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WeltfrauentagForscherinnen

Keine Exzellenz ohne Frauen

Was geht der Wissenschaft verloren, wenn weibliche Perspektiven und Erfahrungen nicht einbezogen werden? Über die Bedeutung von Inklusion und Vorteile, die eine vielfältige Forschungsgemeinschaft mit sich bringt, spricht ÖAW-Mitglied Verena Winiwarter im Interview.

05.03.2025
Keine Exzellenz ohne Frauen - obwohl weibliche Wissenschaftlerinnen in den oberen Rängen noch immer unterrepräsentiert sind.
© Adobe Stock

Im Jahr 1975 legten in Island 90 Prozent der Frauen ihre Arbeit nieder und schlossen sich dem Frauenstreik an. 50 Jahre später wissen wir wenig über dieses historische Ereignis, das Island mit einem Schlag zum auf das Podium für den „besten Ort der Welt für Frauen“ katapultierte. Der Dokumentarfilm „Ein Tag ohne Frauen“, der ab 7. März in die österreichischen Kinos kommt, erzählt von diesem besonderen Tag in der Geschichte Islands.

Wir haben den Streik zum Anlass für ein Gedankenexperiment genommen: Wie würde es in der Wissenschaft aussehen, wenn Frauen einen Tag lang ihre Arbeit niederlegen und streiken würden? Im Interview skizziert Verena Winiwarter, ÖAW-Mitglied und Umwelthistorikerin, die Auswirkungen des Fehlens weiblicher Perspektiven auf die Wissenschaft. Für sie steht fest: Ohne den Beitrag von Frauen verliert die Wissenschaft nicht nur an Exzellenz, sondern auch grundlegende Qualitätsstandards und die Möglichkeit, gesellschaftliche Herausforderungen effektiv zu bewältigen. Die Wissenschaft müsse offener für Diversität und interdisziplinäre Zusammenarbeit werden, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern, so Winiwarter.

Große Entdeckerinnen

Was fehlt der Wissenschaft, wenn weibliche Perspektiven und Erfahrungen nicht einbezogen werden?

Verena Winiwarter: Üblicherweise wird die Frage, was fehlen würde, wenn Frauen nicht als Wissenschaftlerinnen arbeiten würden, mit dem Hinweis auf großartige Entdeckungen und Entwicklungen beantwortet. Das ist keineswegs falsch, Lise Meitner und Berta Karlik sind die naheliegendsten Beispiele, ihre Stele in der Aula der ÖAW erinnert uns daran. Ebensolches gilt für Marie Curie und ihre Tochter Irène Joliot-Curie, bis hin zur iranischen Mathematikerin Maryam Mirzakhani, der ersten Frau, die die Fields Medaille erhielt, erst 2014 war das. Herausragende Frauen gibt es in allen Wissenschaftsgebieten, von Astronomie bis Zytologie, von Arabistik bis Wirtschaftswissenschaften.
 

Wie steht es derzeit um die Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft?

Winiwarter: Obwohl sie ein Drittel des weltweiten Forschungspersonals ausmachen, sind Frauen in den oberen Rängen deutlich unterrepräsentiert: nur 16 Prozent der Mitglieder von Wissenschaftsakademien weltweit sind Frauen. Das ist mehr als nur eine Statistik; sie spiegelt wider, wessen Stimmen gehört werden und wessen Beiträge unsichtbar gemacht werden. Das hat das International Council for Science vergangenes Jahr so formuliert.

Leaky Pipeline

Wie könnten wir den Anteil von Frauen in Wissenschaftsakademien weltweit erhöhen?

Winiwarter: Zunächst gilt es wohl, die „leaky pipeline“ zu bekämpfen. Noch bei den Bachelorabschlüssen sind in Europa die Frauen vorn, dann kehrt sich das Verhältnis um, und je höher, desto männlicher wird die akademische Welt. Frauen gehen verloren, weil sie weniger Forschungsmittel bekommen, weil sie weniger zitiert werden, weil sie von männlichen Kollegen weniger oft zu Kooperationen eingeladen werden, weil ihnen bei Verhandlungen schlechtere Angebote gemacht werden, das ist alles empirisch gut erforscht. Manche Akademien, so wie die deutsche Leopoldina reagieren darauf, indem sie die Wahl von Frauen aktiv fördern, weil sie diese aus der Konkurrenz mit männlichen Kandidaten nehmen, das ist ein guter Weg. 

