




„In den Papyri sprechen die antiken Menschen ganz unmittelbar zu uns, so wie sie miteinander kommuniziert haben,“ so Bernhard Palme, ÖAW-Mitglied und Direktor der Papyrussammlung sowie des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek. Im Rahmen einer Tagung des FWF-Exzellenzcluster EurAsian Transformations sprach er über Mehrsprachigkeit im römischen und spätantiken Ägypten. Wie die sprachliche Vielfalt die ägyptische Gesellschaft und die erhaltenen Papyri prägte, erklärt Palme im Interview.
Wie sieht es mit der Mehrsprachigkeit im alten Ägypten aus?
Bernhard Palme: Bereits in der hellenistischen Zeit, als die ptolemäischen Könige Griechisch zur Amtssprache in Ägypten machten, konnte man beobachten, dass sich eine wachsende Anzahl von Personen in beiden Sprach- und Kulturkreisen bewegen konnte. Menschen, die in der Verwaltung Karriere machen wollen, mussten zwar Griechisch lernen, aber die ägyptische Sprache wurde nicht verdrängt oder von den neuen Herrschern unterdrückt. Beide Sprachen existierten über Jahrhunderte gleichwertig nebeneinander. 30 v. Chr. wurde Ägypten dann dem Römischen Imperium angeschlossen.
Es ist bemerkenswert, dass ein Weltreich nicht einmal den Versuch unternimmt, seine Sprache als Amtssprache in allen Teilen des Herrschaftsbereiches durchzusetzen.
Wurde Latein zur Amtssprache?
Palme: Erstaunlicherweise sahen die Römer das sehr entspannt. Sie gingen pragmatisch an die Sache heran. Latein war die Kommandosprache der römischen Armee und die Sprache der höchsten Verwaltungsebene, also den Kanzleien des Statthalters und einiger Finanzprokuratoren. In Ägypten sprach also nur ein sehr kleiner Personenkreis Latein. Die untere Beamtenschaft aber blieb weiterhin beim Griechischen und die Mehrzahl der Bevölkerung sprach nach wie vor Ägyptisch. Es ist bemerkenswert, dass ein Weltreich nicht einmal den Versuch unternimmt, seine Sprache als Amtssprache in allen Teilen des Herrschaftsbereiches durchzusetzen. Das gilt nicht nur für Ägypten, sondern vom ganzen östlichen Mittelmeerraum, von Griechenland über die heutige Türkei, die Levante und Ägypten bis nach Libyen. Dort war – neben den lokalen Sprachen – Griechisch etabliert als Umgangs- und Verwaltungssprache; es war wie heute Englisch in weiten Teilen der Welt.
Wovon erzählen die lateinischen Papyrus-Dokumente und wer hat sie verfasst?
Palme: Wir besitzen weltweit rund 2000 lateinische Papyri, manche stammen von der ersten Generation römischer Soldaten, die nach Ägypten versetzt wurden. Diese schreiben und sprechen Latein untereinander, aber auch in ihren Familien daheim. Auch Geburtsdeklarationen, Testamente, Urkunden in der Armee oder Steuerangelegenheit mussten römische Bürger:innen auf Latein verfassen. Hinzu kommen literarische Texte, etwa von Cicero und Vergil.
Wir besitzen weltweit rund 2000 lateinische Papyri.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Palme: Es gibt einen Schuldenschein unter zwei römischen Soldaten, der interessante Details zeigt. Es handelt sich um ein zweistufiges Darlehen. Ein Soldat borgt sich von einem Kameraden 200 Silberdrachmen aus und verpflichtet sich, diese bei der nächsten Soldzahlung zurückzuzahlen. Diese Summe ist die Aufstockung eines älteren Darlehens über 400 Drachmen, für die der Schuldner seine Prunkwaffen – eine silberne Dolchscheide mit Elfenbein-Einlagen, versilberte Ehrenabzeichen und einen versilberten Helm – als Pfand eingesetzt hat. Der Zinssatz ist günstig, nämlich nur neun Prozent. Es handelt sich also um einen Freundschaftspreis unter Kameraden, üblich waren zwölf Prozent.
Die Schriftstücke sind nicht von Floskeln und Formalismen geprägt?
Palme: Im Gegenteil, vieles klingt sehr modern. Wir erhalten Einblicke in alle Lebensbereiche, vom Ehestreit bis zu den Sorgen von jungen Soldaten. Sogar Tratsch und Klatsch wird zum Thema. Wir haben den Brief eines Soldaten an seinen Kameraden, in dem er diesen warnt, dass hinter seinem Rücken schlecht über ihn geredet würde. Im direkten Wortlaut heißt das: „Diaconus grüßt seinen Macedo. Ich kann es nicht vermeiden, Dir zu schreiben, dass Du kräftig angeschwärzt wirst bei Iucundus und Dido vom Freigelassenen des Domitius. Deshalb, mein Kamerad, gib Dir Mühe, Dich bei ihnen zu rechtfertigen. Er hat auch dem Nireus, seinem Mitfreigelassenen, viele üble Dinge über Dich geschrieben; er hat ihm, wie ich annehme, geglaubt, und er lästert jetzt nicht wenig über Dich. Meine Kameraden grüßen Dich. Grüße Du die Deinigen, bitte. Liebe uns, wie Du es immer getan hast. Lebe wohl!“
In den Papyri sprechen die antiken Menschen ganz unmittelbar zu uns.
Das liest sich fast wie eine WhatsApp-Nachricht.
Palme: Dieser Brief könnte trotz der Mentalitätsunterschiede, die man natürlich nicht vernachlässigen darf, gestern oder vorgestern geschrieben worden sein. In den Papyri sprechen die antiken Menschen ganz unmittelbar zu uns, so wie sie miteinander kommuniziert haben.
Bernhard Palme ist Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek, sowie ÖAW-Mitglied seit 2012. Bei der Tagung "Elite Multilingualism in Premodern Societies and the Production of Power" im Rahmen des FWF-Exzellenzcluster EurAsian Transformations sprach er über Mehrsprachigkeit im römischen und spätantiken Ägypten.