Angst vor KI schafft Nährboden für rechte Politik
16.05.2025
Wie denken Menschen in politisch rechts stehenden Regionen über Medien, Künstliche Intelligenz (KI), Fake News und Informationsverbreitung? Damit beschäftigt sich der US-Amerikaner Damien Stankiewicz in seiner ethnografischen Feldforschung. Im Rahmen des Workshops „AI in Media Anthropology“, organisiert von Sozialanthropolog:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), war Damien Stankiewicz in Wien zu Gast. Im Interview schildert er, welche Zukunftssorgen im ländlichen Raum KI auslöst und wie politische Parteien damit umgehen.
Mundpropaganda und Massenmedien
Woran forschen Sie?
Damien Stankiewicz: Ich forsche in einer kleinen ländlichen Stadt im Süden Frankreichs, die politisch stark rechts geprägt ist. 55 Prozent der Wähler:innen haben bei beiden Runden der letzten Wahlen für Marine Le Pen gestimmt. Zudem hat die Stadt einen sehr rechten Bürgermeister gewählt. Die lokale Regierung wird also von der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National dominiert.
Mich interessiert, was die Menschen in dieser Stadt über Politik denken, wie sie Veränderungen wahrnehmen und welche Rolle Medien und Technologien dabei spielen. In meinem aktuellen Projektabschnitt schaue ich mir an, wie die Menschen über Künstliche Intelligenz (KI) und deren Rolle im Kontext von Fake News, Nachrichtenbeschaffung und Informationsverbreitung denken. Die Stadt liegt abseits, ist kein Ort mit einer pulsierenden, kosmopolitischen Atmosphäre, aber die Menschen beginnen, Dinge zu hören. Ich denke, so funktionieren viele Fake News und politische Informationen heutzutage – durch Mundpropaganda und Gerüchte darüber, welche Medien vertrauenswürdig sind, welche Medien von den Linken oder vom Establishment übernommen wurden. Darüber wird in dieser Stadt viel gesprochen.
Ähnlich wie in den Diskursen über Medien oder Nachrichten in anderen Ländern – besonders in den USA – gibt es die Vorstellung von Mainstream-Medien, die nur dazu da sind, den Status quo zu bewahren und der Mitte-Links-Politik die Kontrolle über die Regierung und das Land zu sichern.
Viele Menschen haben mir erzählt,(...) dass KI eine weitere Ebene des Chaos oder der Unerkennbarkeit einführt.
Und was denken die Menschen über KI?
Stankiewicz: Die Menschen betrachten KI als eine weitere instabile Quelle, als einen mysteriösen und womöglich auch gefährlichen Einfluss auf ihr Leben. Es gibt viel Unsicherheit darüber, was KI für Informationen und die Zukunft der Politik bedeutet. Viele Menschen haben mir erzählt, dass man nichts mehr glauben könne, dass KI eine weitere Ebene des Chaos oder der Unerkennbarkeit einführt – obwohl viele der Menschen noch nie KI genutzt haben. Sie verlassen sich auf Berichte aus zweiter Hand, sagen Dinge wie: „Mein Sohn benutzt ChatGPT ständig, und es ist beängstigend, was es kann und was es mit Arbeitsplätzen machen wird.“ Außerdem denken sie, dass KI eine weitere Ungewissheit darüber einführen wird, was real ist und was nicht, besonders bei Bildern. Und sie haben Angst, dass ihre Arbeitsplätze gefährdet sein könnten. Dies führt oft zu dem Bedürfnis nach neuen Regeln und einer moralischen Ordnung, nach traditionellen Werten, die die Gesellschaft irgendwie wieder in einer Zeit vor dem digitalen Chaos verankern könnten.
Die Rechten in Frankreich greifen das auf. Es gibt diesen Ruf nach einer Rückkehr zu traditionellen Rollen und Arbeitsplätzen und deren Sicherung angesichts der befürchteten technologischen Revolution. Dazu passend sehe ich in rechten Medienkonten Diskurse über Misstrauen gegenüber KI und großen Technologieunternehmen. Auch lokale, regionale, sehr rechte Politiker posten über die Idee, dass KI uns bedroht.
Fake News als Auslegungssache
Sie sagen, KI ist ein „floating signifier“, was meinen Sie damit?
