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Schweizer GletscherabbruchGebirgsforschung

Gletschersturz: “Der Klimawandel ist bei uns angekommen”

In der Schweiz ist ein ganzes Dorf durch einen Gletscherabbruch zerstört worden. Die beiden ÖAW-Gebirgsforscherinnen Andrea Fischer und Margreth Keiler fordern, neue Warn- und Vorsorgestrategien für den alpinen Raum zu entwickeln.

30.05.2025
Nach Felsstürzen am Kleinen Nesthorn lastete ein Geröllberg von 81 Metern Höhe auf dem darunter liegenden Birchgletscher. Am 28. Mai brach nahezu der gesamte Gletscher unter dem Druck des auf ihm lastenden Bergsturzmaterials ab und löste eine gewaltige Eis- und Gerölllawine aus, die etwa 90 Prozent des Schweizer Ortes Blatten unter sich begrub.
© Jean-Christophe Bott / Keystone / picturedesk.com / APA

Ein massiver Gletscherabbruch hat das Schweizer Dorf Blatten nahezu vollständig zerstört. Über drei Millionen Kubikmeter Gestein, Eis und mitgerissenes Material sind rund 1000 Höhenmeter ins Tal gestürzt und haben den Boden binnen Minuten umgeformt. Dank eines gut koordinierten Frühwarnsystems konnten die etwa 300 Einwohner:innen von Blatten bereits Tage zuvor evakuiert werden. Dennoch gilt ein Mann als vermisst. Und die Gefahr ist nicht gebannt: Der Fluss Lonza wurde durch die Masse an Gestein und Eis aufgestaut, ein neuer See entstand – sein rasch ansteigender Pegel bedroht nun weitere Gemeinden, eine plötzliche Flutwelle könnte die Gegend treffen. Die Geographin Margreth Keiler und die Glaziologin Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ordnen die Situation ein.

Verkettung von Ereignissen

Man müsse die Lage in Blatten „nun über die nächsten Tagen und Wochen genau beobachten“, sagt Keiler. Fischer spricht von einem Kaskadenereignis, bei dem „ein Ereignis zum anderen führt“. Seit Jahren beobachten sie und Keiler ähnliche Entwicklungen in den Alpen, sie häufen sich. „Der Klimawandel ist nicht der alleinige Auslöser“, betont Keiler, „aber er ist ein zentraler Faktor“. Der ständige Anstieg der Temperaturen in den Alpen führe zum Beispiel dazu, dass sich die Auftauschicht im Permafrostboden immer tiefer in den Berg hinein verlagere. Dabei dringe Schmelzwasser in Gesteinsklüfte ein, friere, taue erneut – ein Prozess, der Spannungen im Fels erhöht und die Stabilität ganzer Flanken gefährden kann. „Gletscher leiden unter dem Klimawandel“, fasst es Fischer zusammen.

Ein Gletscher- oder ein Felssturz kann auch in Österreich stattfinden.“

 
Zwar gibt es in Österreich derzeit kein 1:1 vergleichbares Szenario, doch schließt Keiler ähnliche Ereignisse keineswegs aus. „Meistens sind die Siedlungen hierzulande weiter weg von den Gletschern.“ Aber: „Natürlich kann ein Gletscher- oder ein Felssturz auch in Österreich stattfinden.“ Der Klimawandel trifft auch den Alpenraum südlich der Schweiz: Besonders in hochalpinen Regionen müsse mit einer Zunahme solcher Prozesse gerechnet werden. Steinschläge, Murgänge und instabile Gletscherzungen nehmen zu – vor allem dort, wo Permafrostböden ihre Bindekraft verlieren.

Schweiz als Vorbild: Besseres Monitoring und Kommunikation

Ein Unterschied zur Schweiz liegt laut Fischer im Monitoring: „Das Schweizer Permafrostmessnetz ist flächendeckend und liefert hochwertige Daten zur Früherkennung. In Österreich existieren solche Messpunkte nur vereinzelt.“ Auch die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Bevölkerung seien in der Schweiz besser etabliert – ein Modell, das man sich auch hierzulande zum Vorbild nehmen sollte, so die Forscherin. 

Was es laut Fischer braucht, ist ein evidenzbasiertes Warnsystem für Massenbewegungen oder überhaupt ein Warnsystem vor Naturgefahren wie Felsstürzen oder Überschwemmungen – so wie es auch schon einen Lawinenwarndienst gibt. Ebenso müsste Österreich einen strategischen Umgang mit neuen Naturgefahren entwickeln. „Der Klimawandel ist bei uns angekommen. Das wird nicht das einzige Ereignis bleiben, das vom Klimawandel mitverursacht wurde.” Einerseits müsse man diesen Fakt der Bevölkerung bewusst machen. Andererseits sei es nötig, darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten Menschen haben, die aufgrund von Naturgefahren ihr Zuhause verlieren. Es gehe um Anpassung und darum, “das zu verhindern, was noch zu verhindern ist”.

 

Auf einen Blick:

Margret Keiler hat in Innsbruck und Aberdeen Geographie studiert. Von 2011 bis 2020 war sie Dozentin für Geomorphologie, Naturgefahren- und Risikoforschung am Geographischen Institut der Universität Bern. Seit 2021 ist sie Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie Professorin am Institut für Geographie der Universität Innsbruck.

Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie Vizedirektorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forscht unter anderem zum Gletscher Jamtalferner. Sie ist zudem wirkliches Mitglied der ÖAW und wurde vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur Wissenschaftlerin des Jahres 2023 gewählt.