Grönland, Dänemark und die USA: Koloniale Vergangenheit und geopolitische Gegenwart
20.02.2026
Trumps frühere Äußerungen über Grönland sorgten international für Irritationen. Nach seiner Rede in Davos stellt sich erneut die Frage, ob die USA jemals ernsthaft militärische Schritte in Erwägung gezogen haben. Eine historische Betrachtung zeigt, dass die sicherheitspolitische Präsenz der USA in Grönland seit dem Zweiten Weltkrieg institutionell verankert ist. Im Gespräch erläutert der Historiker Dick Harrison, weshalb Trumps Aussagen weniger als reale militärische Drohung zu verstehen sind und wie koloniale Strukturen, demografische Faktoren und geopolitische Interessen die heutige Stellung Grönlands zwischen Dänemark, den USA und der internationalen Gemeinschaft geprägt haben.
Nach Präsident Trumps Rede in Davos: Glauben Sie, dass das Risiko eines US-Angriffs auf Grönland gebannt ist?
Dick Harrison: Ja, und ich bezweifle, dass Trump jemals ernsthaft die Invasion eines Gebiets geplant hat, das zu einem befreundeten Verbündeten gehört. Drohungen und Übertreibungen sind wesentliche Elemente seines Führungsstils. Die „Madman-Taktik“ sollte nicht immer wörtlich genommen werden. Trump versuchte und versucht weiterhin, Dänemark zu manipulieren, um möglichst viel Einfluss über Grönland zu erlangen. Inzwischen hat er jedoch erkannt, dass Drohungen mit militärischem Handeln kontraproduktiv sind.
Grönland vs. USA
Wie würden Sie die historische Beziehung zwischen Grönland und den USA beschreiben?
Harrison: Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Grönland fest an die militärische Einflusssphäre der USA angebunden. Während des Kalten Krieges durften die USA große Militärbasen in Grönland errichten, zum Beispiel den berühmten Stützpunkt Thule. Dänemark hat dies nie zu verhindern versucht. Aus NATO-Sicht und aus dänischer Perspektive war die militärische Präsenz der USA in Grönland unumstritten. Wenn Trump lediglich die US-Truppen in Grönland verstärken will, kann er dies sofort tun – mit voller Zustimmung der dänischen Regierung. Doch Trump will weit mehr als das. Sein Vorstoß in Richtung Grönland ist nicht durch militärische Notwendigkeiten oder strategische Überlegungen motiviert. Ihn interessieren die enormen wirtschaftlichen Ressourcen, die unter dem Eis verborgen liegen.
Trump interessieren die enormen wirtschaftlichen Ressourcen, die unter dem Eis verborgen liegen.
Welche historischen Entwicklungen erklären, warum Grönland nie vollständig unabhängig wurde?
Harrison: Hätte Grönland mehr Einwohner:innen gehabt, wäre es entweder zur Zeit der Unabhängigkeit Islands oder während der weltweiten Entkolonialisierung in den 1950er- und 1960er-Jahren unabhängig geworden. Grönlands Bevölkerung umfasst 55.000 Menschen. Die wirtschaftliche Unterstützung und der militärische Schutz durch das „Mutterland“ Dänemark – oder, wie Trump es sehen würde, durch die USA –, ermöglicht es, in einem modernen Wohlfahrtsstaat zu leben.
Die Rolle Dänemarks als „Mutterland“ Grönlands ist bis heute umstritten.
Harrison: Im 19. und 20. Jahrhundert behandelten die dänischen Behörden Grönland wie eine Kolonie – ganz ähnlich wie andere europäische Kolonialmächte die Menschen und Ressourcen in Asien und Afrika behandelten. Dies hat ein ambivalentes politisches Klima geschaffen. Einerseits waren die Grönländer:innen auf Dänemark aus wirtschaftlichen Gründen angewiesen. Andererseits fühlten sie sich von Dänemark ausgebeutet und unterdrückt. In den vergangenen Jahrzehnten hat die dänische Regierung jedoch versucht, dies zu korrigieren, indem sie Grönland ein beträchtliches Maß an Autonomie gewährte.
