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Die Regenbogenfahne in der Ehrenrunde

Im Fußball ist Homosexualität ein Tabu-Thema. Der Kultur- und Sozialanthropologe Stefan Heissenberger über die „schwule“ Dimension der Sportart Nummer eins.

13.06.2016
Bild: 123rf.com

Die Spiele haben begonnen! Mit dem Anpfiff zur Fußball-Europameisterschaft (EM) 2016 in Frankreich übernimmt König Fußball wieder die Herrschaft über Titelseiten und Fan-Debatten. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen vier Wochen lang nicht nur Erfolg und Misserfolg der eigenen Nationalmannschaft. Sondern auch das persönliche Schicksal der sportlichen Leistungsträger, ihre Sternstunden wie Tragödien. Dass hinter den mehr als 500 bei der EM aktiven Nationalspielern in Wahrheit aber keine Maschinen, sondern Menschen mit vielfältigen Eigenschaften und individuellen Neigungen stehen, wird dabei gerne übersehen. Das betrifft auch und insbesondere eines der bis heute größten Tabus im Fußball: die Homosexualität.

Der Innsbrucker Kultur- und Sozialanthropologe und Fußballer Stefan Heissenberger erforschte mit einem DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) diese „schwule“ Dimension des Fußballs. Bei seiner 16-monatigen Beobachtung als Spieler-Trainer eines homosexuellen Vereins förderte er zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse zu unterschiedlichen Aspekten dieser Thematik ans Tageslicht. Im Interview berichtet er nun, was es mit der Männlichkeit im Fußball tatsächlich auf sich hat, welche Rolle lesbische Fußballerinnen spielen – und wie groß die Wahrscheinlichkeit auf einen „schwulen“ Europameister ist.

Von Mannschaft über Manndeckung bis zum zwölften Mann – ist Fußball männlicher als andere Sportarten?
Was das Spiel selbst betrifft, ist Fußball nicht „männlicher“ als andere Sportarten. So steht z.B. Handball, was Härte betrifft, dem Fußball um nichts nach, gilt aber nicht genuin als Männersport. In den USA wird Fußball darüber hinaus eher als Frauensport gesehen. Und sogar historisch ist das nicht so eindeutig zu sagen: Aufnahmen vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen, dass im damals bürgerlich geprägten Fußball, etwa in den Parks, gemischtgeschlechtlich gebolzt worden ist. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg erfasste der Fußball dann zunehmend alle sozialen Schichten der männlichen Bevölkerung. Erfolgsorientierung, Professionalisierung, Härte, Zähigkeit und die Akzentuierung vom Fußball als Kampf traten in den Vordergrund. Das zog zweifellos zunehmend mehr Männer an.

Begriffe wie „schwul“ oder „Schwuchteln“ sind am Fußballplatz keine Seltenheit. Selbst Trainer wie Otto Baric oder José Mourinho fielen in der Vergangenheit mit derartigen Äußerungen auf. Welches Problem hat der Fußball mit der Homosexualität?
Eine homophobe Sprache ist im Männer-Fußball tief verankert. Fehlpässe sind „schwul“ genauso wie verlorene Zweikämpfe. Das ist aber kein exklusives Problem des Fußballs. Auch in der Gesellschaft ist „schwul“ als abwertendes Adjektiv weit verbreitet. Beim Fußball geschieht dies jedoch offener und häufiger. Das hat auch damit zu tun, dass der Fußball für viele Männer ein Freiraum ist, in dem sie politisch inkorrekt sein können. Hier darf mehr geflucht und geschimpft werden, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen.

Der Fall des deutschen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger, der sich 2014 outete, polarisierte Sport und Öffentlichkeit. Warum wird der sexuellen Orientierung von Spielern so viel mehr Bedeutung beigemessen als anderen persönlichen Vorlieben und Neigungen?  
Das hängt auch damit zusammen, dass ein „schwuler“ Spieler bis heute als das Tabu im Fußball gilt. Wenn sich dann doch jemand wie Hitzlsperger outet, besteht alleine schon deshalb Interesse, weil ein Tabu gebrochen worden ist – das hat immer etwas Interessantes an sich.

