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Krieg im Nahen OstenSozialanthropologie

Iran: Tragen die Huthis den Krieg ins Rote Meer?

Irans traditionelle Verbündete im Jemen halten sich zurück – noch. Warum die Miliz kein bloßer Handlanger Teherans ist und welche entscheidende Rolle die islamistische Bewegung im aktuellen Krieg noch spielen könnten, erklärt ÖAW-Sozialanthropologin Marieke Brandt.

12.03.2026
Foto eines Motorboots, das auf hoher See auf ein riesiges Containerfrachtschiff zusteuert
Die Huthis halten an der Mündung des Roten Meers "den Finger auf dem Abzug", sagt Jemen-Expertin Marieke Brandt.
© AdobeStock

Seit die USA und Israel den Iran angreifen, gerät auch der Jemen wieder verstärkt in den Blick der Weltöffentlichkeit: Werden die Huthis, traditioneller Verbündeter des Iran, noch  in den Konflikt eingreifen? Und weshalb haben sie sich bisher an der Mündung des Roten Meers, das für den Welthandel strategisch so entscheidend ist, noch zurückgehalten?

Marieke Brandt, Jemen-Expertin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt im Interview, was die Huthis ideologisch und militärisch mit dem Iran verbindet.

Huthis und Iran: Achse des Widerstands 

Frau Brandt, nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran drohen die jemenitischen Huthis mit Vergeltung. Was verbindet die Huthis mit dem Iran?

Marieke Brandt: Die Huthis sind eine islamistische schiitische Bewegung mit Wurzeln im jemenitischen Zaydismus. Sie nennen sich offiziell Ansar Allah, übersetzt Gottes Helfer. Die Netzwerke und Verbindungen zwischen zayditischen Gelehrten im Jemen und Zwölfer-Schiiten im Iran sind sehr alt. Auch einige Mitglieder der al‑Huthi‑Familie verbrachten Zeit im Iran. In politischer Hinsicht ist der iranische Einfluss auf die Huthi‑Bewegung ungeheuer groß, denn die Huthi‑Ideologie schöpft aus dem anti-imperialistischen Repertoire des Khomeinismus und der iranischen Islamischen Revolution. Daher sind die Huthis auch Teil der sogenannten „Achse des Widerstands“, eines Zusammenschlusses vorwiegend schiitischer, anti‑imperialistisch orientierter Gruppen unter iranischer Führung.

Die Huthis sind keine iranischen Stellvertreter oder Proxies, sondern haben ihre eigene Agenda.

Und in religiöser Hinsicht?

Brandt: In religiöser Hinsicht distanziert sich die Huthi‑Bewegung aber deutlich vom Iran. Die Huthis fühlen sich den Iranern überlegen, weil sie meinen, der Zaydismus sei „reiner“ und näher an der „wahren“ Bedeutung des Koran. Die Huthis sind daher keine iranischen Stellvertreter oder Proxies, sondern haben ihre eigene Agenda und einen eigenen Führungsanspruch.

 

Krieg im Iran schwächt Huthis

In welchen Bereichen sind die Huthis vom Iran abhängig?

Brandt: Neben der politischen Vorbildfunktion ist der Iran heute neben China und Russland einer der entscheidenden externen Ermöglicher der Huthis. Teherans Einfluss hat sich in den letzten 15 Jahren von opportunistischem Schmuggel zu strukturierten, redundanten Lieferketten entwickelt, die die Huthis in die Lage versetzen, komplexe Waffensysteme einzusetzen. Iran ist damit ein unverzichtbarer Partner für Ausrüstung, Technologie, Ausbildung und Logistik der Huthis, und hat ihre Fähigkeiten qualitativ transformiert, ohne sie zu bloßen Befehlsempfängern zu machen.

Der Krieg gegen Iran trifft die Huthis vor allem waffentechnisch.

Wie verändert eine nachhaltige Schwächung des Iran die Machtbasis der Huthi im Jemen konkret?

Brandt: Seit Oktober 2023 ist die von Iran aufgebaute „Achse des Widerstands“ deutlich geschwächt worden. Der Krieg gegen Iran trifft die Huthis vor allem waffentechnisch, also er gefährdet das Potenzial ihrer Raketen-, Drohnen- und Anti‑Schiff‑Kampagnen. Mit der Zeit werden vermutlich die Beschaffungsnetzwerke und der Wissenstransfer erodieren, was die Huthis von hochkomplexen Waffensystemen und maritimen Störkampagnen auf hohem Niveau zurück zu einfacheren, kürzer‑reichweitigen Mitteln drängen dürfte. Die innere Machtbasis im Jemen bleibt aber wohl zunächst weitgehend stabil, also der Sicherheitsapparat, die Repressionskapazität, das Steuer- und Zollregime, die Kriegsökonomie, und die ideologische Mobilisierung der Bevölkerung. Aber ihre hochtrabenden militärischen Prestigeprogramme sind ohne den Iran wohl langfristig nicht sehr tragfähig.

Horrorszenario für Weltwirtschaft

Warum greifen die Huthi Handelsschiffe im Roten Meer an – und welche Auswirkungen hat das auf den globalen Handel?

