21.04.2022 | Ausstellung

Der Kampf um den wahren Glauben

Im 15. Jahrhundert standen einander im Großraum Wien sogenannte „Gotteskrieger“ gegenüber, die den rechten Glauben verteidigen wollten. Wie es dazu kam - und welche Parallelen es zu heute gibt - erklärt die ÖAW-Mittelalterexpertin Maria Theisen im Gespräch.

Eine neue Ausstellung zeigt anhand von illuminierten Handschriften den Kampf um den rechten Glauben im Mittelalter.
Eine neue Ausstellung zeigt anhand von illuminierten Handschriften den Kampf um den rechten Glauben im Mittelalter. © Gemeinfrei

Die Ausstellung „Gotteskrieger“, die ab 29. April im Stift Klosterneuburg zu sehen sein wird, beschäftigt sich mit dem 15. Jahrhundert, einer Zeit, die von einer tiefen Krise der Kirche gezeichnet war und die Frage aufwarf: Was ist der richtige Glaube? Tschechische und österreichische Expert/innen haben diese spannungsgeladene Epoche erstmals gemeinsam aus Klosterneuburger und Wiener Perspektive erforscht.

„Was heute Facebook und Twitter sind, waren damals die Predigten und Flugblätter. Theologische Diskussionen wurden immer polemischer, sie wurden über die Kanzeln ins Volk getragen, heruntergebrochen auf Feindbilder und einfachere Slogans, die emotionalisierten und zum Kreuzzug riefen“, so Maria Theisen vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch. Sie ist die Kuratorin der Schau und Herausgeberin des Katalogs, der zur Ausstellung erscheinen wird.  

Papst, Gegenpapst, König

Wie kam es zur Formierung von Gotteskriegern?

Maria Theisen: Da fanden zwei Faktoren zusammen: die Spaltung der Kirchenführung in Papst und Gegenpapst und einen König des Heiligen Römischen Reiches, der nicht ausgleichend wirkte. Kirche wie Adel betrieben ungehemmt Postenschacher, achteten nur auf ihren eigenen Vorteil und Machtgewinn, bis die Rufe nach Reform so laut wurden, dass sie weite Teile der Bevölkerung erfassten. Für Aufruhr sorgte die Hinrichtung des böhmischen Reformers Jan Hus auf dem Scheiterhaufen – 1415 wurde er zum Märtyrer und zur Galionsfigur der Reformbewegung. Hus hatte eine Erneuerung der Kirche ohne Papst nach dem Vorbild der Urkirche gefordert. Durch Prediger und Universitätsmagister war seine Lehre nach Wien gelangt und rüttelte auch hierzulande an den Grundfesten der Herrschaft.

Jan Hus hatte eine Erneuerung der Kirche gefordert und rüttelte auch hierzulande an den Grundfesten der Herrschaft.

Welche Gruppierungen gab es?

Theisen: Die Vertreter der Amtskirche, Hand in Hand mit dem König und den habsburgischen Herzögen, die in der Tradition der christlichen Ritter „von Gottes Gnaden“ agierten – und Anhänger des Jan Hus in Böhmen. Alle haben sich als Soldaten oder Streiter Gottes gesehen. Alle waren überzeugt, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Es war eine gesellschaftliche Zerreißprobe.

Angst vor der Pest

Außerdem war die Pest noch lange nicht vorbei. Hatte das auch einen Einfluss?

Theisen: Der in immer neuen Wellen über Europa ziehende „Schwarze Tod“ brachte Elend und Angst. Die Menschen waren zutiefst verunsichert, auch im Wiener Raum. Dazu kamen die Folgen der „Kleinen Eiszeit“, Dauerregen, Missernten, wirtschaftliche Probleme. Das war für die Mehrheit der Bevölkerung existenzbedrohend.

Schwarzer Tod und Kleine Eiszeit brachten Elend und Angst.

Wirkte sich das denn auch in Glaubensfragen aus?

Theisen: Man war überzeugt, Pest und Mühsal seien Strafen Gottes. Man könne das Problem nur lösen, indem man den Kurs der Kirche und auch sich selbst ändert. Man suchte verstärkt den Weg zu Gott im persönlichen Gebet, wollte nach dem Vorbild Christi leben. Aber es gab unterschiedliche Auffassungen, wie man mit der Kirche umgehen sollte. Die einen wollten das alte System reformieren, aber grundsätzlich erhalten. Die anderen meinten, sie müssten es radikal ändern.