Ist es für Fußballspieler inzwischen leichter, sich zur eigenen Homosexualität zu bekennen?
Tendenziell ja. Zum einen ist ein Rückgang von Homophobie in der Gesellschaft zu beobachten, was auch den Fußball tangiert – wenn auch zeitversetzt. Zum anderen hat der nur symbolisch vertretene „schwule“ Fußballer mit Hitzlsperger ein bekanntes Gesicht bekommen. Die Reaktion auf sein Coming-out waren fast durchwegs wohlwollend. In meiner Forschungen stellte sich auch heraus, dass ein Coming-out eine lebbare Option ist. So versicherten mir die Spieler aus heterosexuellen Teams glaubhaft, dass sie kein Problem mit einem „schwulen“ Spieler hätten. Die geouteten Spieler, mit denen ich sprach, berichteten zudem mehrheitlich von positiven bis neutralen Erfahrungen – wenngleich sich freilich auch Fälle fanden, dass Spieler nach ihrem Coming-out aus dem Team geschmissen wurden.

Welche Rolle spielen „schwule“ Fußballvereine?
Die meisten „schwulen“ Fußballvereine gibt es in den Großstädten in Deutschland und Großbritannien, in Österreich existieren keine. Mehrheitlich verfolgen diese Vereine einen inklusiven Ansatz. Das heißt, sie sind offen für homosexuelle Spieler, relativ unabhängig von ihrer Leistungsstärke. Hier tritt auch ein Paradox auf: „Schwule“ kommen in einen „schwulen“ Verein, damit der „schwule“ Aspekt bei ihnen in den Hintergrund treten kann. Wenn die meisten im Team „schwul“ sind, dann wird der Einzelne nicht darauf reduziert. „Schwule“ Fußballvereine sind zudem auch eine Anlaufstelle für alle jene, die sich aufgrund ihrer sexuellen Identität in einem heteronormativen Verein unwohl fühlen oder aus diesem gemobbt worden sind.  

Ist Homosexualität auch unter Fußballerinnen ein Thema?
Fußballerinnen stehen unter dem Generalverdacht, lesbisch zu sein. Eine Spielerin, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird dann auch schnell als „Kampflesbe“ tituliert. Diese als Vorwurf oder Abwertung vorgetragene Behauptung ist insofern nicht aus der Luft gegriffen, als es im Vergleich zu den Männern einen erhöhten Anteil an Homosexuellen zu geben scheint. Kein Mädchen wird jedoch lesbisch, wenn sie zu kicken anfängt, was ja eine homophobe Befürchtung vieler Eltern ist.

Wird 2016 ein „schwuler“ Fußballer den EM-Pokal stemmen?
Um hier zu einer Vermutung zu gelangen, gibt es zwei Herangehensweisen: Einige legen die Schätzung, nach der es etwa fünf bis zehn Prozent Homosexuelle in der Gesellschaft gibt, auf den Fußball um. Demzufolge würden in jedem EM-Team ein bis zwei nicht geoutete „Schwule“ kicken. Andere vermuten jedoch, dass sich viele fußballbegeisterte „Schwule“ aufgrund eines homophoben Klimas erst gar nicht in die heteronormativen Vereine wagen oder diese schnell verlassen, wenn sie sich über ihre sexuelle Identität im Klaren werden. Dementsprechend wäre der Anteil der „Schwulen“ im Fußball geringer als er es auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist. Trifft die erste These zu, dann ist in einer sehr kühnen Phantasie nicht auszuschließen, dass nach dem Finalsieg ein Sieger mit einer Regenbogenfahne die Ehrenrunde laufen könnte.

 

Stefan Heissenberger ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er hat Lehraufträge u.a. an der HU Berlin und an der FU Berlin. Er verfasste seine Dissertation mit einem DOC-Stipendium der ÖAW und promoviert an der Universität Wien bei Andre Gingrich, Direktor des ÖAW-Instituts für Sozialanthropologie. Titel seiner Dissertation: „Schwuler* Fußball. Eine Ethnografie“.

ÖAW-Institut für Sozialanthropologie