Österreich - eine geheime Kolonialmacht?
15.09.2025
Die Habsburgermonarchie ist als Großmacht, die sich über weite Teile Mittel- und Osteuropas erstreckte, im Bewusstsein der Österreicher:innen fest verankert. Deutlich weniger bekannt ist, dass die politischen Ambitionen der österreichischen Herrscher:innen nicht an den Grenzen Europas endeten: Als andere Großmächte begannen, die Welt von Europa aus zu kolonisieren, beteiligte sich - entgegen der landläufig vorherrschenden Meinung - auch die Habsburgermonarchie auf unterschiedliche Weise an der imperialistischen Expansion.
Walter Sauer forscht zu diesem dunklen und lange unbeachteten Aspekt der österreichischen Geschichte. Bei einem Symposium der Themenplattform "ÖAW kolonial" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) spricht der Historiker der Universität Wien über die Habsburgermonarchie als potenzielle Kolonialmacht. Im Gespräch schildert er, was darunter zu verstehen ist und warum Österreich sich seiner kolonialen Vergangenheit besser stellen sollte.
Österreich und der Kolonialismus
Ich sehe Habsburg-Österreich als potenziell kolonialen Staat.
Was hat Österreich als neutrales Land mit dem Kolonialismus zu tun?
Walter Sauer: Wir leben heute zwar in einer postkolonialen Welt. Der Kolonialismus ist - mit wenigen Ausnahmen - Geschichte. Zugleich geht die weltweite Wohlstandsverteilung, die wir bis in die Gegenwart beobachten, unter anderem auf den historischen Kolonialismus zurück. Im sogenannten Norden, wo die früheren Kolonialmächte liegen, ist der Großteil des Wohlstandes monopolisiert. Der Süden, zu dem die früher kolonial ausgebeuteten Länder zählen, hat den geringsten Teil vom Kuchen abbekommen. Österreich, das zum Norden gehört und von der Umverteilung des weltweiten Reichtums profitiert, trägt eine historische Verantwortung, der es sich auch stellen muss.
Aber im Gegensatz zu Spanien, England oder Frankreich hatte Österreich doch nie Kolonien?
Sauer: Ja und nein. Ich sehe Habsburg-Österreich als potenziell kolonialen Staat. Im Vergleich mit diesen westeuropäischen Ländern setzte der koloniale Impetus in Österreich um fast ein Jahrhundert später ein. Es haben sich aber sehr wohl auch in Österreich mit dem Kolonialismus verbundene Prozesse, sowohl politische als auch wirtschaftliche, entwickelt - nur eben etwas langsamer.
Bereits im 18. Jahrhundert kam es zu vorübergehenden kolonialen Landnahmen durch die Habsburgermonarchie. Im 19. Jahrhundert nahmen koloniale Bestrebungen dann stark zu. Diese Entwicklung wurde erst durch den 1. Weltkrieg und den Zerfall der Monarchie gestoppt.
Kolonialpolitik unter Fürst Metternich
Wie war Österreich am Kolonialismus beteiligt?
Sauer: Die Versuche, selbst Kolonien zu erwerben, sind letztlich zwar großteils gescheitert. Aber die Habsburgermonarchie war durchaus erfolgreich darin, andere Länder bei der Eroberung von Kolonien zu unterstützen. Beispielsweise wurde Frankreich beim Angriff auf Algerien 1830 über mehrere Jahre hinweg die österreichische kommerzielle Flotte zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe französische Truppen nach Nordafrika transportiert wurden - ein wesentlicher Beitrag zur kolonialen Eroberung Algeriens.
Österreich war nicht nur an politischen Diskussionen, sondern auch militärisch beteiligt.
Darüber hinaus hatte Österreichs Außenpolitik seit Metternich (Anm.: Staatskanzler Fürst Metternich, der nach den napoleonischen Kriegen in Europa ein neues Gleichgewicht der Mächte vorantrieb) eine untergründig koloniale Ausrichtung: Metternich dachte gesamteuropäisch und das beinhaltete nach seiner Anschauung immer auch Kolonialpolitik. Dadurch war die Habsburgermonarchie bei vielen politischen Entscheidungen der europäischen Kolonialmächte involviert und ratifizierte diese auch - sogar die Kongo-Akte von Berlin, in der 1885 die Aufteilung Afrikas besiegelt wurde.
