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GeopolitikIranistik

Iran-Krieg: Welche Rolle spielen die Kurden?

Kurden stellen die größte Minderheit im Iran – und stehen im aktuellen Krieg im Zentrum geopolitischer Überlegungen. Was der Krieg für die kurdische Bevölkerung bedeutet, und warum die Geschichte des iranischen Nationalstaats zum Verständnis der aktuellen Lage wichtig ist, erklärt ÖAW-Iranist Florian Schwarz im Interview.

18.03.2026
Eine Großstadt, gelegen in einem Tal zwischen mehreren Hügeln
Blick auf Sanandadsch, die größte kurdische Stadt im Iran.
© AdobeStock

Der seit dem 28. Februar 2026 andauernde Krieg gegen den Iran trifft die kurdisch besiedelten Westprovinzen des Landes mit besonderer Wucht. Das ist kein zufälliges Muster: Es verweist auf strukturelle Merkmale des iranischen Staates, die bis in die Staatsbildungsphase der Pahlavi-Monarchie zurückreichen. Die Frage des Umgangs mit ethnischen Minderheiten wurde im modernen Iran nie institutionell gelöst, sondern durch Kooptation und Repression überdeckt.

Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt im Gespräch, wie dieses Erbe den aktuellen Konflikt prägt und welche Risiken entstehen, wenn externe Akteure wie Israel und die USA kurdische Gruppen in ihr taktisches Kalkül einbeziehen, ohne eine tragfähige Vorstellung vom Iran nach dem Krieg zu haben.

Militärstellungen in kurdischen Regionen im Visier

Im Iran leben Schätzungen zufolge sieben bis zehn Millionen Kurd:innen. Sie sind die größte Minderheit des Landes und zugleich die politisch aktivste. Die meisten von ihnen leben in westlichen Provinzen Irans, einer Region, die ab dem ersten Tag der israelischen und US-amerikanischen Angriffe stark betroffen ist. Warum?

Florian Schwarz: Die meisten militärischen Angriffe betreffen die Hauptstadt Teheran, aber darüber hinaus zeigt sich ein deutlich erkennbares Muster: eine Konzentration auf Grenzstationen sowie auf militärische, aber auch teilweise zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser entlang der westlichen Grenze und der großen Straßen, die aus dem Irak und den kurdischen Autonomieregionen des Iraks Richtung Iran führen.

Kurdistan gehört zu den am wenigsten entwickelten Regionen des Landes, wirtschaftlich vernachlässigt bereits seit der Schah-Zeit.

Zudem gibt es im Westen eine stärkere Präsenz der Revolutionsgarde – auch um Regionen zu kontrollieren, die aus Sicht Teherans potenziell oder akut problematisch sind, vor allem die kurdisch-sunnitischen Regionen. Ebenso im Süden, in der Provinz Ilam und Teilen von Lorestan, wo es Ende 2025 und Anfang 2026 zu starken Protesten kam. Die Bevölkerung dort ist kulturell den kurdisch-sunnitischen Regionen nahe stehend, jedoch überwiegend schiitisch.

Initiativen der USA und Israels

Wie positionieren sich kurdische Gruppen seit dem 28. Februar 2026?

Schwarz: Relativ schnell nach Kriegsbeginn gab es Verlautbarungen, dass eine Koalition verschiedener kurdischer Gruppierungen und Parteien – aus dem Irak, aber auch aus dem iranischen Kurdistan – gebildet worden sei. Dazu kamen einzelne Aussagen vor allem von US-Präsident Donald Trump, dass es Gespräche mit Führern kurdischer Parteien und Bewegungen gegeben habe und darüber nachgedacht werde, diese Koalition zu bewaffnen. Offenbar hat diese Koalition kurdischer Gruppen Kontakt zu anderen sunnitischen politischen Kräften im Osten Irans aufgenommen, in Sistan-Belutschistan.

Die Frage ist, ob es seitens Israels und der USA taktische Überlegungen gibt, die darauf abzielen, die militärische Handlungsfähigkeit und Kontrolle des iranischen Sicherheitsapparates entlang der irakischen Grenze drastisch zu reduzieren. Was das für den weiteren Kriegsverlauf bedeuten kann oder für das, was nach einem möglichen Ende der Angriffe kommt, ist noch unklar.

Welchen Platz haben die großen Bevölkerungsgruppen historisch gesehen, die nicht primär persischsprachig oder schiitisch sind?

Schwarz: Bei der Betrachtung der Entwicklungen im Iran wird die Vielzahl von Volksgruppen seit vielen Jahren kaum beachtet – allenfalls punktuell, etwa im Zusammenhang mit dem Tod von Jina Amini im September 2022, die iranische Kurdin war. Dieses Jahr jährt sich zum 100. Mal der Beginn der Pahlavi-Monarchie. Reza Schah Pahlavi setzte ein Nation-Building-Programm mit militärischer Gewalt durch, das auf einen nationalen, zentralistischen Staat hinwirkte.

Inwiefern?

Schwarz: Das Modell, das in der frühen Pahlavi-Zeit entwickelt wurde, bestand darin, Teile der regionalen Eliten zu kooptieren, also ihnen Privilegien einzuräumen im Gegenzug dafür, dass Ruhe herrschte. Sunnitische Kurden oder schiitische Azeris, die eine Turksprache sprechen, gelten aus Sicht vieler Iraner:innen als nicht ganz so „iranisch“. Eine politische Elite aus der Mehrheitsbevölkerung dominiert seither, also jene 60 Prozent, die Farsi als Erstsprache sprechen und schiitisch geprägt sind.

