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I-KuhKognitionsforschung

Keine Dumme Kuh: Intelligenzbestie Veronika stellt Bild von Rindern auf den Kopf

Kuh Veronika aus Vorarlberg sorgt für Aufsehen: Sie benutzt bewusst und differenziert Werkzeuge. Kognitionsforscherin Alice Auersperg, Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW, hat mit dem klugen Nutztier selber Verhaltenstests durchgeführt. Im Gespräch erklärt sie, was die Beobachtungen über die bisher unterschätzte Intelligenz der Nutztiere verraten.

23.01.2026
Eine Kuh steht auf einer Alm
Rinder wie Veronika sind vielleicht schlauer, als man lange dachte. (Symbolfoto)
© AdobeStock

Veronika, 13 Jahre alt, geboren in Vorarlberg und lebhaft auf einer Alm in Nötsch im Kärntner Gailtal, macht Schlagzeilen: Denn die Kuh nutzt Stöcke und Schrubber, um sich zu kratzen – flexibel und offenbar angepasst an die jeweilige Körperstelle. Damit wurde erstmals solch ein Werkzeuggebrauch bei Kühen nachgewiesen – bisher kannte man das nur von Schimpansen.

Kognitionsforscherin Alice Auersperg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und Mitglied der Jungen Akademie der Östereichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt, warum sie bei Veronika zunächst skeptisch war, wie sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Antonio Osuna-Mascaró das Verhalten der Kuh überprüft hat – und wie verblüffend die jüngsten Erkenntnisse tatsächlich sind.

Sensation im Bergdorf

Mein Katzerl verwendet die Amazon-Schachtel als Haus.

Frau Auersperg, wie haben Sie von Veronika erfahren?

Alice Auersperg: Da muss ich ausholen. Ich habe letztes Jahr das Buch „Erfindergeist der Tiere“ veröffentlicht. Da geht es um ein Forschungsfeld, das untersucht, wie Tiere Lösungen zu neuen Problemen finden – also nicht nur angeborenes Verhalten, sondern Verhalten, das plötzlich auftaucht und dann möglicherweise auch durch soziale Wege weitergegeben wird. Die kompliziertesten Arten von Erfindungen haben mit Werkzeuggebrauch zu tun. Seit dem Buch bekomme ich sehr viele E-Mails von Leuten, die vermeintlich Werkzeuggebrauch bei Tieren entdeckt haben. Das können Dinge sein wie: „Mein Katzerl verwendet die Amazon-Schachtel als Haus.“ Das sind aber in der Regel keine Beispiele für Werkzeuggebrauch. Wir haben oft Schwierigkeiten, Werkzeuggebrauch sauber zu definieren und dann wird jegliches Objektverhalten schnell als Werkzeuggebrauch dargestellt. Für uns Wissenschaftler:innen ist das ein Riesenproblem, weil die Datenlage dann komplett verwässert wird.

Darum definieren wir Werkzeuggebrauch sehr konkret: Ein Tier muss ein Objekt aufnehmen und mit dem Objekt ein System bilden – also das Objekt muss körperorientiert eingesetzt werden, und es muss eine spezifische Interaktion hergestellt und ein Ziel ermöglicht werden. Dieses Ziel muss einen Nutzen haben oder zumindest eine Erleichterung darstellen – sonst macht es keinen Sinn, sonst kann man es auch als Spielverhalten beschreiben. Das Video von Veronika habe ich zugeschickt bekommen.

Zufall, Deepfake - oder natürliches Verhalten?

Was war Ihr erster Gedanke?

Auersperg: Im Video nimmt Veronika mit der Zunge einen Stock auf, fixiert ihn zwischen Zahnreihe und Gaumenplatte und bearbeitet damit gezielt ihre Flanken. Und man konnte das so interpretieren, dass es Veronika an einer Körperstelle juckt, die schwer zu erreichen ist, und dass sie einen Nutzen von ihrer Aktion hat: nämlich sich allein zu kratzen. Ich war erstaunt. Das erfüllt grundsätzlich die Definition von Werkzeuggebrauch. Aber ich war auch vorsichtig, weil: Es konnte auch zufällig sein oder irgendein erlerntes Verhalten. Und heutzutage gibt es ja sogar Deepfakes. Also: Ich wollte das überprüfen.

Wie haben Sie das Video überprüft?

Auersperg: Ich habe meinen Kollegen Antonio Osuna-Mascaró gefragt, der Werkzeuggebrauch studiert und untersucht hat. Er war sofort begeistert. Wir sind zusammen nach Kärnten gefahren, um die Kuh zu sehen. Veronika lebt in einem idyllischen Bergdorf. Sie gehört einem Bio-Bauern, Bäcker und Müller, der sie zu Hause als Haustier hält, nicht zur Produktion. Und er hat uns dann bei einem Apfelstrudel sehr ausführlich erzählt, wie das mit dem Verhalten begonnen hat.

Da war klar: Das wirkt zielgerichtet.

Und wie hat das Verhalten begonnen?

Auersperg: Laut dem Bio-Bauern hat Veronika schon mit etwa vier Jahren damit angefangen. Am Anfang war es völlig unkoordiniert, so unbeholfen, dass man kaum ausmachen konnte, was sie eigentlich macht. Aber sie hat es über die Jahre verbessert – über neun Jahre, bis es zu dem geworden ist, was es jetzt ist. Als wir dort waren, dachte ich zuerst: Das dauert sicher, bis ich das sehe. Aber dann war es sofort da: Sobald ein Stock in Veronikas Nähe war, hat sie ihn aufgehoben und begonnen, sich zu kratzen. Da war klar: Das wirkt zielgerichtet.