Österreich war aber nicht nur an politischen Diskussionen zwischen Europas Kolonialmächten, sondern immer wieder auch militärisch beteiligt. Etwa 1840 beim britischen Angriff auf Ägypten. Oder 1900, als eine multilaterale europäische Intervention unter Beteiligung österreichischer Soldaten und Schiffe die Boxeraufstände, eine nationalistische antikoloniale Bewegung in China, niederschlug.
Politische und wirtschaftliche Motive
Welches Interesse hatte der österreichische Staat, sich am Kolonialismus zu beteiligen?
Sauer: Das waren verschiedene. Zum einen sehen wir die klare monarchistische Intention, Unabhängigkeitsbewegungen zu bekämpfen. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte etwa Lateinamerika in der Außenpolitik Metternichs einen hohen Stellenwert. Österreichs antiliberaler Staatskanzler befürchtete, dass revolutionäre Bewegungen, in diesem Fall gegen die Kolonialmächte Spanien und Portugal, irgendwann zwangsläufig auf Europa übergreifen würden. Daher galt es nach seiner Anschauung, diese Bewegungen zu bekämpfen.
Zweitens versuchte die Habsburgermonarchie auch, sich als Großmacht in Europa zu behaupten – und das bedeutete zu der damaligen Zeit auch, Kolonialmacht zu sein oder zumindest im Kreis der Großmächte mitreden zu können.
Zum dritten muss man beachten, dass Kolonialismus immer mit wirtschaftlichen Interessen verbunden war. Das war auch in Österreich nicht anders, wo man sich von einer weltweiten Präsenz auch eigene Geschäftsmöglichkeiten - etwa im Handel - versprach.
Die Abwertung anderer Regionen, Kulturen und Religionen, ist ein mentales Erbstück und bis heute in den Köpfen vieler Menschen verankert.
Welche Spuren hat Österreichs koloniale Vergangenheit bis in die Gegenwart hinterlassen?
Sauer: In den betroffenen Ländern außerhalb Europas weniger, wenn man von Ortsbezeichnungen wie dem Stefaniesee in Äthiopien absieht. Anders ist das in Österreich: Die koloniale Mentalität, die Abwertung anderer Regionen, Kulturen und Religionen, ist ein mentales Erbstück und bis heute in den Köpfen vieler Menschen verankert.
In materieller Hinsicht darf man die ausgedehnten kolonialen Sammlungen in Österreichs Museen nicht vergessen, die vielfach in einem kolonialen Kontext zustande kamen. Dazu wurde in jüngerer Vergangenheit ein Prozess angestoßen, um eine Politik auszuarbeiten, wie man mit derartigen Sammlungen umgeht und unter welchen Umständen man Objekte zurückgibt. Was aber noch fehlt, ist ein Gesetz dazu. In anderen Ländern wie in den Niederlanden oder Frankreich ist man da schon deutlich weiter.
Neue Chance für die Aufarbeitung
Was kann eine Institution wie die ÖAW zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Österreichs beitragen?
Sauer: Sehr wesentliches: Erstens die Möglichkeit, einen breiten wissenschaftlichen Diskurs zu dem Thema zu führen. Das aktuelle Symposium an der ÖAW, interdisziplinär und mit zahlreichen in- und ausländischen Expert:innen besetzt, ist ein erster starker Schritt in diese Richtung. Zweitens auch die Möglichkeit archivalischer Recherchen. Viele Wiener Archive sind diesbezüglich noch nicht ausreichend erforscht. Die ÖAW könnte insgesamt stark dazu beitragen, dieses so wichtige Thema aus Österreichs Vergangenheit hoffähig zu machen.
Zur Person:
Walter Sauer ist Historiker an der Universität Wien und forscht unter anderem zur kolonialen Geschichte der Habsburgermonarchie. Der Vorsitzende des Dokumentations- und Kooperationszentrums Südliches Afrika (SADOCC) hält eine Keynote beim ÖAW-Symposium "Colonial Knowledge Production”
