Es war eine besondere Woche für die Welt der Diplomatie: Erst reiste Donald Trump nach Peking, kurz danach trat Wladimir Putin die Reise zu Xi Jinping an - und zwar alles innerhalb von sieben Tagen. Während in westlichen Medien von einer neuen Weltordnung mit einem selbstbewusster denn je auftretenden China die Rede ist, in das inzwischen die Vertreter:innen von Super- und Großmächte pilgern, mahnen China-Expert:innen zu mehr Differenzierung. Zwar habe sich die Volksrepublik technologisch und wirtschaftlich in vielen Bereichen zur Weltmacht entwickelt, sagt die Wiener Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Gleichzeitig versuche die chinesische Führung aber, gerade nicht als aggressive globale Hegemonialmacht aufzutreten, so das Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) emeritierte Professorin der Universität Wien.
Besonders die Beziehungen zwischen China und den USA seien derzeit von gegenseitiger Vorsicht geprägt, schließlich prallen hier Chinas Aufstieg mit Donald Trumps Projekt „Make America Great Again“ aufeinander. Im Gespräch erklärt Weigelin-Schwiedrzik, warum China trotz technologischer Erfolge mit massiven strukturellen Problemen kämpft, weshalb die Kontrolle über seltene Erden geopolitisch entscheidend geworden ist – und was Europa von ostasiatischer Industriepolitik lernen könnte.
Neue Weltordnung
Viele Beobachter sprechen derzeit von einem sehr selbstbewussten Auftreten Chinas. Entsteht gerade eine neue Weltordnung?
Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Ich wäre mit solchen Einschätzungen vorsichtig. Im Westen wird oft der Eindruck vermittelt, China wolle jetzt offensiv die bestehende Weltordnung übernehmen oder die USA ablösen. Ich glaube aber, dass die chinesische Führung viel vorsichtiger agiert, als wir uns das vorstellen. Die Chinesen wollen nicht denselben Fehler machen, den sie den USA vorwerfen – nämlich sich global zu überheben.
Xi sagt: Ein Krieg zwischen China und den USA ist nicht unvermeidlich.
Woran sieht man diese Vorsicht?
Weigelin-Schwiedrzik: Wenn man sich die offiziellen Erklärungen rund um den Besuch Donald Trumps in China ansieht, fällt auf, dass Xi Jinping mehrfach betont hat, dass Chinas Aufstieg und „Make America Great Again“ einander nicht ausschließen müssten. Er hat ausdrücklich auf die sogenannte Thukydides-Falle verwiesen – also auf die These, dass eine aufsteigende Macht zwangsläufig mit der bisherigen Führungsmacht in Konflikt gerät. Xi sagt aber: Ein Krieg zwischen China und den USA ist nicht unvermeidlich. Das ist eigentlich eine sehr wichtige Botschaft.
Chinas Partnerschaft mit Russland
Gleichzeitig demonstriert China aber demonstrativ Nähe zu Russland und Putin.
Weigelin-Schwiedrzik: Natürlich gibt es gemeinsame Interessen zwischen China und Russland, etwa beim Iran oder generell gegenüber dem Westen. Aber man sollte daraus nicht automatisch ableiten, dass China dieselben strategischen Ziele verfolgt wie Russland. Interessant ist ja gerade, dass China im Unterschied zu Russland oder den USA derzeit in keinen Krieg direkt verwickelt ist. Xi Jinping versucht sehr stark, China als stabilisierende Macht darzustellen.
Taiwan-Frage als Damokles-Schwert
Besonders heikel bleibt Taiwan.
Weigelin-Schwiedrzik: Ja, absolut. Xi Jinping hat sehr klar gesagt, dass die Taiwan-Frage der zentrale Punkt in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen ist. Neu ist dabei auch der Tonfall. Früher hieß es immer, Taiwan sei ausschließlich eine innere Angelegenheit Chinas. Jetzt formuliert Peking stärker, dass ein falscher Umgang mit Taiwan zu einem Krieg zwischen China und den USA führen könnte. Dahinter steht die Sorge, dass ein solcher Konflikt globale Folgen hätte.