Brandt: Jemen ist an wichtigen geostrategischen Schifffahrtsrouten gelegen. Seit Beginn der Gaza-Krise im Oktober 2023 haben die Huthis Handelsschiffe im Roten Meer und im Indischen Ozean angegriffen, um geopolitischen Druck auszuüben und sich als Widerstandsakteure und Unterstützer Palästinas zu profilieren. Damit wollten sie auch ihre eigene innenpolitische Legitimität stärken und von internen Problemen ablenken, weil viele Jemenit:innen große Sympathien für den Befreiungskampf der Palästinenser:innen hegen. Die Folge war eine massive Störung der Suez-Route, weil ein großer Teil des Verkehrs um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet werden musste, mit den damit verbundenen Unsicherheiten, Kosten und Verzögerungen. Das war auch in Europa zu spüren. Wenn Iran jetzt die Straße von Hormuz schließt und die Huthis dann noch das Rote Meer blockieren würden, dann wäre das ein maximales Bedrohungsszenario für die Weltwirtschaft mit immensen Preisschocks.

Wenn Iran die Straße von Hormuz schließt und die Huthis das Rote Meer blockieren würden, dann wäre das ein maximales Bedrohungsszenario für die Weltwirtschaft.

Seit Beginn des Krieges sperrt Iran die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormuz. Bis jetzt reagieren die Huthis also zurückhaltend?

Brandt: Interessanterweise halten die Huthis sich seit Beginn der Militärkampagne im Iran zurück und haben bisher noch keine neuen Schiffe angegriffen. Abdulmalik al-Huthi betont zwar, sie hätten „den Finger auf dem Abzug“, aber bisher ist noch nichts passiert. Es ist derzeit unklar, was hinter dieser Zurückhaltung steckt. Einige meinen, dass die Huthis bewusst abwarten bis die USA und Israelis einen Teil ihrer Munition verschossen haben, um dann umso wirkungsvoller einzusteigen. Andere vermuten, dass die Huthis nach dem möglichen Ende der iranischen Blockade die ersten Öltanker aus der Straße von Hormuz abwarten, um dann zuzuschlagen.

Es könnte aber auch sein, dass die Huthis härtere, gezieltere Militärschläge fürchten als zuvor, und dass womöglich Abdulmalik al-Huthi bei neuen Provokationen als nächster ausgeschaltet wird. Sie würden dann nämlich das bestehende omanisch-vermittelte Nichtangriffsabkommen mit den USA brechen und möglicherweise eine neue, gezielte US-Kampagne gegen ihre Führung und Strukturen provozieren. Und schließlich hat Iran bei den Jemenit:innen nicht dieselben Sympathiewerte wie Palästina, und eine solche Kampagne wäre der eigenen Bevölkerung nur schwer zu vermitteln. Ob sie eingreifen oder nicht, die Huthis stehen vor einem Test politischer Selbsterhaltung und die Kosten einer Verwicklung in den Irankrieg könnten den Nutzen übersteigen, vor allem wenn Irans Regimestabilität wankt.

Hardliner am Roten Meer

Welche Rolle spielen die internen Machtverhältnisse bei den Huthis zwischen Hardlinern und Gemäßigten?

Brandt: Die Huthis haben seit ihrer Entstehung in den frühen 2000er-Jahren verschiedene Phasen durchlaufen und hatten zeitweise eine durchaus ernst zu nehmende gemäßigte Fraktion, etwa während der Nationalen Dialogkonferenz im Jemen 2013. Diese Moderaten sind von den Hardlinern mittlerweile fast komplett marginalisiert worden. Das begann schon während der Nationalen Dialogkonferenz und setzte sich seit dem Beginn des von Saudi-Arabien und den Emiraten angeführten Militäreinsatzes von 2015 bis 2022 fort. Seit 2024 standen die Huthis mehrmals im Fadenkreuz der Israelis und der USA.

Die Huthis hätten „den Finger auf dem Abzug“, aber bisher ist noch nichts passiert. Warum, ist unklar.

Und wie ist das Zusammenspiel von Huthis und Bevölkerung?

Wie überall können wir auch im Jemen beobachten, dass Krieg und Gewalt letztlich zu noch mehr Radikalismus führen. Die Huthis sind heute eine autoritäre Gruppe, die aber nach innen trotzdem auch eine dialogische Strategie verfolgt – also sie testen ständig aus, wie weit sie gehen können, was die Bevölkerung noch bereit ist mitzutragen, und wo die roten Linien verlaufen. Wenn sie merken, dass der Widerstand in der Bevölkerung zu groß wird, dann schwenken sie um. Viele Vorhaben und Ideen sind so schon stillschweigend von den Huthi-Machthabern und Chef-Ideologen begraben worden. Das ist ein Phänomen, das wir auch in dem neuen ERC Advanced Grant Projekt IDEO-YEMEN am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW untersuchen werden. Also die Frage, wie entwickelt sich eigentlich eine Ideologie im Dialog mit den Menschen? Wie wird diese verhandelt, herausgefordert, implementiert, und gegebenenfalls auch sabotiert? Das ist ein spannender, dynamischer Prozess, der tiefe Einsichten in das Zusammenspiel von Bewegung und Gesellschaft ermöglicht.
 

 

Weitere Informationen

Marieke Brandt ist Senior Researcher am ISA und forscht zur Anthropologie und Sozial- und Ideengeschichte Jemens. Ihre preisgekrönte Monografie Tribes and Politics in Yemen (OUP/Hurst 2017) wurde 2025 ins Arabische übersetzt. Seit 12026 erforscht sie im Rahmen eines ERC Advanced Grant „IDEO-YEMEN" die Sozial- und Ideengeschichte der Huthis.