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Ball der WissenschaftenDemokratie

Warum Wissenschaftskommunikation viel, aber nicht alles kann

Spätestens seit den öffentlichen Auftritten von Christian Drosten in der Pandemie ist Wissenschaftskommunikation jedem ein Begriff. Sie kann informieren, erklären, aufklären – aber sie kann keine gesellschaftlichen oder politischen Konflikte lösen, sagt die Demokratieforscherin Astrid Séville, die befürchtet, dass oftmals zu hohe Erwartungen an Wissenschaftskommunikation gestellt werden. Séville hält am 23. Jänner die Vienna Lecture on Science Communication, die traditionell an der ÖAW am Vortag des Wiener Balls der Wissenschaften stattfindet.

19.01.2026
Die Illustration zeigt eine geöffnete Hand mit zahlreichen Bildern zu unterschiedlichen Themen
Eine Vielzahl an Themen ringt um Aufmerksamkeit von Medienkonsument:innen.
© AdobeStock

In Zeiten von Populismus, Vertrauensverlust und multiplen Krisen rund um Demokratie und Klima steht Wissenschaft besonders unter Druck, Orientierung zu geben. Doch was kann Wissenschaftskommunikation leisten – und wo stößt sie an ihre Grenzen? In ihrem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) widmet sich die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville diesen Spannungsfeldern der Wissenschaftskommunikation. Im Gespräch erklärt sie, welche Erwartungen an Wissenschaft heute gestellt werden, wo Risiken liegen – und was das für unsere Gesellschaft bedeutet.

Zu hohe Erwartungen an Wissenschaftskommunikation

Frau Séville, Ihr Vortrag trägt den Titel „Kitsch und Krise“. Was steckt dahinter?

Astrid Séville: Der Titel ist eine Anspielung auf den Historiker Reinhart Koselleck, der sich mit der Dialektik der Aufklärung beschäftigt hat: Also mit der Idee, dass jede:r Bürger:in einen inneren Gerichtshof entwickelt und dass sich kritisches Denken gegen staatliche und gesellschaftliche Institutionen wendet und dadurch eine Dynamik freigesetzt wird. Mir geht es darum, Wissenschaftskommunikation als Phänomen zu betrachten. Zu fragen: Was ist Wissenschaftskommunikation eigentlich? Und auch ein bisschen ketzerisch: Warum beschwören wir sie so sehr? Ich will zeigen, dass dieser Ruf nach Wissenschaftskommunikation auch eine Reaktion auf die Krisenhaftigkeit unserer politischen und gesellschaftlichen Gegenwart ist. In Krisenzeiten wächst offenbar der Wunsch nach Orientierung – und der richtet sich auch an die Wissenschaft.

In Krisenzeiten wächst der Wunsch nach Orientierung – und der richtet sich auch an die Wissenschaft.

Welche Rolle kann Wissenschaftskommunikation in diesen Krisenzeiten übernehmen – und welche nicht?

Séville: Zunächst einmal dient Wissenschaftskommunikation ganz nüchtern dazu, wissenschaftliche Erkenntnisse nach außen zu vermitteln: an Medien, an eine breite Öffentlichkeit, an Menschen ohne Fachausbildung. Darin liegt eine große Chance, weil man den Grad der Informiertheit einer Gesellschaft erhöhen kann. Man kann informieren, erklären, Zusammenhänge sichtbar machen. Aber Wissenschaftskommunikation kann nicht dabei helfen, gesellschaftliche und politische Konflikte zu entschärfen und den harmonischen Zusammenhalt der Gesellschaft herbeizukommunizieren. Dafür sind andere Systeme und andere Akteure zuständig. Ich beobachte eine normative Überfrachtung der Erwartung an Wissenschaftskommunikation.

Drosten als Positiv-Beispiel

Wie sieht für Sie gute Wissenschaftskommunikation aus?

Séville: Wissenschaftskommunikation kann vielfältige Formen annehmen: Interviews im Radio oder Fernsehen, Gastbeiträge in Zeitungen, Science Slams, öffentliche Vorträge. Jedes Format hat eigene Anforderungen. Aber klar, grundsätzlich muss Wissenschaftskommunikation Fachsprache verständlich machen. Sie funktioniert nur, wenn man vereinfacht, wenn man herunterbricht, wenn man Dinge auf den Punkt bringt. Darin liegt aber auch ein Risiko. Denn die Logik der öffentlichen Kommunikation ist eine andere als die Logik der wissenschaftsinternen Kommunikation. Wenn ich Dinge vereinfache, können Kolleg:innen sagen: Das ist doch ein intellektuelles Leichtgewicht, das ist doch eigentlich viel komplexer. Wir haben also potenziell einen Konflikt zwischen der Kommunikation nach außen und der Kommunikation innerhalb des Wissenschaftsbetriebs. Gute Wissenschaftskommunikation sollte das deutlich machen und offenlegen, dass sie sich an ein anderes Publikum richtet. Das kann über Formate, über Orte, über Kontexte geschehen. Und Wissenschaftskommunikation sollte auch bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte bleiben. Sie reflektiert, dass es nicht darum geht, aus akademischen Sätzen politische oder moralische Sätze zu gewinnen. Das ist ein schmaler Grat, aber genau diesen sollte gute Wissenschaftskommunikation mitdenken.

Wissenschaftskommunikation funktioniert nur, wenn man vereinfacht, wenn man herunterbricht, wenn man Dinge auf den Punkt bringt.

