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Fußball-WMSprachwissenschaft

Eine Wuchtel für die Galerie: Fußball-Slang geht mit der Zeit

Fußballsprache ist mehr als nur Jargon: Sie zeigt, wie sich Gesellschaft und Sprache gegenseitig beeinflussen. Von wienerischen Ausdrücken wie „Wuchtel” bis zu modernen Begriffen wie „Box” spricht ÖAW-Sprachwissenschaftler Manfred Glauninger im Interview und liefert gleich ein Mini-Wörterbuch für alte Fußballbegriffe mit.

22.06.2026
Ein alter Ball liegt auf der Wiese eines Stadions
Fußball erfindet nicht nur sich selber ständig neu - sondern auch die Sprache.
© AdobeStock

Kennen Sie noch die „Wuchtel“, den „Zangler“ oder das „Fetzenlaberl“? Fußballsprache ist ein lebendiges Archiv gesellschaftlichen Wandels – und ein Spiegel für Vielfalt, Regionalität und Generationenunterschiede. Manfred Glauninger, Soziolinguist am Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Buchreihe zur Sportsprache, erklärt im Interview, warum Fußballsprache mehr ist als Jargon der Spieler und warum sie so dynamisch wie das Spiel selbst.

Fachjargons und Sprachen einer Migrationsgesellschaft

Herr Glauninger, was macht eigentlich Fußballsprache aus?

Manfred Glauninger: Es gibt nicht die eine einheitliche Fußballsprache. Man muss vier Ebenen unterscheiden. Die erste ist die Fachsprache des Regelwerks. Die zweite ist die Sprache der Medien, etwa beim Kommentieren von Spielen. Die dritte ist die Sprache der Fans –, in den Stadien, am Stammtisch und im Internet. Und die vierte ist die Fachsprache bzw. der Jargon der Akteure selbst: der Trainer und Spieler – und all jener, die unmittelbar dabei sind. Das ist der innerste Kern der Fußballsprache und wahrscheinlich für die meisten Menschen am interessantesten. Diese vier Ebenen beeinflussen sich immer wieder wechselseitig.

Die Fußballsprache spiegelt den gesellschaftlichen Wandel.

Sie sind auch Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Buchreihe zur Sportsprache, in der auch die Fußballsprache eine Rolle spielt. Warum interessieren Sie sich als Soziolinguist für Fußballsprache?

Glauninger: Sprache ist ein gesellschaftlich geprägtes Phänomen, gleichzeitig  formt sie aber auch die Gesellschaft mit. Als Soziolinguist beschäftige ich mich natürlich nicht nur mit Fußballsprache, aber sie ist eine interessante Facette sprachlicher und gesellschaftlicher Vielfalt – nicht zuletzt deshalb, weil Fußball ein globales Massenphänomen ist.

Was mich dabei besonders interessiert: Die Fußballsprache spiegelt, wie jede Sprachform, den gesellschaftlichen Wandel. Wenn man auf Youtube Interviews mit österreichischen Fußballern sieht, die vor vierzig, fünfzig Jahren aufgenommen wurden, und mit heutigen Interviews vergleicht, merkt man, wie viel sich sprachlich – aber auch gesellschaftlich – verändert hat. Die heutige Fußball-Nationalmannschaft ist ein Spiegelbild einer Migrationsgesellschaft, und auch das hat sprachliche Aspekte, die man entdecken kann.

Vom Sechzehner in die Box

Können Sie ein Beispiel für den Sprachwandel nennen?

Glauninger: Nehmen Sie den „Strafraum“, im Regelwerk ein markierter Bereich vor dem Tor. In meiner Generation hieß dieser Bereich in der Fan- und Kickersprache „der Sechzehner“. Bei den heutigen jungen Fußballern setzt sich immer mehr „die Box“ durch. Sie sehen aber auch: Wir haben in unterschiedlichen Ebenen der Fußballsprache verschiedene Begriffe für dieselbe Sache.

Mittelschicht-Internatsschüler haben Fußball gespielt, und der Wortschatz war stark englisch geprägt.

Fußball ist längst zur Volkskultur geworden. Das war nicht immer so, oder?

Glauninger: Der Fußball ist im 19. Jahrhundert aus England nach Kontinentaleuropa gekommen, auch nach Österreich, gegen Ende des Jahrhunderts. Ursprünglich war er, wie praktisch jeder Sport am Anfang, etwas sehr Elitäres: Mittelschicht-Internatsschüler haben Fußball gespielt, und der Wortschatz war stark englisch geprägt. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fußball zum Volkssport – in Österreich lange Zeit vor allem in Wien. Denken Sie an das sogenannte Wunderteam und die legendären Spieler aus den 1920er- und 1930er-Jahren. In dieser Zeit entstand eine eigene österreichische Fußballsprache, die stark vom Wienerischen geprägt war und sich von dort über ganz Österreich ausgebreitet hat. Heute ist Fußball die beliebteste Sportart weltweit und ein Milliardengeschäft.

Wuchtel, Fetzenlaberl oder Oida

Können Sie Beispiele für archaisch-wienerische Fußballausdrücke nennen?

Glauninger: Da gibt es eine ganze Reihe alter Ausdrücke – für den Ball etwa „die Wuchtel" oder das mittlerweile ausgestorbene „Fetzenlaberl“, für einen technisch versierten Spieler „der Zangler“. (Eine größere Auswahl finden Sie im Glossar am Ende des Gesprächs.)

