Jenseits von Mythen und Vorurteilen: Die gemeinsame Geschichte Österreichs und Sloweniens
10.12.2025
Zwischen den Karawanken und dem Alpenhauptkamm lebten deutsch- und slowenischsprachige Menschen über Jahrhunderte gemeinsam. Lange bevor nationale Grenzen sie trennten. Doch diese Nähe geriet im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend in Vergessenheit – überdeckt von nationalen Erzählungen, Gewalt und politischen Konflikten. Mit „Beidseits der Alpen. Ein Österreichisch-Slowenisches Geschichtsbuch“ legen Historikerinnen und Historiker aus beiden Ländern nun ein Werk vor, das die „verlorene Geschichte“ wieder sichtbar macht.
Herausgegeben von Oliver Jens Schmitt, Peter Štih, Arnold Suppan und Peter Vodopivec entstand das Buch als Kooperation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Die Publikation baut auf Jahrzehnten gemeinsamer Forschungsarbeit auf: Viele der beteiligten Autor:innen kennen einander aus der Slowenisch-Österreichischen Historikerkommission, die bereits 1993 gegründet wurde. Genau diese vertrauensvolle Zusammenarbeit ermöglichte es, ein derart umfangreiches Projekt in nur dreieinhalb Jahren abzuschließen.
Von slawischen Siedlungen bis zu nationalen Konflikten
Das Ergebnis ist ein 583 Seiten starker Band, der die gemeinsamen historischen Wege beider Gesellschaften über 1.500 Jahre hinweg nachzeichnet – von den slawischen Siedlungen im Frühmittelalter über das Fürstentum Karantanien und die enge Verbundenheit von Kärnten, Steiermark und Krain in der Habsburger-Monarchie bis hin zu den modernen Nationalbewegungen und den Konflikten des 20. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, dass das alte Österreich keineswegs ein rein deutschsprachiges Land war und dass die Geschichte Sloweniens nicht erst mit Jugoslawien oder 1991 beginnt. Vielmehr lebten die Menschen beider Sprachgruppen über viele Jahrhunderte im selben Staatswesen, teilten religiöse Traditionen, wirtschaftliche Lebenswelten und regionale Identitäten.
Neue Form der Nachbarschaft
Der große Bruch kam mit dem Nationalsozialismus: Politische Umbrüche und Verfolgung belasteten die Beziehungen zwischen beiden Seiten enorm. Lange prägten diese Konflikte das kollektive Gedächtnis: Während Slowenien unter deutsche Besatzung geriet, waren es gerade österreichische Nationalsozialisten, die in den Grenzregionen zentrale Rollen bei Deportationen, Enteignungen und Gewaltakten spielten. Insgesamt wurden zwischen 1941 und 1945 63.000 Slowen:innen deportiert. Das Buch macht deutlich, dass diese Verbrechen nicht nur „von außen“ kamen, sondern vielfach von lokalen Akteuren in Österreich getragen wurden – eine Tatsache, die lange verdrängt wurde. Gleichzeitig dokumentiert der Band die langsame, aber deutliche Annäherung seit den 1990er-Jahren und seit Sloweniens EU-Beitritt, die heute den Rahmen für eine neue Form von Nachbarschaft bildet.
Verflochtene Geschichte
„Beidseits der Alpen“ will nicht nur historische Fakten zusammentragen. Der Band setzt bewusst auf verschiedene Perspektiven: Auf 15 thematisch und chronologisch gegliederten Kapiteln entfaltet sich eine Geschichte, die von 32 Karten, über 260 Abbildungen und zahlreichen Tabellen begleitet wird. So ist der Band nicht nur wissenschaftliches Nachschlagewerk, sondern bietet auch einen gut lesbaren, anschaulichen Einblick in die Vergangenheit dieser Region.
In einer Zeit, in der nationale Abgrenzungen wieder lauter werden, ist das Buch ein Plädoyer für die Rückkehr zu einem differenzierten historischen Verständnis – und ein Gegenmittel gegen populistische Vereinfachungen. Es lädt dazu ein, die eigenen Vorstellungen von „österreichischer“ und „slowenischer“ Geschichte zu hinterfragen und neu zu denken. Es zeigt, wie eng die Geschichten verwoben sind – und wie Verbindungen auch über Grenzen hinweg bestehen bleiben.
Auf einen Blick
"Beidseits der Alpen. Ein Österreichisch-Slowenisches Geschichtsbuch" erschien im 2. Nachdruck 2025 im Verlag der ÖAW.
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