Stankiewicz: Das Konzept wird in der Linguistik und in der Sozialwissenschaft verwendet. Ich erkläre es so: Wenn ich zu jemandem sage, dass er sich auf einen Stuhl setzen soll, dann ist signifikant, was ich mit „Stuhl“ meine, es gibt kaum Meinungsverschiedenheiten darüber. Aber je abstrakter Konzepte werden und je weiter sie von uns entfernt sind, desto weiter gehen unsere Vorstellungen davon auseinander. Zum Beispiel hat jeder eine eigene Vorstellung von Fake News und was sie bedeuten. Es gibt keine einheitliche Auffassung darüber. Von Rechten wird der Begriff Fake News immer wieder verwendet, um etablierte Medien wie die New York Times oder Le Monde zu diskreditieren. Und Menschen, die eher links eingestellt sind, denken, dass der Begriff Fake News eine rhetorische Strategie ist und nicht wirklich existiert. Es gibt ihrer Meinung nach keine Fake News, wenn man etablierte Nachrichtenquellen beschreibt, die seit 150 Jahren existieren, sie glauben, dass diese Quellen akkurat berichten.
KI funktioniert auf ähnliche Weise. Sowohl Linke als auch Rechte haben vielleicht Angst vor KI, aber bei den Linken gibt es das Gefühl, dass Technologie genutzt und eingesetzt werden kann, um letztendlich vorteilhaft zu sein, wenn sie richtig reguliert wird.
Das ist es, was Kulturanthropologen tun, wir nennen es „deep hanging out“.
Welche Methoden nutzen Sie?
Stankiewicz: Ich versuche einerseits in zwanglosen Gesprächen mit den Menschen zu verstehen, was in der Stadt vor sich geht. Es gibt einen kleinen Stadtplatz, wo ich manchmal sitze, Zeit verbringe und Menschen treffe. Ich bin einigen Gruppen beigetreten – einem Wander-, einem Kino- und einem Yogaclub etwa – und habe einfach Zeit mit verschiedenen Gruppen von Menschen in der Stadt verbracht. Das ist es, was Kulturanthropologen tun, wir nennen es „deep hanging out“ (dt.: tiefes Abhängen). Außerdem führe ich formelle Interviews und Umfragen durch. Ich versuche zu verstehen, welche Veränderungen in den letzten zehn oder mehr Jahren stattgefunden haben, wie Menschen ihre Nachrichten bekommen. Generell geht es immer mehr in Richtung digitale Quellen.
Besonders die Rechten bewegen sich hin zu spezifischen Apps wie Telegram, um bestimmten Konten zu folgen, und es entsteht ein Tunneleffekt hin zu denselben Arten von Nachrichtenquellen. Es gibt eine immer stärkere Abwendung von zentristischen oder sogar Mitte-rechts etablierten Medien hin zu diesen Telegram-Konten, von denen einige sehr ausländerfeindlich sind und deren Inhalte größtenteils aus Berichten über von Einwanderern begangene Verbrechen bestehen. Wenn man mit den Menschen spricht, zitieren sie diese Dinge und sagen: „Erst gestern wurde eine Frau überfallen...“ Das liegt in der Stadt in der Luft, man kann es aufschnappen und mit den Menschen darüber sprechen.
Gemeinsamer Dialog zwischen Links und Rechts
Was wollen Sie mit Ihrer Forschung zeigen?
Stankiewicz: Es gibt diese Vorstellung, wie die Linken sich die Rechten vorstellen und wie die Rechten sich die Linken vorstellen, und was der jeweils andere mit Nachrichten und politischen Informationen macht. Tatsächlich ist es aber viel komplizierter, nuancierter und unordentlicher, wenn man ins Detail geht. Es geht darum, das zu zeigen – damit wir verstehen können, wie und warum Menschen so über Medien, Politik und KI denken, wie sie es tun. Wenn wir uns alle einig sein könnten, wie wir Dinge besser regulieren oder fördern können, wären wir alle viel besser dran. Aber um das zu tun, müssen wir in der Lage sein, einen gemeinsamen Dialog über Nachrichten, Informationen, Politik und Technologien zu führen.
Auf einen Blick
Der Workshop "AI in Media Anthropology" fand am 15. und 16. Mai 2025 statt und wurde veranstaltet vom Institut für Sozialanthropologie der ÖAW.