Vor allem technologisch haben die Chinesen strategisch sehr langfristig geplant.
China gilt wirtschaftlich und technologisch als enorme Supermacht.
Weigelin-Schwiedrzik: Das ist China in vielen Bereichen auch geworden. Vor allem technologisch haben die Chinesen strategisch sehr langfristig geplant. Ein gutes Beispiel sind Batterietechnologien und Elektroautos. China hat schon Mitte der 1990er-Jahre massiv in Batterieforschung investiert. Dreißig Jahre später dominieren chinesische Unternehmen viele Bereiche des Elektroautomarkts.
Auch bei seltenen Erden spielt China eine Schlüsselrolle.
Weigelin-Schwiedrzik: Genau. Oft wird im Westen nur darüber gesprochen, wo seltene Erden abgebaut werden. Entscheidend ist aber die Weiterverarbeitung und Raffinierung. Und dort liegen etwa 90 Prozent der relevanten Technologien und Patente in chinesischer Hand. Selbst wenn andere Länder neue Rohstoffe erschließen, bleibt China damit extrem mächtig.
Chinas Wirtschaft in Schwierigkeiten
Gleichzeitig sprechen viele Expert:innen von erheblichen Problemen in der chinesischen Wirtschaft.
Weigelin-Schwiedrzik: Die gibt es definitiv. China steckt in einer schwierigen strukturellen Phase. Das Land hat mittlerweile eine relativ große Mittelschicht aufgebaut, gleichzeitig steigen die Löhne und Produktionskosten. Der frühere Vorteil extrem billiger Produktion schwindet. China versucht deshalb, technologisch höherwertige Produkte zu exportieren – also nicht mehr Billigwaren, sondern Hightech. Das Problem ist, dass Hightech allein nicht genügend Arbeitsplätze schafft. Besonders schwierig ist die Lage im privaten und informellen Wirtschaftssektor. Dieser Bereich hat früher den Großteil der Beschäftigung geschaffen, schrumpft aber seit der Covid-Pandemie deutlich. Viele private Investoren investieren derzeit nicht mehr im selben Ausmaß in China.
In Europa fehlt oft der Mut, sich auf bestimmte Technologien wirklich zu konzentrieren.
Warum ist China in Sachen Industrie und Innovation so stark aufgestellt?
Weigelin-Schwiedrzik: In Ostasien – nicht nur in China, auch in Südkorea oder Japan – spielt Industriepolitik traditionell eine viel größere Rolle als in Europa. Der Staat definiert strategische Schlüsselbereiche und investiert langfristig. In Europa fehlt oft der Mut, sich auf bestimmte Technologien wirklich zu konzentrieren. China profitiert heute davon, dass solche Entscheidungen dort schon vor Jahrzehnten getroffen wurden.
Aber gibt es nicht auch andere Arbeitsbedingungen?
Weigelin-Schwiedrzik: Die Arbeitsbedingungen in vielen ostasiatischen Unternehmen unterscheiden sich massiv von europäischen Standards. Gleichzeitig sieht man in Ländern wie China, Südkorea oder Japan auch die sozialen Folgen: extrem niedrige Geburtenraten, hoher Leistungsdruck und enorme Bildungskosten. Viele Familien sagen heute schlicht, dass sie sich mehr als ein Kind kaum leisten können.
China ist zugleich stabil und fragil
Was unterschätzt der Westen derzeit am meisten an China?
Weigelin-Schwiedrzik: Vielleicht gerade diesen Widerspruch: China ist technologisch beeindruckend stark geworden und verfolgt sehr konsequent langfristige Strategien. Gleichzeitig ist das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich wesentlich fragiler, als es von außen oft wirkt. Und genau deshalb versucht die chinesische Führung derzeit eher Stabilität zu bewahren, statt offen die globale Machtfrage zu stellen.
Auf einen Blick
Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist Sinologin und war bis zu ihrer Emeritierung 2020 Professorin für Sinologie am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Sie ist Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

