Maja Göpel: Wissenschaftskommunikation als Dialog
29.01.2025
Zum zweiten Mal fand am Vortag des Wiener Balls der Wissenschaften eine Ballvorlesung statt und zwar erneut an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Zu Gast im barocken und vollen Festsaal der ÖAW war diesmal Maja Göpel. Unter dem Titel „Das hehre Ziel der Wahrheitssuche“ ging sie der Frage nach: Welches Rollenverständnis trägt die Wissenschaft durch wilde Zeiten?
Fakten statt Meinungen
Und wilde Zeiten sind es angesichts von Klimakrise, Ukraine- und Nahostkrieg sowie der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten derzeit tatsächlich. Dennoch dürfe man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, so Matthias Karmasin, Direktor des Instituts für vergleichende Medien-und Kommunikationsforschung der ÖAW und der Universität Klagenfurt, in seinen einleitenden Worten.
Es sei zu früh das Projekt der Aufklärung als beendet oder gar gescheitert zu erklären, so Karmasin. Vielmehr ginge es mehr denn je darum, in der Kommunikation von Wissenschaft nicht nur den Nutzen und die Relevanz von Wissenschaft zu betonen, sondern auch zu erklären, was die wissenschaftliche Weltauffassung genau bedeutet.
„Wir müssen deutlich machen, dass man in der Wissenschaft mit der besten zur Verfügung stehenden Wahrheit operiert, anstatt mit Überzeugungen. Und wir müssen klarstellen, dass Fakten keine Ansichtssache sind, über die man unterschiedlicher Auffassung sein kann.“ Karmasin ist überzeugt, dass man das nach wie vor große Vertrauen in die Wissenschaft, auch durch wissenschaftlichen Fortschritt untermauern kann. „Denn: Irrtum ist möglich, Zweifel ist wertvoll, man kann und soll lernen, aber basierend auf anerkannten Methoden, auf Evidenz und dem bestgesicherten Wissen der Zeit.“
Wissen als Dialog
Leichter gesagt als getan, denn allzuoft werden heute Fakten und Fiktionen, Wissenschaft und Meinung, Qualitätsmedien und Social Media in einen Topf geworfen. Wie schafft man es also, dass Wissenschaft bei den Menschen ankommt?
Wissenschaftskommunikation muss in beide Richtungen gehen, sagt dazu Politökonomin Maja Göpel: „Wissen-schaffen ist ein Dialog. Methodische Prozesse erklären, Fragen einsammeln und beantworten, Zusammenhänge verdeutlichen und Lust auf Verstehen machen – denn nur dann kann die eigene unabhängige Selbstwirksamkeit erhalten bleiben und Manipulationen können erkannt werden.“
Unsichere Zeiten
Wissensvermittlung in unsicheren Zeiten hat drei Zutaten, so Göpel. Erstens: Verständniswissen, also das Wissen darüber, was gerade passiert. Das beinhaltet eine Einschätzung, in was für einer Art von Krise wir uns gerade befinden und welches Ausmaß an Veränderung nötig ist.
„Zweitens, Handlungswissen, das aufzeigt: Was können wir tun, welche Maßnahmen gibt es? Die Wissenschaft kann hier Optionen zeigen und Pfade anbieten zwischen dem Heute, was langsam zerbröselt, und dem Neuen, wo wir hinwollen.“
Und drittens das Gefühl Sinn zu erleben, also „das Gefühl, dass es sinnvoll ist, sich einzusetzen. Dazu gehört auch die Wahrnehmung, dass andere mitziehen, dass wir über die Summe der einzelnen Handlungen das Problem in den Griff kriegen können“, erklärt die Autorin, deren neues Buch Werte. Ein Kompass für die Zukunft kürzlich erschienen ist.
Antworten auf drängende Fragen
Die beste Definition von Wissenschaft ist für sie daher die organisierte Antwortsuche auf die Fragen unserer Zeit. „Sie ist dafür mitverantwortlich, ihre Erkenntnisse transparent und verständlich in die Gesellschaft zu tragen und dort auch zuzuhören. Sie prägt die Informationsbasis, auf der Bürger:innen Entscheidungen treffen.“
Um Vertrauen in die Wissenschaft und Relevanz der Wissenschaft zu stärken, muss auch transportiert werden, wie die Ergebnisse der Forschung zustande gekommen sind, erklärt Maja Göpel. „Wir müssen zum Beispiel mitteilen wie ein Forschungsdesign entwickelt wurde, was die leitende Fragestellung war, welche Parameter deshalb eingebaut wurden und von welchen Annahmen man ausgegangen ist.“
So können die Aussagen von Forscher:innen wirklich miteinander verglichen werden und Menschen, welche die Forschungsergebnisse betrachten, können erst gar nicht zu dem zu dem Schluss kommen, „dass zwei verschiedene Aussagen zu einem Thema heißt, dass es keine Übereinkunft in der Wissenschaft gibt. Diese Informationen mit zu kommunizieren, könnte also das Vertrauen stärken.“
Trendwende
Forschende sollten demnach auch transportieren, dass sie in einem lernenden Prozess bleiben und neue Möglichkeiten beobachten. „Wissenschaft bleibt in Bewegung, ist immer auf der Suche nach dem nächsten Schritt“. So kann der Resignation in Krisenzeiten, einem „Es ist eh zu spät“-Gefühl, entgegengesetzt werden, dass „jeder Trend, auch wenn er noch so negativ ist, noch mal gedreht werden kann. Dass wir noch neue Ideen einbringen können.“
AUF EINEN BLICK
Die Vienna Lecture on Science Communication findet traditionell am Tag vor dem Wiener Ball der Wissenschaften als Ballvorlesung statt. Das Organisationskomitee des Balls lädt zusammen mit der ÖAW und den Wiener Vorlesungen in den Festsaal der Akademie ein. Heuer fand die Lecture mit Maja Göpel am 24. Jänner 2024 statt. Redner im Vorjahr war Marc Abrahams, Schöpfer und Spiritus Rector der legendären Ignoble-Preise.
