Der weibliche Einfluss in Europas Dynastien
11.11.2025
In der Geschichtsschreibung standen Frauen viel zu lange im Schatten. Die historische Forschung arbeitet daran, dieses Defizit zu beheben und die Rolle von Frauen zunehmend ins Zentrum wissenschaftlicher Untersuchungen zu stellen und damit zahlreiche unbekannte Aspekte der Geschichte aufzudecken. Ein besonders spannendes Feld dafür bieten die europäischen Monarchien zwischen 1780 und 1850. Staaten wurden in dieser Zeit zwar von männlichen Regenten geführt. Betrachtet man allerdings die Herrscherhäuser als familiäre Machtnetzwerke, stößt man auf einen erstaunlich starken und vielfältigen Einfluss von weiblichen Protagonistinnen.
Ein Workshop im Rahmen des Projekts „Dynastic Continuity in an Age of Crisis? The Habsburgs in the Revolutionary and Napoleonic Wars (1792–1815)” nimmt vom 12. bis zum 14. November am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Östererichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die soziale und kulturelle Konstruktion von Dynastien unter die Lupe. Einer der internationalen Vortragenden ist der renommierte britische Osteuropahistoriker Dominic Lieven. Im Gespräch erklärt er, worin die Stärke der europäischen sogenannten Ancien Régimes lag, wie dynastische Tradition die Macht von Frauen impliziert – und welche Rolle er als Berater für historische TV-Formate spielt.
Napoleonische Ära
Worum wird es in Ihrem Vortrag mit dem Titel „Monarchy, Dynasty, Empire: The Napoleonic Era in Historical Perspective”gehen?
Dominic Lieven: Der Kern besteht darin, die europäische Tradition der Monarchie, Dynastie und des Imperiums in einen breiteren eurasischen und globalen Kontext zu stellen. Dieser Vergleich umfasst viele Elemente, von Geopolitik und Militärmacht auf der einen Seite bis hin zur Rolle der Frauen in der europäischen und eurasischen Dynastiegeschichte auf der anderen Seite. Zusammen werfen sie ein neues Licht auf die Napoleonische Ära und tragen unter anderem wesentlich dazu bei, die Besonderheiten, aber auch die Stärke der europäischen Ancien Régimes zu erklären, die letztendlich Napoleons Bestrebungen, ein paneuropäisches Imperium zu errichten, vereitelten. Er basiert auf dem letzten Buch, das ich geschrieben habe: „In the Shadow of the Gods: The Emperor in World History“. Ich stelle die Napoleonische Ära in eine sehr breite historische Vergleichsperspektive und hoffe, dadurch überraschende Verbindungen herstellen zu können, wenn es um die Mechanismen der erblichen Kaisermonarchie geht. Der Bogen reicht von den Habsburgern über Russland, die Osmanen bis nach China, ins alte Assyrien und in Steppengebiete mit Kriegerkaisern. Im Zentrum aber steht die europäische Geopolitik – und warum diese einzigartig ist.
Während der größte Teil Eurasiens die meiste Zeit als Imperium regiert wurde, hat Europa einen anderen Weg gewählt. Imperien sind die Ausnahme.
Was ist Ihre Antwort darauf?
Lieven: Während der größte Teil Eurasiens die meiste Zeit als Imperium regiert wurde, hat Europa einen anderen Weg gewählt. Imperien sind die Ausnahme. Daran scheitert auch Napoleon, er trifft auf einen Kontinent, der eine alte Geschichte der Multipolarität aufweist. Und auf eine Reihe tief verwurzelter unabhängiger Großmächte zurückblicken kann. Das macht es schwierig für ihn – und hilft uns zu erklären, warum er verliert.
Was war die Rolle der Frauen in diesen politischen Kontexten?
Lieven: Spannend an der dynastischen Tradition ist, dass sie automatisch die Macht der Frauen impliziert, weil diese in der Natur der Erbmonarchie liegt, da sich ihr Nachfolgesystem um die biologische Fortpflanzung dreht. Männer haben im Laufe der Jahrtausende zwar geschafft, Frauen von Bürokratien, Armeen und Gerichten fernzuhalten. Durch die Erbmonarchie haben Frauen zwar auch eine traditionelle Rolle zugewiesen bekommen, aber sie waren dennoch sehr einflussreich und mächtig. Was die englischen und schottischen Puritaner des 16. und 17. Jahrhunderts, die französischen Jakobiner im späten 18. Jahrhundert und die konfuzianischen Bürokraten im Laufe der Geschichte verband, war, dass sie den Einfluss von Frauen verabscheuten und anprangerten. Sie betrachteten den Einfluss von Frauen als eines der wichtigsten inhärenten Elemente an königlichen Höfen in der Erbmonarchie.