Experiment mit dem Schrubber

Wie haben Sie überprüft, ob Veronika das Werkzeug wirklich zielgerichtet verwendet?

Auersperg: Wir wollten herausfinden, ob Veronika versteht, welches Ende eines Objekts wofür besser geeignet ist. Deshalb haben wir ihr ein asymmetrisches Werkzeug gegeben: eine Art Schrubber, der auf einer Seite Borsten hat. Antonio hat das Werkzeug vor ihr auf den Boden gelegt – das Borstenende mal nach links, mal nach rechts, randomisiert. Die Hypothese war: Wenn sie versteht, dass die Borsten besser zum Kratzen sind, müsste sie öfter das Borstenende verwenden.

Und hat sie das?

Auersperg: Ja, das konnten wir statistisch zeigen. Nur: Manchmal hat sie auch das Stielende verwendet. Zuerst dachten wir, das ist ein Fehler. Dann ist Antonio aufgefallen, dass sie das Stielende an anderen Körperregionen verwendet – anders als das Borstenende – und auch auf andere Art. Wir haben das nochmals ausgewertet. Und es kam heraus: Die Borsten nutzt Veronika eher am Hinterteil. Und bei empfindlicheren Körperteilen wie den Eutern, wo die Borsten zu hart wären, verwendet sie das Stielende. Auch die Technik ist dann eine andere: eher „ziehen“, sodass es eine andere Art von Bewegung ist. Das zeigt: Sie verwendet den Schrubber wie ein Mehrzweckwerkzeug – zwei unterschiedliche Enden für unterschiedliche Funktionen.

Die Nutzung von Mehrzweck-Nutzung wurde bisher nur bei Schimpansen beobachtet.

Warum ist das wissenschaftlich so bemerkenswert?

Auersperg: Weil es auf etwas hinweist, was man als funktionale Fixierung kennt: Viele Lebewesen nutzen Dinge so, wie sie „typischerweise“ genutzt werden – und kommen nicht so leicht auf eine zweite Funktion. Ich würde das mit einem Beispiel beschreiben: Wenn ich keinen Löffel habe und irgendwo liegt eine Haarbürste, dann kommt man vielleicht nicht darauf, dass man eine Seite davon als Löffel verwenden könnte – weil man sie nie so verwendet hat. Veronika nutzt dieses Objekt aber auf zwei Arten, für zwei Zwecke. Solche Mehrzweck-Werkzeuge sind eher selten beschrieben. Man kennt zwar Tiere, die mehrere Werkzeuge nutzen oder sogar Werkzeugsets – oft bei bestimmten Vögeln und Primaten. Aber die Nutzung von Mehrzweck-Nutzung wurde bisher nur bei Schimpansen beobachtet, etwa beim Thema Termiten. Zu bedenken ist aber, dass Veronika Werkzeuge nicht gleich benutzt wie ein Schimpanse: Veronikas Werkzeuggebrauch ist egozentrisch – auf den eigenen Körper gerichtet – und das ist psychologisch etwas anderes als allozentrischer Werkzeuggebrauch auf ein externes Ziel wie bei den Schimpansen.

Rinder wurden immer unterschätzt

Was lässt sich daraus ableiten – haben wir Kühe unterschätzt?

Auersperg: Ja. Es ist schon sehr spektakulär. Veronika hat mit ihrem Verhalten an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz gekratzt. Wenn man über Werkzeuggebrauch nachdenkt, sucht man oft bei den „exotischen“ Tieren. Dabei sind „Nutztiere“ eine der größten Tiergruppen, mit denen Menschen ständig zu tun haben und sie haben ein groß ausgebildetes Gehirn – und trotzdem haben wir einfach beschlossen, dass diese Tiere „dumm“ sind. „Kuh“ wird ja sogar als Schimpfwort verwendet. Wir haben den Gedanken überhaupt nicht zugelassen, dass sie intelligent sein könnten. Wir haben noch wenig Forschung zu dem Thema bei solchen Tieren. Und jetzt sehen wir: Da ist Potenzial.

Ich würde mir wünschen, dass wir offener sind für die Intelligenz von „Nutztieren“.

Was sind die nächsten Schritte?

Auersperg: Die erste Forschung beantwortet eine Frage – und bringt zwanzig neue. Wir haben vieles gesehen und dokumentiert, und daraus ergeben sich neue Forschungsfragen: nicht nur zu Veronika, sondern auch zu anderen „Nutztieren“. Ich würde mir wünschen, dass wir offener sind für die Intelligenz von „Nutztieren“. Wir haben natürlich ein Bias, was das angeht. Es gibt Hinweise aus der Psychologie, dass Menschen Tiere, die als „essbar“ gelten, automatisch für weniger intelligent einschätzen als Wildtiere oder Haustiere. Ich rufe dazu auf: Wenn jemand so etwas wie bei Veronika beobachtet – bei einer Kuh, einem Schwein oder anderen Nutztieren – dann bitte uns informieren, damit wir das dokumentieren und wissenschaftlich prüfen können.

 

Auf einen Blick

Alice Auersperg ist Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Sie forscht amMesserli Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Gemeinsam mit Antonio Osuna-Mascaró veröffentlichte sie die Forschung rund um Kuh Veronika in einer Studie im Fachjournal „Current Biology“.