Geschichte Grönlands
Inwiefern prägten frühe Wikingersiedlungen spätere Ansprüche auf Grönland?
Harrison: In Wirklichkeit scheinen die skandinavischen Siedlungen im 15. Jahrhundert verschwunden zu sein. Niemand weiß, was mit ihnen geschah. Die skandinavische Monarchie hörte jedoch nie auf, die Oberherrschaft zu beanspruchen. Im Jahr 1397 wurde während einer Krönungsversammlung in Kalmar die Union zwischen Schweden (einschließlich Finnlands), Dänemark und Norwegen (einschließlich Island, Grönland sowie der Färöer-, Shetland- und Orkneyinseln) offiziell proklamiert (daher die Bezeichnung „Kalmarer Union“). Die spätmittelalterlichen Könige betrachteten Grönland weiterhin als Teil ihres Herrschaftsgebiets. Als die dänischen Könige im 18. Jahrhundert mit der erneuten Kolonisierung Grönlands begannen, wurden diese mittelalterlichen Ansprüche bekräftigt.
Warum war Grönland ursprünglich stärker mit Norwegen als mit Dänemark verbunden?
Harrison: Grönland wurde im späten 10. Jahrhundert von Island aus besiedelt, das wiederum zuvor von Norwegen aus kolonisiert worden war. Das heißt, beide Inseln wurden von norwegischen Siedlern kolonisiert. Um das Jahr 1000 unternahmen von Grönland aus auch einige Expeditionen den Versuch, Neufundland zu besiedeln, doch diese scheiterten. Zunächst waren die Siedlungen in Island und Grönland unabhängig, doch in den 1260er-Jahren griff die norwegische Monarchie ein und wurde auf beiden Inseln als oberste Autorität anerkannt. Als Norwegen der Kalmarer Union beitrat, galten Island und Grönland als Teile des norwegischen Königreichs. Norwegen wurde jedoch im Spätmittelalter stark geschwächt und verlor in den 1530er Jahren seinen Status als souveräner Staat. Es wurde Teil des Königreichs Dänemark. In der Folge wurden auch die nordatlantischen Besitzungen Norwegens politisch dänisch.
Vom 19. Jahrhundert bis heute
Warum hielt Norwegen so lange an territorialen Ansprüchen auf Grönland fest?
Harrison: Skandinavien wurde während der Napoleonischen Kriege politisch grundlegend umgestaltet. So verlor Schweden 1809 Finnland an Russland, wurde jedoch 1814 mit Norwegen entschädigt, da Dänemark einer der engsten Verbündeten Napoleons gewesen war und nach dessen Sturz eine Niederlage erlitt. Nach einem kurzen Krieg zwischen Schweden und Norwegen im selben Jahr wurde der schwedische König als König von Norwegen anerkannt. Den Norwegern wurde jedoch erlaubt, ihre Verfassung zu behalten. Während der Zeit der schwedisch-norwegischen Union entwickelte sich der norwegische Nationalismus zu einer starken Kraft und die norwegischen Nationalisten wollten ihr mittelalterliches nordatlantisches Reich zurückgewinnen, das Dänemark in den Friedensverträgen von 1814 hatte behalten dürfen. Nach der Auflösung der schwedisch-norwegischen Union im Jahr 1905 trat diese politische Strömung immer deutlicher zutage. In den 1920er- und 1930er-Jahren erhob Norwegen Ansprüche auf mehrere arktische und antarktische Inseln, die bis heute international als norwegisches Territorium anerkannt sind (Bouvetinsel, Peter-I.-Insel, Spitzbergen, Jan Mayen usw.). In den 1930er Jahren versuchte Norwegen zudem, Ostgrönland von Dänemark zu übernehmen, doch dieser Versuch scheiterte, da die internationale Gemeinschaft die dänischen Ansprüche unterstützte.
Auf einen Blick
Dick Harrison ist Professor am Institut für Geschichte der Universität Lund in Schweden. Er hat über hundert Bücher geschrieben, darunter Sveriges historia, ein achtbändiges Standardwerk zur Geschichte Schwedens.
