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GenderGenerationen

Gen Z: Sind junge Männer wirklich konservativer?

Laut einer umstrittenen Onlineumfrage sind Gen-Z-Männer besonders konservativ. Aber stimmt das? Katharina Wiedlack ordnet die Studienergebnisse im Interview ein.

25.03.2026
Wie konservativ ist Gen Z?
© Adobe Stock

Die Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos sorgte rund um den Internationalen Frauentag für Schlagzeilen: Junge Männer der Generation Z seien konservativer als Boomer-Männer, hieß es dort. Doch wie belastbar sind diese Befunde wirklich? Warum das Studiendesign methodisch problematisch ist, welche Ergebnisse medial unterbelichtet wurden – und warum sensationalistische Berichterstattung genau jenen nützt, die von Polarisierung profitieren, erklärt Katharina Wiedlack, die Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist, im Interview.

Ist Gen Z wirklich konservativ?

Dass der antifeministische Backlash längst kein Randphänomen mehr ist, scheint auch eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos zu bestätigen. Ihr zufolge haben junge Männer ein erschreckend konservatives Rollenverständnis. Teilen Sie diesen Befund aus genderwissenschaftlicher Perspektive?

Katharina Wiedlack: Die Grundfrage ist durchaus legitim: Wie stehen verschiedene Bevölkerungsgruppen – jung, alt, international – tatsächlich zu jenem antifeministischen Backlash, der von autoritären Politikern und Algorithmen auf Social Media bewusst befeuert wird? Das ist ein relevantes Forschungsinteresse. Das Problem liegt woanders: im Design der Studie. Wenn eines der erklärten Ziele die mediale Verwertbarkeit der Ergebnisse ist, dann ist das ein strukturelles Problem von Anfang an. Eine Studie, die nicht darauf ausgelegt ist, den herrschenden Diskurs zu hinterfragen, wird ihn zwangsläufig nur bestätigen.

Inwiefern?

Wiedlack: Wie Sozialwissenschaftlerinnen von Beginn an kritisiert haben, sind die Befragungsmethoden irritierend. Das Grundproblem: Die Fragen waren bereits sehr zugespitzt. Die Begriffe kommen aus einem ganz bestimmten, vor allem englischsprachigen Mediendiskurs – und diesen Diskurs in rund 30 Länder zu exportieren, auch wenn man ihn übersetzt, ist an sich schon problematisch. Was man damit nämlich misst, ist nicht unbedingt die generelle Einstellung der Befragten zu Geschlechtergerechtigkeit und Rollenverteilung. Man misst vielmehr, wie diese Menschen auf ganz spezifische, medial aufgeladene Aussagen reagieren.

23.000 Befragte verteilt auf 29 Länder, sind nicht repräsentativ.

Wo sehen Sie konkret methodische Schwächen in der Studie?

Wiedlack: Zum einen beim Rekrutierungsweg: Die meisten Teilnehmenden wurden online zusammengestellt – das heißt, sie sind bereits in einem Online-Diskurs drin. Nur in Indien wurden die Menschen direkt, also in persönlichen Interviews, befragt. Das wirft ein anderes Licht auf die Ergebnisse. Zum anderen wurden die Ergebnisse nicht nach sozialen Hintergründen, Bildungsniveaus oder anderen Faktoren aufgeschlüsselt. Es gibt zwar einige wenige Infos dazu, aber nicht genug, um die Aussagen wirklich bewerten zu können. Ein weiterer, von Soziolog:innen pointiert hervorgehobener Kritikpunkt: Die Mehrheit der Fragen wurden als Einzelstatements gestellt, nicht als sogenannte Fragencluster oder Items, bei denen man Kontrollfragen einbaut. Zudem muss man sagen: 23.000 Befragte verteilt auf 29 Länder, sind nicht repräsentativ.

Kulturelle Unterschiede

Die Erhebung beginnt mit der Frage, ob Frauen „von Natur aus" besser für die Kinderbetreuung geeignet seien. Warum ist diese Rahmung mehrfach problematisch?