Jede Form nicht-persisch-schiitischer Autonomie stellt aus Sicht der Zentralregierung eine existenzielle Herausforderung dar.

Im Prinzip hat die Islamische Republik dieses Modell ohne echte Brüche weitergeführt, nur mit Verschiebungen in der Gewichtung.

Unterdrückung der Kurd:innen

Wie äußerte sich diese Politik konkret gegenüber der kurdischen Bevölkerung?

Schwarz: Anders als in der Türkei gab es im Iran nie ein offenes Verbot der kurdischen Sprache – weder zur Zeit des Schahs noch in der Islamischen Republik. In der Praxis sieht es jedoch anders aus: Kurdistan gehört zu den am wenigsten entwickelten Regionen des Landes, wirtschaftlich vernachlässigt bereits seit der Schah-Zeit. Traditionell war die Region landwirtschaftlich und pastoral-nomadisch geprägt. Ab den 1920er-Jahren wurde eine Politik der erzwungenen Sesshaftmachung durchgesetzt.

In der Islamischen Republik kamen weitere Maßnahmen hinzu, die auf eine schleichende Marginalisierung der kurdischen Bevölkerung abzielen: demographische Verschiebungen durch die gezielte Ansiedlung schiitischer und persischsprachiger Bevölkerungsgruppen aus anderen Landesteilen – was eng mit der stärkeren Urbanisierung der Region in den letzten Jahrzehnten zusammenhängt – sowie kulturelle Einschränkungen wie etwa bei der Namensgebung: Mahsa Amini hieß eigentlich Jina, ein kurdischer Name, der auf der offiziellen Liste zugelassener Namen nicht erscheint.

Kurzlebiges Kurdistan

Gab es in der Geschichte Momente, in denen sich ein Fenster für politische Neuverhandlungen geöffnet hat?

Schwarz: Besonders bei zwei Gelegenheiten schien sich ein solches Fenster kurz zu öffnen. Beide Male wurde es schnell wieder geschlossen. In der sogenannten Irankrise 1946 – am Beginn des Kalten Krieges – ging es um einen Konflikt um Kurdistan und Aserbaidschan. Zur Vorgeschichte: 1941 besetzte Großbritannien gemeinsam mit der Sowjetunion Iran. Reza Schah dankte ab, sein Sohn Mohammed Reza kam auf den Thron. Die Vereinbarung war, dass alle Truppen nach Kriegsende abziehen. Die Sowjetunion hielt sich nicht daran und unterstützte 1945-46 Autonomiebewegungen in den iranischen Regionen Aserbaidschan und Kurdistan. Daraus entstanden die kurzlebige Aserbaidschanische Volksregierung und die kurdische Republik Mahabad. Die iranische Regierung marschierte nach sowjetischem Rückzug sofort militärisch ein und unterdrückte beide Bewegungen.

Strategische Überlegungen erkenne ich weder auf israelischer noch auf US-amerikanischer Seite.

Auch 1979 schien sich kurz ein Fenster zu öffnen: Kurdische Parteien nahmen sofort Kontakt mit Ruhollah Chomeini auf, um einen Autonomiestatus auszuhandeln. Chomeini verfolgte aber dieselbe nationalstaatliche Logik und griff militärisch durch. Das war noch vor dem Iran-Irak-Krieg.

Angst vor Autonomie

Diese Angst vor Autonomieforderungen ist also tief verwurzelt – und reicht weit über die Islamische Republik hinaus?

Schwarz: Absolut. Als Reza Shah die Macht übernahm, war Iran ein Staat, der nach dem Ersten Weltkrieg an mehreren Rändern auseinanderzubrechen drohte. Seitdem gilt: Jede Form nicht-persisch-schiitischer Autonomie stellt aus Sicht der Zentralregierung eine existenzielle Herausforderung dar – selbst wenn die großen kurdischen Parteien und Bewegungen gar keine separatistischen Forderungen stellen, sondern Föderalismus anstreben: regionale Autonomie innerhalb des iranischen Nationalstaats.

Was bedeutet das für die aktuelle Situation? Welche Strategie verfolgen Israel und die USA hier?

Schwarz: Strategische Überlegungen erkenne ich weder auf israelischer noch auf US-amerikanischer Seite. Strategisch würde bedeuten, man hat eine Vorstellung davon, wie Iran danach aussehen soll. Die sehe ich nicht. Taktisch könnte die Überlegung sein: Wenn man kurdische Gruppen bewaffnet und die Möglichkeiten des iranischen Militärs in der Region minimiert, ergibt das einen kurzfristigen Vorteil. Aber was das bedeutet, sobald die westlichen Angriffe enden, ist völlig offen. Es ist ein hoch riskantes Kalkül, wenn es überhaupt eines ist.

 

Weitere Informationen

Florian Schwarz ist seit 2010 Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er studierte Iranistik und Islamwissenschaft an den Universitäten Tübingen und Köln und promovierte im Jahr 1999. Von 2005-2009 war er als Assistant Professor am Department of History der University of Washington, Seattle tätig. 2011 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität Wien ernannt und 2015 zum korrespondierenden Mitglied der ÖAW gewählt. 

 

Florian Schwarz. © Elia Zilberberg/ÖAW