Frauen waren das absolute Zentrum in diesen aristokratischen Familiennetzwerken.
Wie sah dieser Einfluss konkret aus?
Lieven: Natürlich gab es eine sehr private, persönliche Seite dieser Ehebündnisse, die man schwer verallgemeinern kann. Auf der anderen Seite hatte die europäische monarchische Tradition auch grundsätzliche Elemente, um die Macht der Frauen zu stärken. Dazu gehörten, das Prinzip der Monogamie, die Schwierigkeit, sich scheiden zu lassen und das absolute Tabu, dass unehelicher Kinder Eigentum erben können. Die Krone ist in der europäischen Tradition eine Art Familienbesitz. Selbst Monarchen, die ihre Frauen offensichtlich betrogen haben, konnten deren Macht nicht ignorieren. Ludwig XV. konnte keinen Sohn von seiner Mätresse auf den Thron setzen, um ihn zu legitimieren. Frauen waren das absolute Zentrum in diesen aristokratischen Familiennetzwerken. Es ist kein Zufall, dass Henrietta Maria, Königin von England und die Ehefrau von Karl I., sowie Marie Antoinette von Frankreich, zu den am meisten gehassten und wichtigsten Personen der europäischen Geschichte gehören. Sie wurden gehasst, weil sie als Kombination der Macht einer Frau über einen liebenden Ehemann wahrgenommen wurden – aber auch als institutionelle Macht eines christlichen Familienverbandes.
Ein Weg zu Reichtum und Macht
Sie sind auch als historischer Berater für den BBC tätig. Wie gehen sie mit Stoffen um, die persönliche Beziehungen und Affären ins Zentrum rücken?
Lieven: Sex und Intrigen waren schon immer wichtig. Ich spreche nicht über die heutige Welt, aber früher war eine sexuelle Anziehungskraft von großer Bedeutung gerade für Frauen, die nicht in eine Dynastie hineingeboren wurden. Es war ein Weg, auf dem sie Macht und Reichtum erlangen konnten. Natürlich gibt es Grenzen, wie man das in medialen Darstellungen ausschlachten sollte, aber man kann diesen Aspekt auch nicht weglassen. Ich fand die Serie „Prinz Eugen und das Osmanische Reich“ auf Arte, die sich mit dem Ringen zweier Imperien über die Vorherrschaft in Europa beschäftigt, sehr gut gemacht. Sie hatte die perfekte Mischung an Dramatik.
Ihnen ist also wichtig, wenn historische Stoffe modern erzählt werden?
Lieven: Nicht unbedingt modern, aber ich finde, wenn Geschichte im öffentlichen Bewusstsein überleben soll, dann müssen historische Bücher in einer Sprache verfasst sein, die auch normale Menschen verstehen und genießen können. Ich mag es nicht, wenn Geschichte nur im Fachjargon verhandelt wird, damit sie von Spezialist:innen verstanden wird. Natürlich ist das manchmal unvermeidlich, wenn man einen komplizierten Artikel über demographische Themen für eine wissenschaftliche Zeitschrift schreibt. Aber es spricht eine Menge dafür, Geschichte breitenwirksam aufzubereiten. Ich habe noch nie ein Buch geschrieben, um Geld zu verdienen. Aber ich freue mich, dass einige meiner Bücher ein großes Publikum angesprochen haben. So bleibt Geschichte lebendig. Das ist doch großartig.
Auf einen Blick
Der Workshop "Ruling Dynasties in the Age of Revolution 1780-1850" vom 12. bis 14. November 2025 an der ÖAW nimmt die herrschenden Netzwerke europäischer Dynastien in den Blick. Ziel ist eine Neubewertung familiärer Machtnetzwerke während der Revolutionszeit.
Weitere Informationen zu dem Workshop
