut wurden und zu wenig Lehrkräfte eingestellt wurden, ist nicht die Schuld der Geflüchteten, die seit 2015 nach Österreich gekommen sind“, argumentiert die ÖAW-Forscherin.

Spielräume für humane Politik

Mit dem im Juni 2026 in Kraft tretenden Migrations- und Asylpakt antwortet die EU auf den Druck der Mitgliedstaaten, indem sie den Außengrenzschutz und die Kontrolle irregulärer Migration in den Mittelpunkt stellt. Bauböck hebt hervor, dass der Pakt zwar den richtigen Ansatz einer stärkeren Europäisierung der Migrationssteuerung verfolge. Problematisch sei jedoch, dass er „keine überzeugenden Antworten auf die humanitäre Katastrophe auf den Todesrouten nach Europa“ biete und die angekündigte Schaffung „gesetzeskonformer Pfade für reguläre Migration“ eher vage und unverbindlich bleibe. Sievers betont: Reguläre Routen für Flucht- und Arbeitsmigration seien notwendig, um Menschenleben zu retten und jenen Asyl zu gewährleisten, die es brauchen.

Was also braucht es, damit eine an Menschenrechten orientierte Migrationspolitik Mehrheiten in Österreich und Europa findet? Bauböck verweist auf Forschungsergebnisse: „Demokratische Mehrheiten unterstützen Öffnung, wenn sie mit wohlverstandenen Eigeninteressen begründet wird.“ Staaten wie Kanada hätten in der Vergangenheit gezeigt, dass damit auch humanitäre Spielräume erweitert werden können. Der Politikwissenschaftler rät in Österreich daher, den demografischen und wirtschaftlichen Bedarf an Zuwanderung sowie die Vorteile offener EU-Binnengrenzen und wachsender kultureller Vielfalt hervorzuheben – ohne die Integrationsprobleme und politischen Versäumnisse zu verschweigen.