Hitze in Schulen: „Alle leiden da nur“
01.07.2026
Hitze ist nicht nur etwas, das man draußen spürt. Sie belastet auch dort, wo Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihres Tages verbringen: in Schulen. Silvio Heinze und sein Team am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erheben mit Schulklassen, wie Hitze im Schulalltag wahrgenommen wird – im Klassenzimmer, am Schulweg, im Schulumfeld und an Orten, an denen sich Jugendliche in ihrer Freizeit aufhalten.
Dabei geht es nicht nur um Messwerte. Heinze kombiniert Temperaturdaten mit sozialwissenschaftlichen Methoden: Die Schüler:innen markieren heiße und kühle Orte auf Karten, messen mit und sprechen darüber, wie sie die Belastung erleben. Im Interview erklärt er, warum Hitze für Schulen ein großes Problem ist, warum Messdaten allein nicht reichen und was Städte daraus lernen können.
Warum hohe Temperaturen den Unterricht belasten
Herr Heinze, Hitze ist für viele Menschen etwas, das man erst einmal draußen spürt. Warum sollte man ausgerechnet in Schulen so genau hinschauen?
Silvio Heinze: Wir haben in unseren Bildungsprojekten gemerkt, dass Hitze zwar als Belastung wahrgenommen wird, aber sehr unterschiedlich. Im öffentlichen Raum gibt es aufgeheizte Flächen, die Hitze abstrahlen und direkte Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben. Deshalb messen wir auch in Schulen und rund um Schulen. Wir wollen aufzeigen, dass es direkte Zusammenhänge gibt zwischen der Umgebung und der Frage, wie sich Menschen fühlen. Oft wird das von Betroffenen selbst auch zu wenig wahrgenommen. Mit den Forschungsdaten wollen wir also auch sensibilisieren: Hitze ist ein sehr wichtiges Thema.
Hitze ist für Kinder und Jugendliche ein großes Problem.
Wie erleben Kinder und Jugendliche Hitze im Schulalltag?
Heinze: Zusammenfassend kann man sagen: Es ist für sie ein total großes Problem. Das ist jetzt nicht überraschend, aber es zeigt sich sehr deutlich. Wir schauen auch über den Schulalltag hinaus: Wo gehen Kinder und Jugendliche nach der Schule hin? Wie sieht es dort aus? Auch da zeigt sich, dass Orte fehlen, die abgekühlt sind. Schulen sind besonders relevant, weil Kinder und Jugendliche dort auch in den Sommermonaten lange Zeit verbringen. Es gibt ja kein „hitzefrei für alle“ in dem Sinn. Die Belastung zeigt sich auch in den Workshops, die wir mit den Klassen machen. Wir gehen in Schulen, sprechen darüber, was Hitze ist, wo sie herkommt und wie man sie messen kann. Dabei sieht man auch, dass es innerhalb eines Schulgebäudes sehr unterschiedliche Abstufungen geben kann. Es gibt engagierte Lehrer, die schon früh am Morgen für Durchzug sorgen, damit es später für ein paar Stunden erträglicher ist. Trotzdem ist die Mitarbeit der Kinder oft nicht wirklich gegeben, weil alle unter der Hitze leiden. Das ist dann natürlich auch für uns Forschende eine Herausforderung, wenn wir sozialwissenschaftliche Erhebungen machen wollen.
Wie Schüler:innen Temperaturen und Hitzebelastung erfassen
Wie gehen Sie methodisch vor?
Heinze: Wir versuchen, Hitzewahrnehmung in einem Mixed-Methods-Ansatz zu erheben. Einerseits lassen wir Schüler:innen im Schulumfeld mit Karten arbeiten: Wo sind Orte, die sie als besonders heiß oder besonders kühl in Erinnerung haben? Dann einigen wir uns auf einige Orte, die wir gemeinsam mit der Schulklasse messen. Wir gehen hinaus und messen die Lufttemperatur. Vor allem messen wir aber auch mit Kameras die Oberflächentemperaturen. Das macht Hitze noch einmal sehr eindrücklich sichtbar. Danach werten wir die Daten gemeinsam aus und sprechen darüber: War das überraschend? War es nicht überraschend? Verändert das etwas daran, wie die Schüler:innen bestimmte Orte wahrnehmen? Uns interessiert auch, ob sie dadurch in Zukunft anders reagieren. Also ob sie zum Beispiel sagen: Der Ort, an dem wir uns nach der Schule treffen, ist vielleicht nicht ideal, weil er sich stark aufheizt. Vielleicht wird dann künftig auch ein kühlerer Ort eher ausgewählt. Es geht darum, einen breiteren Blick auf Hitze und auf die Schüler:innen zu bekommen.
Schulvorplätze noch zu wenig in Abkühlungsmaßnahmen eingebunden.
Warum reichen klassische Temperaturmessungen dafür nicht aus?
Heinze: Temperaturaufnahmen kann man heute schon relativ gut machen, etwa mit Fernerkundung, Satelliten oder Drohnenbefliegungen. Man kann auch Temperaturen in Straßen und Gassen messen. Aber die persönliche Erfahrung von Hitze ist damit noch nicht erfasst. Uns interessiert: Welche Wege nutzen Menschen? Welche Wege meiden sie, wenn es besonders heiß ist? Wie erleben sie bestimmte Orte? Stadt hat immer auch eine sehr soziale Komponente. Genau darauf versuchen wir den Fokus zu legen.