Obwohl sie ein Drittel des weltweiten Forschungspersonals ausmachen, sind Frauen in den oberen Rängen deutlich unterrepräsentiert.

Inspiriert vom Film „Ein Tag ohne Frauen“: Wie würde sich ein Streik der Wissenschaftlerinnen auf die Forschung und den akademischen Betrieb auswirken?

Winiwarter: Wenn es nicht beim Streik bleibt, sondern Frauen sich von der Wissenschaft abwenden, würde viel mehr fehlen als nur Exzellenz. Daran zu erinnern, dass Frauen in der medizinischen Forschung jahrzehntelang nicht beforscht wurden, was ihre medizinische Behandlung deutlich verschlechtert hat, ist wichtig, weil die Einbeziehung weiblich gelesener Personen als Forschende auch dafür sorgt, dass Studien inklusiv aufgebaut werden.

Aber könnte ein eintägiger Frauenstreik wie vor 50 Jahren in Island das Bewusstsein für den Beitrag von Forscherinnen schärfen?

Winiwarter: Ein Streik ist ein gutes Mittel, wenn er die, gegen die sich der Protest richtet, auch persönlich trifft. Islands Männer haben gemerkt, was mit ihnen geschieht, wenn Frauen streiken. Etwas Vergleichbares kann im Wissenschaftssystem nicht geschehen. Ich denke, es gibt bessere Möglichkeiten, den Beitrag der Frauen herauszuarbeiten, etwa, indem sie vermehrt zu prestigeträchtigen Vorträgen ("Keynote Lectures") eingeladen werden, indem sie, statt in Preisvergabekomitees zu arbeiten, für Preise vorgeschlagen werden, da könnten Institutionen durch Verbesserung ihrer Regelwerke einiges erzielen.  

Bunt und aufregend

Wie sollten männliche Kollegen und Institutionen auf diese Ungleichstellung reagieren?

Winiwarter: Ich kann niemandem sagen, wie er reagieren soll. Aber ich würde Männer dazu einladen, sich mit den Daten zu unbewussten Vorurteilen auseinanderzusetzen. Wer Meritokratie will, muss sie auch gegen die eigenen Vorurteile leben, das geht, aber das erfordert Selbstreflexion. Übrigens gilt das ebenso für Frauen, niemand ist vor Vorurteilen gefeit, alle gemeinsam müssen daran arbeiten.

Je diverser die Forschenden, desto geringer ist die Gefahr, dass unbewusste Vorurteile, die Qualität der wissenschaftlichen Ergebnisse senken.     

Welche neuen Perspektiven bringen Frauen in die Wissenschaft ein?

Winiwarter: Weiblich gelesene Personen werden anders sozialisiert als männliche. Sie haben daher oft andere Zugänge, andere Führungsstile und sind oft an anderen Fragen interessiert. Sie leisten in Teams auf andere Weise Beiträge als ihre männlichen Kollegen; sie sind gleich exzellent, daran besteht kein Zweifel, aber sie weiten mit ihren Profilen den Raum der Wissenschaft aus. Ohne Frauen würde die Wissenschaft um vieles enger und ärmer sein. Je diverser die Forschenden, desto geringer ist die Gefahr, dass unbewusste Vorurteile, die zu Verzerrungen führen, die Qualität der wissenschaftlichen Ergebnisse senken. Der Wissenschaft fehlte ohne Frauen also auch Exzellenz im ganz grundlegenden Sinn von höchster Qualität.

Wie stellen Sie sich eine Wissenschaftswelt vor, in der die Vielfalt der Perspektiven vollständig anerkannt und integriert wird?

Winiwarter: Bunt, aufregend, auch kontroversiell, gerechtigkeitsorientiert, aber vor allem inter- und transdisziplinär erfolgreich dabei, die großen Herausforderungen unserer Zeit, von digitaler Demokratie bis zum Umgang mit den Folgen der Erderhitzung anzunehmen und für eine gute Zukunft zu arbeiten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Frauen und Kinder zu den verletzlichsten Gruppen gehören, und unsere gemeinsame Aufmerksamkeit brauchen.  

 

 

Auf einen Blick

Verena Winiwarter ist Umwelthistorikerin und wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie ist Mitglied der ÖAW-Kommission für Biodiversität in Österreich und stv. Obfrau der ÖAW-Kommission zur Defossilisierung und Kohlenstoffneutralität des europäischen Energiesystems.

 

© ÖAW/Elia Zilberberg