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GeopolitikAtommächte

Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan: Das steckt hinter der Krise

Zwischen den Atommächten Indien und Pakistan nehmen die Spannungen nach einem Angriff auf die Region Kaschmir zu. ÖAW-Sozialanthropologe Stephan Kloos erklärt den Ursprung und die möglichen Folgen der Auseinandersetzungen. 

02.05.2025
Vier Soldaten stehen vor einem grünen Tal, im Hintergrund ist ein Berghang zu sehen.
Indische Soldaten überwachen ein Tal in der von Pakistan und Indien beanspruchten Region Kaschmir.
© Adobe Stock

Nach einem Anschlag in Kaschmir, bei dem 26 Menschen getötet wurden, hat sich die Lage zwischen den Atommächten Indien und Pakistan zugespitzt. Ein Teil der Kaschmir-Region im Himalaya wird von Indien kontrolliert, ein anderer von Pakistan. Der Konflikt um die Kontrolle von Kaschmir war in der Vergangenheit bereits mehrmals Auslöser von Kriegen zwischen den langjährigen Erzfeinden Indien und Pakistan. Der Streit um Kaschmir zählt zu den gefährlichsten geopolitischen Konflikten unserer Zeit – nicht zuletzt, weil sowohl Indien als auch Pakistan über Atomwaffen verfügen. 

Als Folge des aktuellen Anschlags haben sich Pakistan und Indien gegenseitig mit Strafmaßnahmen überzogen und in Kaschmir kam es zu Schusswechseln zwischen indischen und pakistanischen Soldaten. Die historischen Hintergründe und die lokalen und internationalen Auswirkungen des aktuellen Konflikts analysiert Stephan Kloos, Anthropologe und interimistischer Direktor am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Ursachen und Hintergrund

Welche Wurzeln hat der Konflikt in Kaschmir?

Stephan Kloos: Der aktuelle Konflikt ist nur die letzte Manifestation von einem länger andauernden Problem, das Kaschmir betrifft. Die Wurzeln liegen in der Zeit, als Indien 1947 seine Unabhängigkeit (von Großbritannien, Anm.) erlangte: Damals wollten muslimische Politiker einen eigenen Staat, nämlich die Islamische Republik Pakistan – separat von Indien, das sich als säkular und nicht religiös definiert hatte. Im Zuge der sogenannten „Partition“, also der Aufteilung des Landes in zwei Staaten, kam es zu großen Massakern, mehrere Millionen Menschen verloren ihr Leben. Zudem gab es viele Hindus und Sikhs, die seit Generationen in pakistanischen Gebieten lebten, die in den indischen Teil flüchteten und umgekehrt viele Muslime, die im indischen Teil lebten und in Pakistan Zuflucht fanden.

Und dann kam Kaschmir ins Spiel?

Kloos: Im Zuge der Unabhängigkeit Indiens gingen die neuen Machthaber Pakistans davon aus, dass die Provinz Kaschmir, die mehrheitlich muslimisch war, sich der Islamischen Republik Pakistan anschließen würde. Allerdings zögerte der damalige hinduistische Maharaja Kaschmirs, woraufhin Pakistans Militär einmarschierte. Der Herrscher rief Indien zur Hilfe, es kam zum ersten Kaschmir-Krieg zwischen Indien und Pakistan. Indien vertrieb die pakistanischen Truppen aus einem Großteil des Territoriums, allerdings nicht dem gesamten, und so gehört ein kleinerer Teil Kaschmirs nach wie vor zu Pakistan. Nach diesem ersten Krieg gab es noch zwei weitere Kaschmir-Kriege 1965 und 1999, und die Region bleibt bis heute die zentrale Konfliktursache zwischen den beiden Ländern. Selbst in Friedenszeiten benutzt Pakistan Kaschmir, um seinem Gegner Indien durch Unterstützung terroristischer Gruppen ständige Nadelstiche zuzufügen. Es ist allgemein bekannt, dass der Terrorismus im indischen Teil Kaschmirs vom pakistanischen Geheimdienst ISI mehr oder weniger heimlich unterstützt, gesteuert, und kontrolliert wird – auch wenn sich die zivile Regierung davon distanzieren mag. Gleichzeitig gibt es in Kaschmir aber auch schwere Menschenrechtsverletzungen seitens Indiens, man stellt die muslimische Bevölkerung unter den Generalverdacht, mit den Terroristen gemeinsame Sache zu machen. 

Terrorismus in Kaschmir

Welche Akteure sind heute beteiligt und welche Interessen verfolgen sie?

Kloos: Die indische Regierung geht davon aus, dass der aktuelle Anschlag von der Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (LeT) verübt wurde, die dem pakistanischen Geheimdienst nahesteht und bereits den großen Terroranschlag in Mumbai 2008 verübt hatte. 26 indische Tourist:innen wurden ermordet und viele weitere verletzt – der Anschlag hatte also eine Größenordnung, die Planung und Strategie voraussetzt. Es war kein Zufall, dass das gerade jetzt passiert. Was auffällt, ist ein altes Muster: Jedes Mal, wenn das pakistanische Militär beziehungsweise der Geheimdienst innenpolitisch Macht zu verlieren droht, kommt es verstärkt zu terroristischen Aktivitäten in Kaschmir. Denn durch diese stärkt das pakistanische Militär innenpolitisch seine Position, ohne das Militär geht es dann nicht. 

Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance war gerade auf Staatsbesuch in Indien, was zusätzliche internationale Medienaufmerksamkeit garantierte.

Was könnten weitere Gründe für den Anschlag sein?

Kloos: Die derzeitige indische Regierung gilt als islamfeindlich und eines ihrer Wahlversprechen war, das Kaschmir-Problem zu lösen. Also nahm man Kaschmir 2019 dessen Status als muslimisch regierten Bundesstaat weg und wandelte es zu einem von Neu Delhi aus regierten „Union Territority“ um. Das löste zwar Proteste in Kaschmir und scharfe Kritik durch Pakistan aus, aber in den Jahren danach kehrte Ruhe ein, und der Inlandstourismus zurück. Der Angriff jetzt hat natürlich auch diese Situation adressiert. Auch der Zeitpunkt war kein Zufall: der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance war gerade auf Staatsbesuch in Indien, was zusätzliche internationale Medienaufmerksamkeit garantierte.

Risiko einer Eskalation

Was sind aus Ihrer Sicht die Folgen des Kaschmir-Konflikts für die lokale Bevölkerung? 

Kloos: Für die lokale Bevölkerung sind die Folgen üblicherweise massive Repressalien. Mit Hochdruck wird vonseiten Indiens nach den Attentäter:innen beziehungsweise deren Hintermännern gesucht, und da kommt es erfahrungsgemäß zu sehr vielen Verhaftungen, auch von Unschuldigen. Die Haftbedingungen und Verhöre will man sich besser nicht ausmalen. Meistens kommt es in solchen Fällen auch zu großen Einschränkungen für die Bevölkerung, zum Beispiel was die Versammlungsfreiheit oder den Internetzugang betrifft.

Dennoch ist es im Interesse beider Länder, dass sie zumindest den aktuellen Konflikt nicht völlig eskalieren lassen.

Und die Folgen für den Rest der Welt?

Kloos: Wie weit es eskaliert, ist noch nicht vorhersehbar. Die Hindu-nationalistische indische Regierung ist natürlich stark unter Druck der eigenen Wählerschaft: Es werden Stärke und Vergeltungsmaßnahmen gefordert, und so wurden bereits alle pakistanischen Staatsbürger:innen des Landes verwiesen. Da kommt sicher noch mehr, auch auf militärischer Ebene, nicht zuletzt weil Indien weiß, dass Pakistans Armee momentan aus anderen Gründen in einer Position der Schwäche ist. Allerdings sind Indien und Pakistan Atommächte, und eine unkontrollierte militärische Eskalation ist daher sehr riskant. Es gibt derzeit Stimmen in Indien, die eine sofortige Eskalation fordern, während andere dafür plädieren, sich nicht zu unbedachten Schnellschüssen hinreißen zu lassen, sondern einmal abzuwarten und dann wohl überlegt Pakistan dort zu treffen, wo es am meisten weh tut. Das kann militärisch sein, aber auch über wirtschaftliche Maßnahmen. Obwohl die meisten Beobachter:innen mit einer militärischen Antwort Indiens rechnen, ist noch nicht absehbar, wie weit diese gehen wird. Was mitbedacht werden muss: In der Vergangenheit hat sowohl die USA als auch die Sowjetunion beziehungsweise Russland schlichtend in Konflikte zwischen Indien und Pakistan eingegriffen. Momentan gibt es keine Anzeichen dafür, dass die jetzige amerikanische Regierung das wieder tun würde. Somit ist ein wichtiger deeskalierender internationaler Faktor dieses Mal nicht gegeben.

Wäre denn ein friedlicher Weg aus dem Konflikt denkbar?

Kloos: Es wird natürlich ein Hin und Her an aggressiven Schritten zwischen den beiden Ländern geben, aber dann wird sich die Lage hoffentlich wieder beruhigen. Für den generellen Konflikt zwischen Indien und Pakistan sehe ich mittelfristig allerdings keine Lösung. Es wird weiter kriseln und je nach innenpolitischer Lage in Pakistan oder Indien auch in Zukunft Anschläge in Kaschmir geben. Dennoch ist es im Interesse beider Länder, dass sie zumindest den aktuellen Konflikt nicht völlig eskalieren lassen. Ich hoffe, dass der jetzige Konflikt ohne größere Verluste an Menschenleben oder längerfristigen negativen Auswirkungen, unter Wahrung des Gesichts beider Seiten, beigelegt wird.

 

Auf einen Blick:

Stephan Kloos ist Sozialanthropologe am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und ERC-Preisträger. Er promovierte in Medizinanthropologie an der University of California, San Francisco & Berkeley. Zahlreiche Feldforschungen führten ihn nach China, in die Himalayaregion und nach Indien.