Warum unsere Gesellschaften immer diverser werden
23.02.2026
Unsere Gesellschaft wird immer diverser. Aber was bedeutet das konkret? Welche Faktoren sind dafür verantwortlich, dass die Bevölkerung zunehmend vielfältiger wird? Und wie sollte die Politik auf Chancen und Herausforderungen reagieren? Der italienische Soziologe, Demograf und Rektor der Wirtschaftsuniversität in Mailand Francesco Billari erforscht, wie sich Langlebigkeit, Bildung, Geschlechtervielfalt und Migration auf unsere moderne Welt auswirken. Seine Thesen stellt er in seinem Vortrag „Demographie and Hyperdiversity“ am im Rahmen der Karl Popper-Lectures an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) vor.
Wir leben im Zeitalter der Hyperdiversität
Was verstehen Sie unter Hyperdiversität und was für einen Zusammenhang gibt es zur Demografie?
Francesco Billari: Meine Hauptbotschaft ist, dass die menschliche Bevölkerung noch nie so vielfältig war wie heute. Dabei überschneiden sich unterschiedliche Dimensionen der Diversität und schaffen so einen Komplex, der hyperdivers ist. Diese Hyperdiversität ist auf eine Reihe von Revolutionen zurückzuführen, die hauptsächlich auf demografischen Wandel basieren. Man kann also sagen: Demografie ist die Mutter der Hyperdiversität.
Die menschliche Bevölkerung noch nie so vielfältig war wie heute.
Von welcher Art an Vielfalt sprechen Sie?
Billari:Es gibtvier Kategorien, die ich auch in meinem neuen Buch untersuchen werde. Die erste ist die Generationenvielfalt. Die Tatsache, dass wir länger leben, gibt uns die Möglichkeit, langfristig zu planen. Im 21. Jahrhundert verlagert sich die Bildungsexpansion auf die Universitätsebene. Diese Bildungsrevolution bringt Vielfalt auch nach sozialer Herkunft. Wissenschaftler:innen kommen zunehmend aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Die Wahrscheinlichkeit einer Hochschulausbildung im Wissenschaftsbereich, wenn man aus unteren Klassen kommt, war noch nie so hoch wie heute. Bildung war lange einer Oberschicht vorbehalten, jetzt ist sie demokratisiert. Eine weitere Kategorie ist die Geschlechtervielfalt. Wir haben lange Zeit in der Geschichte der Menschheit enormes Talent von Frauen verschwendet. Die Bildungsrevolution war zentral, um Frauen den Zugang zu gleicher Arbeit zu ermöglichen. Hinzu kommt: Langlebigkeit bringt Generationenvielfalt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es bis zu sieben Generationen.
Migration und Urbanisierung hängen zusammen
Über die Kategorie der Migration wird viel diskutiert.
Billari:Leider oft sehr einseitig.Migration ist immer auch mit der Urbanisierungsrevolution verbunden. Im Grunde war die Welt noch nie so urban wie heute. Wir haben fast 300 Millionen Menschen, die außerhalb ihres Geburtslandes leben – die meisten von ihnen in Großstädten. Es gibt 33 Megastädte auf der Welt, in Europa mit Paris nur eine, weil London die EU ja leider verlassen hat. Spannend an der Hyperdiversität ist, dass es unzählige Möglichkeiten gibt. Jede:r von uns befindet sich in einer bestimmten Kombination aus Generation, Geschlecht, sozialer und ethnischer Herkunft. Es ist also in der Tat komplex, auch aufgrund unserer Langlebigkeit. Die Gesundheit verändert sich im Laufe des Lebens. Die wirtschaftliche Situation der Menschen verändert sich, wir wechseln unseren Geschmack, unsere Einstellung zur Religion. Wir haben vielleicht zwei, drei verschiedene Jobs, leben an unterschiedlichen Orten.
Die Politik versucht nach wie vor, die Welt in „wir“ und „die anderen“ aufzuteilen. Aber: Jede:r von uns ist divers.
Jede:r von uns ist also vielfältig? Nicht nur rechte Politik versucht gerade das Gegenteil zu propagieren, dass die Welt einfach und überschaubar sein kann.
Billari: Wir können als Gesellschaft diese Komplexität nicht ablehnen. Die Politik versucht nach wie vor, die Welt in „wir“ und „die anderen“ aufzuteilen. Aber diese Ablehnung der Realität geht am Kern der Sache vorbei. Jede:r von uns ist divers. Sie können österreichische:r Staatsbürger:in sein, aber polnischer Herkunft und ihre Eltern gehörten der Arbeiterklasse an. Die Politik sollte diese komplexen Biografien, die in der Medizin oder Wirtschaft schon längst berücksichtigt werden, nicht negieren. Wenn wir nach einem Kredit fragen, geben uns die Banken eine Bewertung, die auf unterschiedlichen Merkmalen beruhen. Wenn wir über Diversität sprechen, herrscht noch viel zu oft die Ansicht vor, dass es um jemand anderen geht. Es geht nicht um mich. Aber das ist ein Fehler, der die Menschen spaltet, anstatt sie zu vereinen.
Diversität sorgt für Innovation
Die moderne Welt ist divers, wir können nicht zu einer vereinfachten Version zurückkehren?
Billari: Wenn man in die alte Welt zurückkehrt, bedeutet das im Grunde, dass wir nicht in der Lage sind, die Fortschritte, die wir gemacht haben, zu nutzen. Diversität sorgt für Innovation. Es gibt wissenschaftliche Beweise dafür, dass Teamarbeit in der Wissenschaft zu besseren Ergebnissen führt. Wenn unterschiedlichen Generationen, Geschlechter und Menschen verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft kooperieren, profitiert die Forschung davon.
Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass mit Vielfalt auch potenzielle Kosten verbunden sind.
Welche Herausforderungen gibt es dabei?
Billari: Natürlich müssen wir politische Maßnahmen entwerfen, die sicherstellen, dass diejenigen, die bei diesen Revolutionen möglicherweise auf der Strecke bleiben, unterstützt werden. Vielleicht werden Männer mit niedrigem Bildungsniveau als Verlierer einer Diversitätspolitik bezeichnet. Aber diese müssen wir abholen und integrieren, um als Gesellschaft zu funktionieren. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass mit Vielfalt auch potenzielle Kosten verbunden sind. Wir müssen über politische Maßnahmen nachdenken, um auch diejenigen einzubeziehen, die in der neuen Welt schwach sind.
Auf einen Blick
Francesco Billari ist Professor für Demographie an der Bocconi Universität in Mailand, dessen Rektor er seit 2022 ist. Zuvor war er u.a. an der University of Oxford und am Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Billari ist Fellow der British Academy und forscht auch am Population Studies Center der University of Pennsylvania.