Wiedlack: Was als natürlich gilt, wird in verschiedenen Gesellschaften höchst unterschiedlich definiert. Die Studienmacher:innen sagen zwar, es wurde muttersprachlich übersetzt – aber heißt das auch, dass es in die jeweiligen kulturellen Kontexte übersetzt wurde? Was bedeutet in Thailand, in Japan oder in Deutschland „natürliche Rolle“? Was bedeutet „Männer werden diskriminiert“? Oder: „Die Gleichstellungsmaßnahmen sind zu weit gegangen“ – zu weit wofür, gemessen woran? So macht man keine seriöse Sozialforschung.

Fairerweise muss man sagen: Die Forschenden weisen auf die begrenzte Stichprobe hin und bezeichnen ihre Ergebnisse ausdrücklich als punktuelle Momentaufnahme. Doch genau das steht im Widerspruch dazu, wie die Key Findings präsentiert werden – nämlich als umfassendes generationelles Stimmungsbild.

Die Frage, was eine Generation eigentlich ausmacht, wurde überhaupt nicht gestellt.

Wäre es sinnvoller gewesen darauf hinzuweisen, Generationen nicht als feste Blöcke zu verstehen?

Wiedlack: Ja, auf jeden Fall. In Interviews, die einzelne an der Studie Beteiligte gegeben haben, wurden die Generationen regelrecht gegeneinander in Stellung gebracht, als wäre das ein Kampf. Die Frage, was eine Generation eigentlich ausmacht, ob sich Einstellungen im Laufe des Lebens verändern können – das wurde überhaupt nicht gestellt. Zudem fällt auf, dass die Generation Z auffällig widersprüchlich geantwortet zu haben scheint.

Ein zentrales Ergebnis ist komplett untergegangen: 36 Prozent der Gen-Z-Männer bezeichnen sich selbst als Feministen. Bei den Boomer-Männern sind es 27 Prozent. Das ist doch beachtlich! Gerade in einem Land wie Deutschland, wo das Wort Feminist für viele immer noch eine hohe Hemmschwelle hat. Auch die Aussage, dass viele Befragte finden, es würde besser funktionieren, wenn mehr Frauen in leitenden Positionen wären, ist medial untergegangen.

Welchen Schaden richtet es an, wenn methodisch schwache Daten als wissenschaftlicher Beweis für eine wachsende Frauenfeindlichkeit unter jungen Männern behandelt werden?

Wiedlack: Es hat mehrere Effekte. Erstens erzeugt es das Gefühl, es gäbe keinen Dialog mehr, die Gesellschaft sei in feindliche Lager gespalten – und das suggeriert gleichzeitig, dass sich nichts bewegen kann. Zweitens bestärkt es genau jene Kreise in den sozialen Medien, die davon profitieren: Manosphere-Influencer, die mit Frauenfeindlichkeit gutes Geld verdienen, fühlen sich dadurch bestätigt. Sie denken sich: Toll, eine ganze Generation findet uns super. Und drittens profitieren nicht nur Influencer:innen, sondern auch die dahinterstehenden Konzerne von Polarisierung – sie ist das eigentliche Geschäftsmodell. Das zeigt, wie sehr unsere Medienlandschaft zugespitzte Antworten belohnt.

Welche Debatte bräuchte es stattdessen?

Wiedlack: Wir sollten viel mehr darüber reden, wie Männer, Frauen und alle anderen dazwischen, wirklich zu Geschlechterrollen stehen und warum – und das differenziert, nicht als Schlagzeile. Medien können dabei eine aufklärende Funktion übernehmen, oder sie können Gewalt und Hass reproduzieren, indem sie sensationalistisch berichten. Das ist eine Entscheidung, die bewusst getroffen werden muss. Es gibt Wissenschaftler:innen und auch Social-Media-Influencerinnen, die immer wieder darauf hinweisen: Wie wir über diese Themen berichten, macht einen Unterschied. Diese Stimmen müssen lauter werden.

 

Auf einen Blick

Katharina Wiedlack ist Assistenzprofessorin am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien und seit 2020 Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Ihr Forschungsschwerpunkte sind Amerikanistik, Gender Studies, Disability Studies und Medienanalyse.