Haben Sie ein Beispiel von Wissenschaftskommunikation, das Ihnen in letzter Zeit besonders aufgefallen ist?

Séville: Ein Beispiel, das mich gerade beschäftigt, ist eine Debatte im deutschen Feuilleton, in der Historiker versuchen, Donald Trump mit römischen Herrschern zu vergleichen. Die Frage ist: Können wir aus der Geschichte etwas über die Gegenwart lernen? Das kann man als Form von Wissenschaftskommunikation sehen – nämlich zu zeigen, wie Wissen über die Antike heute relevant sein kann. Gleichzeitig streiten Historiker dabei vor Publikum miteinander. Auch das ist eine Form von Wissenschaftskommunikation, von auffälliger Wissenschaftskommunikation sogar. Ein anderes, uns vermutlich fast allen in den Sinn kommendes Beispiel wäre Christian Drosten zu Beginn der Pandemie mit seinem Podcast mit dem NDR. Er hat sehr klar gemacht, dass er als Virologe spricht und eben keine politischen Schlussfolgerungen zieht. Und er hat immer wieder betont, wie sich der Wissensstand verändert: Was wissen wir heute, was wussten wir vor zwei Wochen noch nicht? Dieses Markieren von Unsicherheit und langsamen Erkenntnisfortschritt halte ich für gute Wissenschaftskommunikation.

Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Medien

Welche Rolle spielt Wissenschaftskommunikation speziell für die Demokratie?

Séville: Sicherlich eine große. Eine zentrale Form politikwissenschaftlicher Wissenschaftskommunikation ist die Zeitdiagnose. Also der Versuch, zu beschreiben, was unsere politische Gegenwart prägt. Das ist schon auch eine Aufgabe der Wissenschaftskommunikation, dass Politikwissenschaftler:innen Deutungsangebote bieten: Wie lassen sich aktuelle Entwicklungen verstehen? Welche Muster sehen wir? Das kann helfen, sich zu orientieren. In diesem Sinne bietet sozialwissenschaftliche Wissenschaftskommunikation eine Form der Interpretation gesellschaftlicher Prozesse.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass Wissenschaftler:innen als Dienstleister:innen und als Autorisierungsinstanz für Medien genutzt werden sollen: um journalistische Aussagen mit Expertise zu versehen.

Sie arbeiten selbst viel mit Medien. Wie erleben Sie das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Journalismus?

Séville: Das Verhältnis ist nicht immer einfach, weil die Medienlogik eine andere ist als die wissenschaftliche Logik. Medien müssen zuspitzen, vereinfachen, nach Nachrichtenwert suchen. Ich erlebe oft eine Tendenz zur Vereindeutigung. In der Wissenschaft versuchen wir eher, verschiedene Perspektiven zu zeigen und Unsicherheiten zu markieren. Das passt nicht immer gut zusammen. Ein weiteres Problem ist der Zeitdruck. Oft kommen Anfragen sehr kurzfristig. Dann ist nicht immer klar, ob die angefragte Person wirklich die passende Expertise hat, und ob überhaupt Zeit für Vorbereitung bleibt. Manchmal entsteht der Eindruck, dass Wissenschaftler:innen als Dienstleister:innen und als Autorisierungsinstanz genutzt werden sollen: um journalistische Aussagen mit Expertise zu versehen. Dabei gehen oft die eigentlichen Diskussionen verloren – das Abwägen, das Sowohl-als-auch, das Vorsichtige. Ich glaube, es könnte helfen, die unterschiedlichen Logiken und Standpunkte offenzulegen. Zum Beispiel offen zu sagen: Hier wird gerade vereinfacht. Oder: Drei Sätze reichen nicht, um das angemessen darzustellen.

Wissenschaftskommunikation kann Orientierung und Einordnung bieten, aber sie ist kein Ersatz für politische Prozesse der Konfliktlösung.

Wie sehen Sie die Zukunft der Wissenschaftskommunikation – gerade in einer polarisierten Gesellschaft?

Séville: Das hängt sehr stark von den Fächern ab. Naturwissenschaftler:innen oder Ingenieur:innen können vermutlich weitermachen wie bisher, mit Science Slams oder öffentlichen Vorträgen. Ich bin Politikwissenschaftlerin und forsche zu Themen wie Demokratie, Populismus, Autoritarismus. Das sind hoch politisierte Themen. Wir sehen ja, dass Wissenschaftler:innen angegriffen oder bedroht werden, für die Sätze, die sie sagen, die aber nicht zwingend politisch, sondern akademische Sätze sind. Da wird die Zukunft vielleicht noch ein bisschen rauer, fürchte ich. Manche Kolleg:innen sind schon jetzt vorsichtig und überlegen: Was sind die politischen Rahmenbedingungen, dass ich mich äußern kann in der Öffentlichkeit? Die Räume für Wissenschaftskommunikation müssen geschützt werden. Gleichzeitig bleibe ich dabei: Wissenschaftskommunikation wird die Probleme der Welt nicht lösen. Sie kann Orientierung und Einordnung bieten, aber sie ist kein Ersatz für politische Prozesse der Konfliktlösung.

 

Weitere Informationen:

Astrid Séville ist Professorin für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Theorie, an der Leuphana Universität Lüneburg. Dort leitet sie seit 2025 auch das Zentrum für Demokratieforschung.