Wie syrische Geflüchtete in Österreich Fuß fassen
15.12.2025
Viele der Syrer:innen, die in den vergangenen Jahren nach Österreich gekommen sind, haben einen langen Weg hinter sich: Auf die Flucht folgen oft Jahre in Transitländern, unterbrochene Schul- und Ausbildungswege, kaum Zugang zu regulärer Arbeit, Unsicherheit, Armut und fehlende Perspektiven. Dieses Leben im „Wartezimmer“ wirkt weit über die Ankunft hinaus – und prägt, wie gut Menschen später im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt Fuß fassen können.
Eine aktuelle Studie des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (oiip), durchgeführt gemeinsam mit dem AMS Österreich, zeigt nun erstmals im Detail, wie sich syrische Geflüchtete der Jahre 2015/16 und jene der 2020er-Jahre in den österreichischen Arbeitsmarkt integrieren. Die Studie kombiniert Mikrodaten des AMS sowie qualitative Interviews.
Große Bildungsunterschiede
Herr Rengs, worum geht es in der Studie?
Bernhard Rengs: Wir arbeiten nun fast zehn Jahre zu syrischen Geflüchteten und ihrem Einstieg in den österreichischen Arbeitsmarkt. Für unser Forschungsprojekt mit dem AMS Österreich konnten wir qualitative Interviews – mit Syrer:innen, aber auch mit AMS-Expert:innen – mit einer quantitativen Analyse von Mikrodaten kombinieren. Besonders wertvoll war, dass wir interne AMS-Daten mit der Arbeitsmarktdatenbank zusammenführen konnten, was normalerweise nicht möglich ist. So konnten wir erstmals genau vergleichen, wie sich frühere und jüngere Ankunftskohorten unterscheiden.
In der jüngsten Kohorte der in Wien beim AMS erfassten Personen haben bei den 20- bis 24-Jährigen über 50 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss.
Was unterscheidet die jüngste Ankunftskohorte von jener der Jahre 2015/16?
Rengs: Die Kohorten haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Die Menschen, die 2015/16 ankamen, waren entweder finanziell besser gestellt – sie konnten die damals sehr hohen Fluchtkosten von rund 4.000 Dollar pro Person bezahlen – oder sie waren bereit, enorme Risiken auf sich zu nehmen für gefährlichere Routen. Viele von ihnen kamen als Familien. Die jüngere Kohorte hingegen besteht zu einem höheren Anteil aus jungen Männern, und sie hat oft jahrelanges „protracted displacement“ hinter sich. Das bedeutet: Viele waren sechs, sieben, acht oder neun Jahre in Transitländern wie der Türkei – ohne regulären Arbeitsmarktzugang, oft unter prekären Bedingungen, mit wenig Schuldbildung oder generell Bildung und starker Diskriminierung. Das hinterlässt tiefe Spuren: unterbrochene Bildungskarrieren, fehlende Alphabetisierung, gesundheitliche Belastungen.
Welche Rolle spielt Bildung – und welche Unterschiede sehen Sie in den Daten?
Rengs: Die Unterschiede sind signifikant. In der jüngsten Kohorte der in Wien beim AMS erfassten Personen haben bei den 20- bis 24-Jährigen über 50 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss. In der 2015er-Kohorte lag dieser Anteil unter 20 Prozent. Das heißt: Ein großer Teil der jüngst Ankommenden hat entweder die Grundschule nicht abgeschlossen, nie regulären Unterricht besucht oder ist nicht alphabetisiert. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass Personen mit höherer Bildung – egal ob der Abschluss in Österreich anerkannt wird oder nicht – langfristig deutlich bessere Chancen haben. Sie erzielen höhere Einkommen und steigen häufiger in stabilere Jobs ein. Entscheidend ist oft die Bildungsaffinität der Personen: Wer früher gelernt hat, beziehungsweise wer Bildung als wichtig erachtet, lernt auch später eher wieder, selbst in einer neuen Sprache und gibt diese Werte meist auch an seine Kinder weiter.
Investitionen in Integration lohnen sich
Welche Auswirkungen haben diese Unterschiede auf den Einstieg in den Arbeitsmarkt?
Rengs: Die Herausforderungen sind enorm. Wer nie regulären Unterricht hatte, tut sich schwer, in österreichische Strukturen einzusteigen – sei es Schule, Lehre oder formale Beschäftigung. Deutschkurse, Grundbildungsprogramme oder Förderklassen stoßen bei dieser Gruppe an Grenzen. Trotzdem sehen wir Erstaunliches: Die jüngste Ankunftskohorte hat in ihren ersten 18 Monaten in Österreich mehr als doppelt so viele Arbeitstage erreicht wie die 2015er-Gruppe. Der Einstieg gelingt also oft schneller – wenn auch auf niedrigem Niveau. Das hängt vermutlich mit drei Dingen zusammen: einer inzwischen deutlich besser ausgebauten Integrationsinfrastruktur, weniger Überforderung des Systems als 2015/16 und dem Entstehen einer syrischen Community, die den Neuen beim Ankommen hilft.
Sprachkurse, Grundbildungsangebote und gezielte Programme für Jugendliche funktionieren gut.
Was bedeuten die Ergebnisse für die Integrationspolitik?
Rengs: Es zeigt sich, dass sich frühe Investitionen lohnen. Sprachkurse, Grundbildungsangebote und gezielte Programme für Jugendliche – wie das Jugendcollege zum Beispiel – funktionieren gut, zumindest für jene, die motiviert sind und „Biss“ haben. Gleichzeitig bleibt eine Gruppe, die extrem schwer erreichbar ist: Menschen mit jahrelanger Bildungsunterbrechung, ohne Familie in Österreich oder mit traumatischen Fluchterfahrungen. Für sie braucht es langfristige, flexible Ansätze. Wichtig ist auch, Bildung anerkennen zu können: Viele syrische Fachkräfte verfügen über Fähigkeiten, die in Österreich sehr wohl gefragt sind. Kompetenzchecks des AMS haben gezeigt, dass ein großer Teil tatsächlich die praktische Qualifikation hat, die er angibt. Das könnte stärker genutzt werden.
Mehr Hürden für Frauen
Viele syrische Frauen finden nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt. Woran liegt das? Und was bräuchte es, um ihr Potenzial besser zu nutzen?
Rengs: Frauen haben deutlich mehr Hürden: fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten speziell durch in Österreich fehlende Familienangehörige, Sprachbarrieren, soziale Isolation und oft nur sehr geringe Chancen auf reguläre Vollzeitjobs. Viele arbeiten deshalb weniger Stunden und verdienen weniger – oder sie sind gar nicht erst beim AMS registriert. Wichtig ist: Weniger formale Bildung heißt nicht automatisch, dass diese Frauen bildungsfern sind. Viele wären motiviert, weiterzulernen, aber die Angebote greifen nicht ausreichend. Auch kulturelle Barrieren, etwa Ressentiments gegenüber Kopftuchträgerinnen, spielten speziell in den ersten Jahren eine Rolle. Für das AMS ist das eine große Herausforderung – gerade, weil der Fokus derzeit zwangsläufig stark auf der Integration junger Männer liegt und Daten über Frauen fehlen. Eine der Aufgaben der nächsten Jahre wird sein, Frauen besser zu erreichen: mit Kinderbetreuung, gezielter Sprachförderung und Programmen, die ihnen wirklich den Weg in den Arbeitsmarkt öffnen.
Auf einen Blick
Bernhard Rengs ist Demograph und Wissenschaftler am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Arbeitsmarkt- und Migrationsforschung, insbesondere in der Analyse von Integrationsverläufen geflüchteter Menschen.
Die Studie:
Die Studie „Recent Arrivals: Arbeitsmarkteinstieg syrischer Geflüchteter in Österreich“ wurde vom Institut für Demografie der ÖAW und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) in Kooperation mit dem AMS Österreich durchgeführt. Die Studie untersucht Unterschiede zwischen früheren Fluchtkohorten (2015/16) und den seit 2021 neu angekommenen syrischen Geflüchteten – insbesondere ihre Bildungsbiografien, Fluchtverläufe und den Einstieg in Beschäftigung in den ersten Jahren in Österreich.
Weitere Informationen zur Studie