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ZeitgeschichteFotografien

Back to the 80ies: 3.500 Bilder zeigen jugoslawische Migration nach Österreich

Erstmals wurde der Nachlass des jugoslawischen Fotografen Jovan Ritopečki wissenschaftlich erschlossen. Eine neue Bilddatenbank der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit rund 3.500 digitalisierten Aufnahmen eröffnet Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelten jugoslawischer Migrant:innen der 1970er- und 1980er-Jahre in Österreich. Im Fokus steht dabei vor allem die bislang wenig beachtete Welt der Frauen.

23.12.2025
Arbeiterin in der Vöslau Kammgarn Fabrik, Bad Vöslau, 1970, Foto: Jovan Ritopečki.
© Wien Museum, Nachlass Ritopečki.

In den frühen 1970er Jahren begann der jugoslawische Fotograf und Reporter Jovan Ritopečki (1923–1989), das Leben jener Menschen zu dokumentieren, die als sogenannte Gastarbeiter:innen aus Jugoslawien nach Österreich kamen. Über zwei Jahrzehnte hinweg begleitete er sie mit der Kamera – zwischen Wohnküche und Werksgelände, in Vereinslokalen, bei Behörden oder im öffentlichen Raum. Entstanden sind Tausende von Fotos und Reportagen, die heute eine visuelle Chronik dieser Migrationsgeschichte darstellen.

Die Historikerin Vida Bakondy hat jetzt rund 3.500 Aufnahmen aus Ritopečkis Fotonachlass digitalisiert und erschlossen. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Picturing Migrants’ Lives“, gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) analysierte sie nicht nur Ritopečkis Fotografien, sondern auch ihre Entstehungs- und Publikationskontexte. Damit schließt Bakondy eine bedeutende Lücke in der österreichischen Migrations- und Mediengeschichte.

Perspektive eines Insiders

„Ritopečkis Fotos sind von einer Haltung getragen, die die Menschen vor der Kamera als Individuen ernst nimmt“, sagt Vida Bakondy. Seine fotografische Sprache war geprägt von Nähe und Empathie. Ritopečki selbst kam 1966, im Jahr des Anwerbeabkommens zwischen Österreich und Jugoslawien, nach Wien. Als Fotojournalist mit Migrationsbiografie bewegte er sich zwischen österreichischen und jugoslawischen Medien – und hielt zugleich als visueller Chronist das Leben seiner Community fest. Neben Auftragsbildern aus der Arbeitswelt thematisierte Ritopečki auch die Härte der Lebensbedingungen und strukturelle Diskriminierung, der viele Migrant:innen ausgesetzt waren.

Selbstbewusste Akteurinnen ihres Alltags

Während weibliche Arbeitsmigration in der öffentlichen Wahrnehmung damals kaum existierte, rückte Ritopečki Migrantinnen ins Bild. Seine Aufnahmen zeigen sie bei der Arbeit, in der Freizeit oder zu Hause, lachend, rauchend, tanzend – fern von Stereotypen der Fremdheit oder in einer Opferrolle. „Das Besondere an Ritopečkis Fotografien jugoslawischer Migrantinnen ist nicht nur, dass er explizit feminisierte Arbeitsbereiche dokumentiert, sondern dass in veröffentlichen Zeitungsberichten Geschichten von Frauen präsentiert werden, die die Vielfalt ihrer persönlichen Lebenslagen und Migrationserfahrungen widerspiegeln: Einige kamen allein, andere schlossen sich bereits in Österreich lebenden Familienmitgliedern an, und wieder andere waren verheiratete Frauen, die sich in Österreich niederließen und dort Familien gründeten“, erklärt Bakondy.
Das Bildrepositorium entstand in enger Zusammenarbeit mit Martina Scholger und Suzana Sagadin vom Institut für digitale Geisteswissenschaften der Universität Graz, und wird in das bestehende Visual Archive Southeastern Europe (VASE) eingebunden.