Schauprozess vor dem Stephansdom

Was waren die Voraussetzungen dafür, dass es im 15. Jahrhundert zum Glaubenskampf im Wiener Raum kommen konnte?

Theisen: Mit den konkurrierenden Päpsten in Rom und Avignon wurde es für die Institution Kirche zunehmend schwierig, ihre Autorität zu wahren. Es brauchte über 30 Jahre, bis das erste Konzil zur Bewältigung der Probleme zustande kam. In Österreich wollten viele Gläubige angesichts der Krise eigene Wege gehen, die Heilige Schrift in Volkssprache lesen und interpretieren – was damals streng untersagt war. Der Kampf begann als Krieg der Worte, mit Bespitzelung und Verfolgung. Inquisitoren gingen gnadenlos gegen „Abweichler“ vor. 1411 wurde ein vermeintlicher Hus-Anhänger in einem Schauprozess verurteilt und zur Abschreckung aller vor dem Wiener Stephansdom verbrannt. Daran sieht man, wie sehr man die Verbreitung der Reform aus Prag fürchtete.

Man war überzeugt, Pest und Mühsal seien Strafen Gottes. Man könne das Problem nur lösen, indem man den Kurs der Kirche ändert.

Wie hat Radikalisierung einst funktioniert?

Theisen: Was heute Facebook und Twitter sind, waren damals die Predigten und Flugblätter. Theologische Diskussionen wurden immer polemischer, sie wurden über die Kanzeln ins Volk getragen, heruntergebrochen auf Feindbilder und einfachere Slogans, die emotionalisierten und zum Kreuzzug riefen. Außerdem war Herzog Albrecht V. sehr ambitioniert, seine Macht auszubauen.

Gespaltene Gesellschaft

Wie konnte er die Kriege überhaupt finanzieren?

Theisen: Albrecht wollte die Tochter König Sigismunds heiraten, die Erbin der ungarischen und böhmischen Krone mit Option auf die Reichskrone. Um das hohe Brautgeld bezahlen zu können, hat er die jüdischen Gemeinden überfallen und beraubt. Es hieß zuerst, die Juden hätten mit den Hussiten paktiert, dann, sie hätten Hostien geschändet. Die Wiener Gesera war eines der größten Judenpogrome der Geschichte. Mit dem Geld wurden auch die Kreuzzüge gegen die Hussiten finanziert. Alles in Gottes Namen. Aus Überzeugung und auch aus Machtkalkül.

Ein vermeintlicher Hus-Anhänger wurde vor dem Wiener Stephansdom verbrannt. Daran sieht man, wie sehr man die Verbreitung der Reform aus Prag fürchtete.

Die Gesellschaft war gespalten, Populisten nutzten diese Krise. Das klingt erstaunlich aktuell.

Theisen: Absolut, Instrumentalisierung von Religion, Ausgrenzung und Vernichtung, Fanatismus, Machtmissbrauch und Opportunismus haben wir mit dem Mittelalter nicht grundsätzlich hinter uns gelassen. Die Hussiten waren zudem keine einheitliche religiöse Gruppe. Einige agierten genauso nach wirtschaftlichen, ethnischen und territorialen Interessen. Das Problem bei solch inhomogenen Gruppierungen ist allerdings, dass sie sehr leicht wieder auseinanderfallen können. Der Kaiser wusste, wie er die Hussiten gegeneinander ausspielen konnte. Zum Schluss gewann das gewohnte System wieder die Oberhand.

 

AUF EINEN BLICK

Maria Theisen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut der Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie lehrt an der Universität Wien, der Karlsuniversität Prag, der Masaryk-Universität Brünn und der Karl Franzens-Universität Graz. Sie forscht zur Buchmalerei des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Die Ausstellung „Gotteskrieger. Kampf um den rechten Glauben rund um Wien im 15. Jahrhundert“ ist von 29. April bis 15. November 2022 täglich 9 von 18 Uhr im Stift Klosterneuburg zu sehen.