Alte, wienerisch geprägte Fußballausdrücke sind für junge Spieler oft regelrechte Fremdwörter.

Sind diese alten Ausdrücke bei jungen Spielern heute noch verständlich?

Glauninger: Eher nicht. In Wien ist die sprachliche Vielfalt unter jungen Menschen besonders groß, gleichzeitig ist seit zwei, drei Generationen der Dialekt bei Kindern und Jugendlichen stark zurückgegangen – ganz anders als etwa in den westlichen Bundesländern, wo er im Alltag noch viel präsenter ist. Das führt dazu, dass diese alten, wienerisch geprägten Fußballausdrücke für junge Spieler oft regelrechte Fremdwörter sind.

Interessant ist aber: Viele Wiener Jugendliche lernen den Dialekt heute erst in der Pubertät kennen, etwa über Rap- und Popmusik, und übernehmen ihn dann nicht als ihre gelebte Alltagssprache, sondern eher in Form einzelner Wörter wie „Oida“ oder „deppat“. In der Fußballsprache passiert oft etwas Ähnliches: Die alten Ausdrücke werden nur noch punktuell übernommen. Das unterscheidet sich deutlich von der Sprache von Spielern wie Herbert Prohaska oder Hans Krankl, für die der Dialekt tatsächlich Alltagssprache ist.

Nähe und Distanz zu Deutschland

Gerade im österreichischen Fußball ist die Abgrenzung zu Deutschland besonders wichtig. Lässt sich das auch sprachlich nachzeichnen?

Glauninger: Das ist ein schillerndes Phänomen. Viele österreichische Profifußballer spielen in Deutschland, und man merkt – zumindest in Medienauftritten – häufig, dass sie nach einiger Zeit anders sprechen. Das ist kein reines Fußball-Phänomen: Auch Österreicherinnen und Österreicher, die in Deutschland arbeiten, passen ihren Sprachgebrauch häufig ein Stück weit an den deutschen an. Bei Fußballern fällt das besonders auf, weil es in österreichischen Medien und Foren – vor allem von der älteren Generation – oft heftig kritisiert wird. Diese Abwehrhaltung gegenüber allem Deutschen, auch sprachlich, hat historische Wurzeln: Nach 1945 musste sich Österreich bewusst von Deutschland abgrenzen, auch über ein eigenes österreichisches Deutsch.

Umgekehrt gibt es auch Fälle, in denen deutsche Trainer oder Spieler österreichische Ausdrücke übernehmen. Generell fördert das Medientraining in Profivereinen eine standardisierte Interviewsprache.

Frauenfußball noch wenig erforscht

Was hat Sie bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fußballsprache am meisten überrascht?

Glauninger: Ein Bereich, der mich besonders interessiert und der noch nicht gut erforscht ist, ist der Frauenfußball. Frauen spielen heute deutlich mehr Fußball als früher, und mich würde interessieren, ob die Sprache dort anders ist als im Männerfußball. Es gibt ja ältere soziolinguistische Theorien, die eine „Frauensprache" postulierten – ich bin solchen Theorien gegenüber eher skeptisch. Aber der frühere Fußballer Andreas Ogris, der heute eine Frauenmannschaft trainiert, sagte einmal in einem Interview, er müsse mit Spielerinnen vorsichtiger kommunizieren, da sie empfindlicher auf Kritik reagieren würden. Das ist eine spannende Facette, zu der es noch kaum Daten gibt.

Fußball dürfte früher zuweilen von Menschen finanziert worden sein, die in zweifelhaftem Ruf standen.

Heißt das auch, Fußballsprache ist ein Stück weit Männersprache?

Glauninger: Klar ist: Fußball war lange eine reine Männerdomäne. Interessant ist auch: Fußball dürfte früher zuweilen von Menschen finanziert worden sein, die in zweifelhaftem Ruf standen. Daher stammt etwa der Ausdruck „für die Galerie spielen“: „Die Galerie" bezeichnete im Wienerischen ursprünglich die Unterwelt, also das kriminelle oder Rotlichtmilieu, deren Vertreter wohl auch als potenzielle Financiers beim Fußball zuschauten – wer sich gezielt für sie in Szene setzte, erhoffte sich bessere Verträge oder mehr Geld. Heute bedeutet „für die Galerie spielen“, sich übertrieben – und nicht mannschaftsdienlich – für die Zuschauer zu inszenieren.


    Historische Tonbeispiele aus der Fußballsprache

    Aufnahmen aus dem Phonogrammarchiv der ÖAW
     

    Mundart von Jugendlichen (1958): "Über Fußball", Karl, Helmut, Oskar; Wien, 1958.
    © Phonogrammarchiv der ÖAW, B 2980

    Hermine (1994): "Fetzenbinkel, Fetzenlaberl"
    ©  Phonogrammarchiv der ÖAW, D 2234 (Ausschnitt)

     

    Auf einen Blick

    Manfred Glauninger ist Soziolinguist, forscht zur Geschichte, Philosophie und Soziologie der Sprachwissenschaft sowie deren Wissensproduktion. Er leitet u.a. den Forschungsschwerpunkt „Geschichte und Philosophie der linguistischen Forschung zur deutschen Sprache in Österreich“ am Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH) der ÖAW und lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien.