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Eric Wolf LectureTania Murray Li

Die Schattenseiten der Palmöl-Produktion

Ein Drittel des indonesischen Ackerlandes wird zur Produktion von Palmöl an riesige Unternehmen verpachtet. Die Menschen in den Dörfern werden dadurch zu landlosen Arbeiter:innen, die zwischen den Plantagen als Arbeitskräfte ohne Gewerkschaften und fixe Anstellung pendeln. Über die Folgen für Gesellschaft und Natur berichtet die kanadische Anthropologin Tania Murray Li bei der diesjährigen Eric Wolf Lecture an der ÖAW.

20.03.2025
Der Weltmarkt giert nach Palmöl. Die dunkle Seite des flüssigen Golds ist die Ausbeutung von landlosen Arbeiter:innen. © Adobe Stock
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Tania Murray Li ist Professorin für Anthropologie an der Universität von Toronto. In ihrer Forschung befasst sich mit Landrechten, indigener Selbstbestimmung und den sozialen Auswirkungen von Agrarindustrien in Indonesien. Eines ihrer Spezialgebiete ist die Produktion von Palmöl, das die Einwohner:innen zu Wanderarbeiter:innen gemacht hat, weil große Unternehmen den Boden gepachtet haben und bearbeiten. Im Gespräch erzählt sie, wie sich deren Leben durch Landraub und Entwaldung verändert hat.

Am 25. März wird Tania Murray Li im Rahmen einer Eric Wolf Lecture im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) einen Vortrag zum Thema „Facing Power: Ethnographic Encounters in Indonesia’s Plantation Zone“ halten.

Regierung und Unternehmen beuten lokale Bevölkerung aus

Sie haben viel in Indonesien geforscht, obwohl Sie in Kanada leben. Was hat Sie dorthin gebracht?

Tania Murray Li: Ich wurde in Singapur geboren und habe dort einen Teil meiner Highschool-Zeit verbracht. Mein erstes Forschungsprojekt war die muslimische malaiische Minderheit in Singapur. Deshalb spreche ich auch Malaiisch, das zu 90 Prozent dieselbe Sprache wie Indonesisch ist. Später bin ich aus dem urbanen Kontext Singapurs in ländliche Regionen gezogen und habe eine 30-jährige Forschungsgeschichte in Indonesien begonnen. 

Die Palmöl-Plantagen gehören großen Unternehmen. Sie haben massive Auswirkungen auf das Leben der Menschen.

Was waren thematische Schwerpunkte?

Li: In den 1990er-Jahren habe ich mich mit indigenen Hochlandbewohner:innen auf der Insel Sulawesi beschäftigt, die anfingen, ihr Ackerland für den Anbau von Kakao für den Weltmarkt umzuwandeln. Zu dieser Zeit gab es einen Ernteboom. Und so habe ich ihre Geschichte über 20 Jahre verfolgt. Ich ging fast jedes Jahr zurück, um zu sehen, wie sich ihr Leben veränderte, als sie von der Lebensmittelproduktion auf Kakao übergingen. Sobald man eine Baumfrucht wie Kakao pflanzte, wurde das Land privatisiert. All das habe ich in meinem Buch „Land's End“ verarbeitet. In einem weiteren Buch „The Will to Improve“ habe ich einen Blick auf die Kolonialgeschichte geworfen und gefragt, warum eine Gruppe von Menschen denkt, dass es in ihrer Verantwortung liegt, in das Leben anderer einzugreifen, um es aus ihrer Sicht zu verbessern. Warum glauben manche, dass sie Expert:innen für das Leben anderer sind? Viele scheinbare Verbesserungen, die mit guter Absicht passieren, ziehen problematische Auswirkungen nach sich.

Auf dem Weltmarkt besteht eine enorme Nachfrage nach Palmöl.

Trifft das auch auf die Palmöl-Plantagen zu, die Sie erforscht haben?

Li: Diese Arbeit habe ich 2010 begonnen, das Forschungsfeld unterscheidet sich stark von den Kakao-Produzent:innen, die Kleinbauern waren. Die Palmöl-Plantagen gehören großen Unternehmen, viele von ihnen sind in indonesischem Besitz, einige sind transnational. Sie haben massive Auswirkungen auf das Leben der Menschen, weil sie riesige Landflächen pachten. Diese Unternehmen arbeiten sehr eng mit der Regierung zusammen, sodass die Rechte, die eine lokale Bevölkerung beanspruchen kann, stark eingeschränkt sind. Derzeit wird ein Drittel des indonesischen Ackerlandes nur für Ölpalmen an Plantagenunternehmen verpachtet. Das umfasst riesige Gebiete von Sumatra und Borneo und dehnt sich jetzt nach Papua aus.

Plantagen agieren wie Besatzungsmächte

Wie hat sich das Leben der Menschen dadurch verändert?

Li: Was wir gesehen haben, war schlimmer als wir es uns vorgestellt hatten. Die Menschen in den Dörfern wurden zu landlosen Arbeitern, die zwischen den Plantagen als Arbeitskräfte ohne Gewerkschaften und fixe Anstellung pendeln. Die Plantagen waren wie eine Besatzungsmacht. Wir haben die Forschungsergebnisse in dem Buch „Plantation Life: Corporate Occupation in Indonesia's Oil Palm Zone“, das auch ins Indonesische übersetzt wurde, zusammengefasst. Viele Menschen, die in Großstädten in Indonesien leben, wissen gar nicht, wie das Leben auf den Plantagen tatsächlich aussieht. Dass ein Großteil des Landes von Unternehmen besetzt ist.

Die Unternehmen beschäftigen Gelegenheitsarbeiter ohne Arbeitsrechte, weil es einen riesigen Pool von Menschen gibt, die dringend Arbeit brauchen.

Sie haben eine idealisierte Vorstellung davon?

Li: Ja, sie denken, dass die Leute Arbeit bekommen und dadurch glücklich sein müssen. Wenn es Probleme gibt, dann betrifft das nur ein paar schlechte Unternehmen. Sie verstehen nicht, dass, sobald die Bevölkerung landlos gemacht war, sie zu einer bedürftigen und verwundbaren Gruppe wurde. Die Unternehmen beschäftigen sie als Gelegenheitsarbeiter ohne Arbeitsrechte, weil es einen riesigen Pool von Menschen gibt, die dringend Arbeit brauchen. Aber die Plantagen sind keine großen Arbeitgeber. Sie beschäftigen höchstens eine Person pro fünf Hektar. In einigen Plantagen eine von zehn. Sie nehmen also riesiges Land ein, aber bieten nicht viele Jobmöglichkeiten.

Alternativen zur Palmöl-Großindustrie sind möglich

Wie sieht es mit Raubbau und Umweltverschmutzung aus?

Li: Die Regierung gibt den Unternehmen die Erlaubnis, dass sie den ganzen Wald abholzen, die Menschen vertreiben und Ölpalmen pflanzen können, die eine riesige Einnahmequelle für Indonesien sind. Letztes Jahr waren es 30 Milliarden US-Dollar. Die Hälfte aller Produkte in einem Supermarkt in Nordamerika, aber auch in Europa, enthalten Palmöl, egal ob es in Lebensmitteln, Kosmetika oder Waschmitteln ist. Auf dem Weltmarkt besteht eine enorme Nachfrage. Unser Argument ist, dass es nicht nötig ist, diese Plantagenform zu verwenden. Kleinbauern können Palmöl ebenfalls sehr erfolgreich anbauen. Eine Kleinbauernlandschaft ist aus ökologischer Sicht viel nachhaltiger: Es gibt keine Monokultur, sondern eine Vielzahl an Nutzpflanzen. Und aus politischer und sozialer Sicht bleiben die Menschen in ihrem eigenen Dorf und in ihrem gewohnten System.

Was sind zentrale Thesen in Ihrem Vortrag, den Sie in Wien halten werden?

Li:  Eric Wolf hat einen Essay geschrieben, der mich inspiriert hat. In „Facing Power“ stellt er die Frage, was Macht ist und wie ihr Menschen begegnen. Ich habe das koloniale Landrecht studiert, wodurch ich dieses Unternehmenssystem besser verstehen kann. Ich habe also Wissensquellen zu denen unsere Gesprächspartner:innen in der Plantagenzone nicht unbedingt Zugang haben. Aber sie haben ihr eigenes, tiefes Verständnis davon, wie diese Form von Macht funktioniert, die ihnen in ihrem täglichen Alltag begegnet. Mir geht es darum, wie sich diese beiden sehr unterschiedlichen Wissensformen begegnen können. Und nicht diese imperiale Sichtweise anzulegen, dass unser Wissen wertvoller ist. 

 

AUF EINEN BLICK

Die Eric Wolf Lectures werden gemeinsam vom Institut für Sozialanthropologie der ÖAW in Kooperation mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) der Kunstuniversität Linz und dem Department of Sociology and Social Anthropology der Central European University veranstaltet. Sie finden einmal im Jahr zu aktuellen Themen und Forschungsergebnissen aus der Sozialathropologie statt und bringen internationale Wissenschaftler:innen nach Wien.