Was Schulen und Stadtplanung ändern müssen
Welche Schlüsse lassen sich aus solchen Erhebungen für Schulen und Umgebungen ziehen?
Heinze: Wir waren kürzlich in Schulen in der Neustiftgasse und in der Burggasse im siebten Bezirk in Wien. Dort zeigt sich, dass auch Schulvorplätze noch zu wenig in Abkühlungsmaßnahmen eingebunden sind. Bei der Mittelschule Neustiftgasse spürt man die Hitze sofort, wenn man aus dem Schulhaus kommt. Da ist viel Asphalt, es gibt kaum richtige Beschattung, dazu kommt der Autoverkehr. Das muss mitgedacht werden. Gerade bei der Priorisierung von Maßnahmen sollte man stärker auf Vulnerabilität schauen: Wo sind Gruppen betroffen, bei denen Maßnahmen besonders wichtig sind und einen großen Effekt haben? Ich verstehe, dass Städte budgetär Schwierigkeiten haben. Gerade deshalb ist es wichtig, Schwerpunkte zu setzen – etwa bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen.
Durch den baulichen Zustand heizen sich Stadtzentren besonders stark auf. Da braucht es große Anstrengungen in der Klimawandelanpassung.
Was bedeutet das über Schulen hinaus für die Stadt?
Heinze: Ein wichtiger Schluss ist, dass sich Städte viel stärker damit auseinandersetzen müssen, wie sie in den Sommermonaten gestaltet sein müssen, damit man weiterhin gut in ihnen leben kann. Wir haben Phänomene wie die urbane Hitzeinsel. Durch den baulichen Zustand, durch die Morphologie und die Beschaffenheit der Stadt heizen sich Stadtzentren besonders stark auf. Da braucht es große Anstrengungen in der Klimawandelanpassung. Vielleicht müssen wir diese Schritte sogar schneller machen, als bisher gedacht und geplant war. Sonst können vulnerable Gruppen – also Kinder und Jugendliche, aber auch ältere Menschen – die Sommermonate in der Stadt irgendwann nicht mehr gut bewältigen.
Sie haben auch ältere Menschen angesprochen. Haben Sie für die Situation von ihnen ein Beispiel?
Heinze: Ein spannendes Beispiel war eine Hitzewalk-Veranstaltung in Wien auf der Gumpendorfer Straße. Dort ging es unter anderem um sogenannte Cooling-Stellen, etwa in einem Pensionistenheim. Das ist ein gutes Angebot: Menschen können dorthin kommen, wenn es daheim zu heiß ist und sie Abkühlung brauchen. In Interviews haben wir aber erfahren, dass manche Menschen gar nicht mehr dorthin gelangen. Die Gumpendorfer Straße ist stark asphaltiert und heizt sich extrem auf. Für ältere Menschen kann schon der Weg dorthin unmöglich werden. Daraus kann man ableiten: Es reicht nicht, einzelne Maßnahmen zu setzen. Man muss auch das Umfeld mitdenken. Sonst gibt es zwar eine Cooling Zone, aber der Weg dorthin ist so heiß, dass sie für manche Menschen nicht erreichbar ist.
Was die Hitze-Forschung als Nächstes untersucht
Welche Folgeforschung könnte aus den aktuellen Erhebungen entstehen?
Heinze: Wir sind gerade noch in der Auswertung der aktuellen Daten. In diesem Projekt gehen wir punktuell in Schulen hinein und machen Erhebungen oft an starken Hitzetagen. Spannend wäre es, Schüler:innen längerfristig zu begleiten. Dann könnte man sehen: Gibt es Verhaltensänderungen? Wo im Alltag sind sie wirklich mit Temperaturen belastet, die über bestimmten Schwellen liegen? Für uns als Stadtforschende wären solche Individualdaten sehr wertvoll. Bisher haben wir oft mit aggregierten Daten gearbeitet. Mit genaueren Daten kann man differenzierter schauen: Wo befinden sich welche Gruppen in der Stadt? Wie stark sind sie betroffen? Welche Ableitungen kann man daraus treffen? Ein nächster Schritt könnte sein, Schulwege genauer zu untersuchen und mit Hitzebelastung zu verbinden. Ähnliches haben wir im Rahmen des Citizen Science Awards des OeAD 2023 mit verschiedenen Gemeinden zum Thema Feinstaub und Luftqualität gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass das viel Potenzial hat. Bei Temperatur und Hitze ist langfristiges Messen etwas komplizierter, aber genau das wäre spannend: hier noch tiefer hineinzuschauen.
Weitere Informationen
Silvio Heinze ist Spezialist für Data Science am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er arbeitet zu KI-Methoden in der Stadtforschung, GeoAI und der Analyse urbaner Umweltdaten. Zudem ist er Gründer und Geschäftsführer von luftdaten.at, einer Citizen-Science-Organisation, die mit selbstgebauten Messgeräten Daten zu Luftqualität und Hitze in Städten erhebt und zugänglich macht.
