Litauen im Mittelalter: heidnisch, multikulturell, liberal
09.10.2025
Erste Impulse zur Staatsgründung von Litauen gab es im 13. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert war das Großfürstentum Litauen bereits eine europäische Großmacht, die über ein riesiges Reich herrschte, das sich über die heutige Belarus, Ukraine, Teilen von Polen und Russland bis zum Schwarzen Meer zog. Wie dieses multikulturelle Imperium entstehen konnte, in dem Sprache, Religion und Selbstverwaltung der eingegliederten Territorien weitgehend erhalten blieben, thematisiert der litauische Mittelalterforscher Darius Baronas in seinem Vortrag „The formation of the Lithuanian state and expansion into the lands of Rus“, den er am 16. Oktober im Rahmen der Ringvorlesung an der Universität Wien halten wird.
Die Ringvorlesung im Wintersemester 2025-26 rückt Litauen und seine wechselhafte Geschichte ins Zentrum. Sie beschäftigt sich mit „Europas unbekannte Großmacht: Litauen zwischen historischer Reichbildung und moderner Staatlichkeit“ und wird am 9. Oktober feierlich eröffnet.
Der letzte heidnische Staat Europas
Worum wird es in Ihrer Vorlesung gehen?
Darius Baronas: Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Entstehung des litauischen Staates im Spätmittelalter und seiner Expansion in die Kiewer Rus’. Sobald Litauen in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Staat wahrgenommen werden kann, hat es sich rasch zu einer Regionalmacht entwickelt, indem es Teile des Landes der Kiewer Rus’ annektiert. Ich möchte einen umfassenden Überblick geben, damit die Menschen besser verstehen, wie der letzte heidnische Staat in Europa entstanden ist. Und wie es möglich war, dass er sich zu einer Großmacht entwickelte, indem er eine Mischung aus heidnischen und orthodoxen Bevölkerungsgruppen umfasste, die unter einem Dach der staatlichen Organisation lebten.
Litauen war ein Fleckerlteppich unterschiedlicher Länder und Fürstentümer, die von der Dynastie der Gediminiden regiert wurden.
Es gab also viele unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen, die harmonisch zusammenlebten?
Baronas: Ja, in gewissem Sinne war es, was wir heute als multikulturelle Gesellschaft bezeichnen. Ich werde versuchen darzustellen, wie Litauen funktionierte, obwohl es kein zentralisierter Staat war. Es war vielmehr ein Fleckerlteppich unterschiedlicher Länder und Fürstentümer, die von der litauischen Dynastie der Gediminiden regiert wurden. Es gab keine fest verflochtenen politischen Strukturen, außer dass sie auf jährlicher Basis einen Tribut zahlen oder gelegentlich Truppen senden mussten, um die von den Großfürsten von Litauen geführten Feldzüge zu unterstützen. Diese Länder wurden in ihrem täglichen Leben größtenteils ungestört gelassen. Und das über einen sehr langen Zeitraum: Vom 13. bis ins frühe 15. Jahrhundert fand eine Entwicklung statt, in der unterschiedliche Kulturen unter einem Dach lebten, aber keiner strengen administrativen Kontrolle unterworfen waren. Vilnius war tatsächlich eine multikulturelle Stadt, das ist ein wichtiger Punkt in der litauischen Geschichte.
Die litauischen Heiden repräsentierten eine mündliche Kultur, die sehr wenige schriftliche Spuren hinterließ.
Wem gehörte Litauen?
Welche schriftlichen Quellen gibt es dazu?
Baronas: Wenn ich mit Kolleg:innen aus westeuropäischen Ländern wie Österreich spreche, gehen diese meist davon aus, dass unser Land mit schriftlichen Quellen so gut versorgt ist wie sie es kennen. Aber wir sind weit davon entfernt, denn die litauischen Heiden repräsentierten die mündliche Kultur, die sehr wenige schriftliche Spuren hinterließ. Herausragende Beispiele dafür sind einige diplomatische Verträge oder die Briefe von Gediminas, die 1323 in die Hansestädte geschickt wurden, um deutsche Neusiedler einzuladen, nach Litauen zu kommen und sich dort niederzulassen. Wie sich das alltägliche Leben abspielte, ist in einigen ruthenischen und teutonischen Chroniken festgehalten. Aber diese Berichterstattung ist sehr dünn im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern. Das lässt natürlich auch Platz für eine fiktionalisierte, romantisierte Annäherung an die litauische Geschichte. Mich interessiert die Frage: Wem gehörte dieses Großfürstentum? Den litauischen Dynastien? Den Litauern? Den Ruthenen? Oder war es ein gemeinsames Erbe, auf das alle Beteiligten gemeinsam Anspruch haben.
Die Vergangenheit liefert Blaupausen für politische Aktionen der Gegenwart.
Das klingt utopisch und modern. Wie lief diese Expansion ab?
Baronas: Der litauische Staat expandierte kontinuierlich bis Mitte des 15. Jahrhunderts, das beruhte hauptsächlich auf den Bedürfnissen der herrschenden Dynastie, den Lebensunterhalt für ihre Mitglieder, für die Söhne und Töchter der Großfürsten, zu sichern. Man war darauf ausgerichtet, entlang der Handelswege zu expandieren. Aber diese Expansion unterschied sich deutlich von jener Moskaus, die riesige Gebiete der ehemaligen Kiewer Rus annektierte und daraus das russische Imperium machte. Auch darüber würde ich gerne im Rahmen meiner Vorlesung diskutieren: Wie ist es Litauen gelungen, ein dezentraler und autonomer Patchwork-Staat zu sein, im Unterschied zu einem autokratischen Regime, bei dem alle anderen Länder als Eigentum des Zaren betrachtet wurden? Wir sehen diese Haltung nach wie vor im Angriffskrieg von Putin auf die Ukraine. Bereits historisch betrachtet, gab es unterschiedlichen Herangehensweisen an die Realität, die uns bis heute prägen. Die Vergangenheit liefert Blaupausen für politische Aktionen der Gegenwart.
Aber wurden diese Fürstentümer denn alle diplomatisch angeschlossen?
Baronas: Viele der Länder waren bereits von der Goldenen Horde verwüstet worden. Die meisten von ihnen waren gar nicht in der Lage, länger bewaffneten Widerstand zu leisten, weil die litauische Expansion durch eine Kombination verschiedener Mittel erfolgte, die gleichzeitig zum Einsatz kamen. Der militärische Druck war erst der letzte Schritt. Es gab eine umfangreiche Heiratspolitik, um Länder einzugliedern. Wobei die Beziehung zu den Tataren der Goldenen Horde eine überaus komplexe war, darauf möchte ich auch kurz bei meiner Vorlesung eingehen. Denn in vielen Teilen der heutigen Ukraine war das System der Steuererhebung zwischen Litauern und Tataren an der Tagesordnung. Es gab viele Kompromisse, die Litauer erhielten ihren Anteil ebenso wie die Tataren. Diese Situation änderte sich grundsätzlich erst dann, sobald die Litauer als die neukonvertierten Katholiken unter Vytautas an Kreuzzügen teilnahmen und der Machtbereich bis auf die Schwarzmeerküste zwischen Dniester und Dnieper ausgedehnt wurde.
Auf einen Blick
Darius Baronas ist Mittelalterforscher am Lithuanian Institute of History. Seine Forschungsinteressen umfassen u.a. die Geschichte des Christentums in Litauen vom 13. bis 18. Jahrhundert, die Geschichte des Deutschen Ordens und der Kreuzzüge sowie die Geschichte von Vilnius vom 14. bis 18. Jahrhundert.
