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Neues BuchGeschichte

Der lange Weg Österreichs zur Demokratie

Von der späten Habsburgermonarchie über das Rote Wien bis zur Zweiten Republik: US-Historiker John W. Boyer analysiert in einem monumentalen Werk, das im ÖAW-Verlag erschienen ist, die Entwicklung der Demokratie in Österreich zwischen 1867 und 1955. Im Interview spricht er über die vielen Anläufe, die den demokratischen Neubeginn nach 1945 prägten.

26.11.2025
Schwarz-Weiß-Foto von dem mit Menschenmassen gefüllten Platz vor dem österreichischen Parlament
Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Das Land hatte zum ersten Mal eine demokratische Verfassung. Tausende Menschen versammelten sich damals vor dem Parlament in Wien.
© Richard Hauffe/Wien Museum/Wikimedia

Mit „Austria, 1867–1955“ legt der US-amerikanische Historiker John W. Boyer ein umfassendes Werk zur österreichischen Geschichte vor. Auf über 1.000 Seiten verfolgt er den Weg Österreichs von der späten Habsburgermonarchie über die Erste und Zweite Republik bis in die Kreisky-Jahre und beleuchtet zentrale Persönlichkeiten wie Karl Lueger und Karl Renner. Die deutsche Ausgabe ist soeben im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erschienen und wird am 26. November im Wien Museum präsentiert.

Boyer, ÖAW-Mitglied und von 1992 bis 2023 Dekan am College der University of Chicago, untersucht insbesondere den Prozess der Demokratisierung: Von den liberalen Reformen der Monarchie, über die massiven sozialen Innovationen im Roten Wien, bis hin zum Scheitern der Republik in den 1930er-Jahren und dem erfolgreichen demokratischen Neubeginn nach 1945. Sein Fazit: Demokratie entsteht nicht nur durch Verfassungen und Institutionen, sondern auch durch eine Zivilgesellschaft, die sie aktiv trägt.

Demokratie und Parteien

Herr Boyer, in Ihrem Buch untersuchen Sie die österreichische Geschichte von 1867 bis 1955 unter dem Aspekt der Demokratisierung. Wie würden Sie den Begriff der Demokratie im historischen Kontext Österreichs definieren, und wie hat sich diese Definition im Verlauf Ihrer Analyse entwickelt?

John W. Boyer: Demokratie – oder vielmehr die demokratische Praxis – setzt mehrere grundlegende Dinge voraus. Zunächst braucht es eine Verfassung, die der Öffentlichkeit eine gewisse Kontrolle über die Regierung einräumt, ganz gleich, ob es sich um eine Monarchie oder eine Republik handelt. Österreich erhielt 1867 eine solche Verfassung, doch sie war nicht wirklich demokratisch: Das Wahlrecht war stark eingeschränkt und galt nur für Männer, insbesondere für wohlhabendere Steuerzahler. Im Laufe der Monarchie, zwischen 1867 und 1918, wurde das Wahlrecht schrittweise ausgeweitet, sodass auch mehr Männer aus der Arbeiterschaft wählen konnten. 1918 erhielten schließlich auch erwachsene Frauen das Wahlrecht.

Damit gab es eine demokratische Verfassung?

Boyer: Richtig. Damit verfügte Österreich ab 1918 über eine vollständig demokratische Verfassung und eine demokratische Öffentlichkeit. Die neue Kelsen-Verfassung festigte und legitimierte diesen Prozess zusätzlich. Damit Demokratie jedoch tatsächlich funktioniert, braucht es auch eine Bürgerschaft, die an demokratische Prinzipien glaubt – und an die Idee einer österreichischen Nation. Der zweite Teil meines Buches untersucht, wie Österreich nicht nur eine formale, sondern eine funktionierende Demokratie entwickelte. Insgesamt beginnt dieser Weg mit der liberalen Verfassung von 1867 und der allmählichen Ausweitung des Wahlrechts bis 1918 und vor allem nach 1945.

Und welche Rolle spielten die politischen Parteien, insbesondere der Christlichsozialen und Sozialdemokraten, für die demokratische Entwicklung Österreichs?

Boyer: Das ist im Grunde der Kern des Buches. Um 1910 dominierten zwei Parteien die Politik in den Teilen der Monarchie, die später nach 1918 zur Republik wurden: die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten. Beide Parteien waren Massenparteien, entstanden in den 1890er-Jahren und traten an die Stelle der schwächer werdenden Liberalen und deutschnationalen Gruppierungen.

Die österreichische Geschichte ist in vieler Hinsicht die Geschichte zweier Parteien, der Christlichsozialen und der Sozialdemokraten – bis heute.

Nach 1918 übernahmen sie viele der politischen Funktionen, die zuvor der Monarch innehatte. Sie formulierten die Verfassung von 1920 und gründeten die Republik. Dennoch scheiterten beide letztlich daran, die Republik dauerhaft zu stabilisieren: Die Sozialdemokraten verloren 1934 ihre Machtbasis in Wien, die Christlichsozialen in ganz Österreich 1938. Die österreichische Geschichte ist in vieler Hinsicht die Geschichte dieser beiden Parteien – und ihre Nachfolgeparteien prägen das politische Leben Österreichs bis heute.

Die Rolle Wiens

Sie haben sich ausführlich mit der Wiener Stadtpolitik in der Ersten Republik und dem „Roten Wien“ auseinandergesetzt. Wie erklären Sie die Bedeutung der sozialen Reformen, insbesondere jener des Roten Wien, für die Entwicklung des modernen Sozialstaats in Österreich?

Boyer: Das Rote Wien kann man als eine Art utopisches Projekt verstehen – und ich meine „utopisch“ in einem positiven Sinn. Die Stadt war enorm mit sozialem Elend konfrontiert: Hunger, Armut, schlechte Wohnverhältnisse, unzureichende Gesundheitsversorgung und kaum vorhandene Bildungsangebote. Das Rote Wien war ein umfassender Versuch, diese Probleme mithilfe staatlicher Macht anzugehen – insbesondere durch eine progressive Besteuerung der Wohlhabenden, um Ressourcen umzuverteilen und Lebensbedingungen zu verbessern.

Eine funktionierende Demokratie entsteht über lange Zeit – durch Erfahrung, Scheitern und erneute Reform.

Viele dieser Maßnahmen wurden nach der NS-Zeit wieder eingeführt. In den späten 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahren setzte sich zunehmend die Überzeugung durch, dass viele der im Roten Wien entwickelten Initiativen nicht nur für Wien, sondern für ganz Österreich gelten sollten. Das Rote Wien setzte politische und institutionelle Maßstäbe und schuf gesellschaftliche Erwartungen – etwa das Recht auf guten Wohnraum, auch außerhalb Wiens. Der voll ausgebaute österreichische Sozialstaat entstand jedoch erst in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Kommen wir in die 1930er-Jahre. Welche Ursachen führen Sie für das Scheitern der demokratischen Republik in den 1930er-Jahren an?

Boyer: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil es komplex ist und keine einfache Antwort gibt. Die österreichische Wählerschaft war tief gespalten zwischen Anhänger:innen der Sozialdemokratie einerseits und des konservativen Katholizismus andererseits – ideologische Brüche, die schon vor dem Ersten Weltkrieg bestanden.

Hinzu kam die massive Zerstörung durch den Krieg, die Inflation der Nachkriegszeit sowie die Weltwirtschaftskrise ab Ende der 1920er-Jahre. Internationale Faktoren, vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland nach 1933, verschärften die Lage zusätzlich.

Österreich war eine kleine, relativ arme Republik, deren Bürger oft nur eine Demokratie wollten, die ihrer eigenen Gruppe nützt – nicht jedoch eine Demokratie für alle. Die Kombination aus sozialer Spaltung, wirtschaftlicher Not und äußeren Bedrohungen erschwerte den Aufbau einer stabilen Demokratie erheblich. Erst nach 1945 verbesserten sich die Rahmenbedingungen ausreichend, um eine funktionierende, nachhaltige Demokratie aufzubauen.

Lehren aus der Nachkriegszeit

Welche Lehren lassen sich aus dem demokratischen Neubeginn nach 1945 für die heutige Demokratie ziehen?

Boyer: Spätestens in den 1950er- und 1960er-Jahren hatten die beiden großen Parteien gelernt, den Staat miteinander zu teilen, anstatt gegeneinander zu kämpfen. Der wiederaufgebaute Staat ruhte nun auf einer festeren Grundlage: Die Bevölkerung begann zunehmend, sich als österreichisch – und nicht als deutsch – zu verstehen, und akzeptierte eine Form des „kulturellen Nationalismus“, wie ich es nenne.

Nach 1945 begann die Bevölkerung zunehmend, sich als österreichisch – und nicht als deutsch – zu verstehen.

Damit entstand eine funktionsfähige demokratische Ordnung, die auf einem soliden nationalen Bewusstsein beruhte und dadurch Legitimität gewann. Ein weiterer entscheidender Moment war der EU-Beitritt 1994/95. Die damals demokratisch gefestigte Republik war bereit, Teil eines größeren europäischen politischen und administrativen Rahmens zu werden und davon zu profitieren. Europa bestätigte und stützte dieses demokratische Österreich zusätzlich.

Und welche Lehre ziehen Sie persönlich?

Boyer: Für mich liegt die zentrale Lehre darin, dass Demokratie sowohl institutionelle Strukturen als auch eine Bürgerschaft benötigt, die sich mit dem demokratischen System identifiziert und es trägt. Eine funktionierende Demokratie entsteht über lange Zeit – durch Erfahrung, Scheitern und erneute Reform.

 

 

Auf einen Blick

John W. Boyer ist Professor für Geschichte an der University of Chicago, wo er seit 1975 lehrt und von 1992 bis 2023 Dekan war. Boyer ist Autor zahlreicher Werke zur österreichischen Geschichte, darunter „Political Radicalism in Late Imperial Vienna, Culture and Political Crisis in Vienna, Karl Lueger (1844–1910)“ sowie „Austria 1867–1955“, das jetzt auf Deutsch im Verlag der ÖAW erscheinen ist. Seit 2005 ist er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2015 erhielt er ein Ehrendoktorat der Universität Wien.

Zum Buch:

Das Buch „Österreich 1867‒1955“ von John W. Boyer ist im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erschienen, hat über 1.200 Seiten und kostet 49,- Euro. Neben der gedruckten Ausgabe gibt es auch eine Online-Edition und ein eBook.

Weitere Informationen zu "Österreich 1867‒1955"

Veranstaltung:

Am 26. November sprach John W. Boyer im Rahmen der Buchpräsentation von „Austria 1867–1955“ im Wien Museum mit dem Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs Helmut Wohnout. 

 

 

 


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