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ÖAW-DiskussionenGeopolitik

Iran: Der nächste Krieg ohne Gewinner?

Wie geht es weiter am Persischen Golf? Kann die Straße von Hormus tatsächlich aus dem Konflikt genommen werden? Und welche Intessen vertreten Teherans Verbündete Russland und China? Zu diesen Fragen diskutierten hochkarätige Expert:innen zu Iran, China und Russland bei einer Sitzung der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW.

06.07.2026
Foto vom Elburs-Gebirge hinab auf die Metropole Teheran
Die Millionenstadt Teheran stand seit Ausbruch des Krieges immer wieder im Fokus der US-amerikanischen und israelischen Angriffe. In der Hauptstadt werden wichtige Weichen für die Zukunft der Region gestellt.
© AdobeStock

Der Konflikt am Persischen Golf gilt aktuell als eingefroren - aber noch lange nicht beendet. Das Mitte Juni zwischen dem Iran und den USA abgeschlossene Rahmenabkommen für ein Ende des Krieges gibt Hoffnung, lässt aber viele zentralen Fragen offen. Fest steht zugleich bereits jetzt: Der im Februar vom Zaun gebrochene Krieg hat die Machtverhältnisse in der Region verschoben. Durch den Zugriff auf die Straße von Hormus hat speziell Teherans geopolitisches Gewicht stark zugenommen, während viele der von den USA und Israel genannten Kriegsziele schwerer denn je erreichbar scheinen. 

Ist der Iran also der Gewinner dieses Krieges? Und gilt das damit auch für die vermeintlichen Verbündeten Irans, Russland und China? Ganz so eindeutig lässt sich das nicht sagen, betonen die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik, der Osteuropahistoriker Wolfgang Mueller und die beiden Iranisten Florian Schwarz und Walter Posch unisono. Sie beleuchteten im Rahmen einer Sitzung der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) den Konflikt im Iran und die Situation in der Straße von Hormus aus unterschiedlichen Blickwinkeln - und teilten dabei mitunter überraschende Befunde. 

Innere Konflikte im Iran

Bereits die Frage, ob der Iran als Sieger aus dem Konflikt hervorgeht, ist alles andere als ausgemacht, sagte Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik und Mitglied der ÖAW. Denn die anstehenden Verhandlungen würden laut Schwarz „nicht nur zu einem politischen Tauziehen zwischen Iran und USA werden, sondern auch zu einer Zerreißprobe innerhalb der politischen und militärischen Kräfte Irans, die herausfinden müssen, was im Interesse des Landes und seiner Gesellschaft tatsächlich wichtig ist.“

Der Iran kämpfte schließlich schon vor Beginn des Krieges mit wirtschaftlichen Strukturproblemen, dem ungelösten Verhältnis zwischen persisch-schiitischer Mehrheitsbevölkerung und nicht-schiitischen Regionen sowie mit massiven ökologischen Herausforderungen wie der schweren Wasserkrise. Angesichts dieser mannigfachen Herausforderungen ist auch die Haltung des Iran zur Straße von Hormus mitunter widersprüchlich und inkonsistent: Während der als Chefunterhändler stilisierte Parlamentspräsident das Recht Irans auf Souveränität über die Straße von Hormus im Zuge des Rahmenabkommens bekräftigt hat, schwieg der Sprecher des iranischen Außenministeriums dazu. „Dahinter steht die Befürchtung, den außenpolitischen Handlungsspielraum auf lange Sicht zu sehr einzuschränken, wenn man sich auf bestimmte Dinge festlegt", analysierte Schwarz. Keine einfachen Voraussetzungen demnach für eine rasche und stabile internationale Lösung zur Frage von Hormus. 

„Erstaunlich war die Selbsttäuschung und die Fantasiewelt, in der man im Westen – und sogar in Israel – gelebt hat.

Natürlich wüssten die Iraner auch schon vor dem Konflikt genau über die Bedeutung der Straße von Hormus Bescheid, betont Walter Posch, ausgebildeter Iranist und Nahost-Experte am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheers. Und sie ließen den Westen auch immer wissen, dass sie bei Angriffen gegen den Iran mit Angriffen auf amerikanische Basen in der Region antworten würden. 

„Erstaunlich war jedoch die Selbsttäuschung und die Fantasiewelt, in der man im Westen – und sogar in Israel – gelebt hat. Nur etwas Druck würde reichen, und dann würde das Regime zusammenbrechen", erinnert Posch. Davon könne natürlich keine Rede sein. 

China hält sich zurück

Falsche Prognosen über den Verlauf des Krieges betrafen allerdings nicht nur das Verhalten des Iran, sondern auch die Rolle der Verbündeten Teherans. So scheint China im Konflikt zwischen den USA, dem Iran und Israel unerwartet passiv im Bestreben, eine sehr zurückhaltende, und höchstens vorsichtig vermittelnde Rolle einzunehmen. Gleichzeitig nutze es die Situation, um seine eigenen Interessen gegenüber den USA zu stärken, etwa indem man in den jüngsten chinesisch-amerikanischen Gesprächen selbstbewusst die US-Waffenlieferungen an Taiwan thematisierte, wie ÖAW-Mitglied Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin für Sinologie an der Universität Wien, erinnert.  

„Bis jetzt gab es eine einzige öffentliche Äußerung von China zur Frage der Situation im Iran: Als der Kronprinz von Abu Dhabi Peking bereiste, hat Xi Jinping ihm einen Vier-Punkte-Plan vorgelegt. Und der interessanteste dieser vier Punkte ist die Aufforderung an alle beteiligten Akteure, sie mögen in friedlicher Koexistenz miteinander leben“, erläuterte Weigelin-Schwiedrzik. „Man kann das so interpretieren, dass China damit seine Position ganz deutlich definiert hat. So hat es sowohl gegenüber Israel als auch gegenüber dem Iran deutlich gemacht, dass diese beiden hauptsächlichen Konkurrenten zu einer Politik der friedlichen Koexistenz kommen müssen.“

Der angebliche große Schutzpatron China hat den Iran zurückgepfiffen.

Auch interessant ist, so die Sinologin, „dass China in einer seiner wenigen öffentlichen Äußerungen den Iran aufgefordert hat, alle Angriffe gegen die anderen Golfstaaten sofort einzustellen. Das ist etwas, was der Iran natürlich nicht goutieren konnte, weil aus seiner militärstrategischen Sicht es vollkommen sinnvoll war, diese Staaten anzugreifen. Der angebliche große Schutzpatron hat ihn also zurückgepfiffen.“

Dieses Verhalten registrierte auch US-Präsident Donald Trump. Am Rande des G7-Gipfels Mitte Juni bedankte er sich sowohl bei Chinas Präsident Xi Jinping als auch bei Russlands Präsident Wladimir Putin für ihre „neutrale“ Haltung im Iran-Krieg. Er lobte, dass beide Staaten keine großen Waffen an den Iran geliefert und den Konflikt so nicht weiter eskaliert hätten, was die Schaffung einer Waffenruhe begünstigt habe. 

Russland hat eigene Interessen

Tatsächlich sei Russland im Iran-Krieg bisher als vorsichtiger und interessengeleiteter Akteur aufgetreten, pflichtete auch ÖAW-Mitglied Wolfgang Mueller bei. Das sei so nicht unbedingt zu erwarten gewesen, schließlich haben sich die Beziehungen zwischen Russland und dem Iran seit den 1990er Jahren zunehmend stabilisiert und intensiviert, wie der  Professor für Russische Geschichte an der Universität Wien, erklärt. „Diese Kooperation findet heute nicht nur im wirtschaftlichen und im energiepolitischen Bereich statt, sondern insbesondere seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 auch im Bereich von Rüstungslieferungen.“ Für Moskaus Vorsicht im aktuellen Konflikt spreche für Mueller allerdings ein gewichtiger Punkt: „Russland ist an einem aber mit Sicherheit nicht interessiert: ein nuklear bewaffneter Iran.“

Hier ist sehr viel verschossen worden, was die USA nicht mehr an die Ukraine liefern könnten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Moskau seinen Verbündeten vollkommen hängen lässt und Druck auf Teheran ausüben würde. Denn Russland ziehe durchaus auch einzelne Vorteile aus einem länger andauernden Konflikt  im Iran. Wirtschaftspolitisch wirke sich beispielsweise die vorübergehende Lockerung der US-Sanktionen auf russisches Öl positiv aus, auch über gesteigerte Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasprofit durfte sich Moskau freuen. Und es gibt auch einen weiteren Aspekt, der ganz im Sinne Wladimir Putins und seiner Militärstrategen sein dürfte: „Der letzte Vorteil Russlands aus diesem US-amerikanischen Krieg gegen den Iran sind die signifikant reduzierten US-amerikanischen Rüstungsdepots. Hier ist sehr viel verschossen worden, was somit die USA gar nicht mehr an die Ukraine liefern könnten.“

 

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