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Neue AusstellungNaturhistorisches Museum

Alte DNA verändert das Bild des Frühmittelalters

Ein internationales Forschungsprojekt unter maßgeblicher Beteiligung der ÖAW zeigt, wie vielfältig die Gesellschaften Mitteleuropas vor mehr als 1.200 Jahren waren. Die Ergebnisse von „HistoGenes“ sind ab 14. Oktober in der Ausstellung „GENchangers“ im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen.

13.10.2026
Die Ergebnisse aus dem größten frühmittelalterlichen archäogenetischen Forschungsprojekt weltweit werden in einer Schau im NHM Wien präsentiert.
© NHM Wien, Wolfgang Reichmann

Wie lebten die Menschen im Frühmittelalter? Wie entstanden Gemeinschaften, welche Rolle spielten Migration und Verwandtschaft, und wie eng waren kulturelle Zugehörigkeit und genetische Herkunft miteinander verbunden? Das internationale Forschungsprojekt „HistoGenes“ untersucht diese Fragen anhand alter DNA und archäologischer Funde. Walter Pohl vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat das von der EU mit rund zehn Millionen Euro geförderte Projekt federführend mitinitiiert. Die Ergebnisse fließen nun in die Sonderausstellung „GENchangers. Entschlüsselte Geheimnisse aus frühmittelalterlichen Gräberfeldern“ im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien ein, die von 14. Oktober 2026 bis 26. Juli 2027 zu sehen ist.

Was alte DNA über frühere Gesellschaften verrät

Im Zentrum von „HistoGenes“ steht die Bevölkerungsgeschichte Ostmitteleuropas zwischen etwa 400 und 900 n. Chr. In dieser Zeit veränderten sich politische Herrschaftsverhältnisse, Menschen wanderten und neue Gemeinschaften entstanden. Das Projekt verbindet Methoden der Genetik mit Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft, um diese Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen.

Mehr als 40 Forschende an zwölf europäischen und US-amerikanischen Forschungsstätten arbeiten daran, die Lebenswelten der damaligen Bevölkerung zu rekonstruieren. Rund 7.700 Bestattungen werden dabei untersucht. Die Ergebnisse geben nicht nur Aufschluss über Abstammung und Verwandtschaft, sondern auch über Mobilität, Ernährung, Gesundheit und Kindheit.

Gleiche Kultur, unterschiedliche Herkunft

Besonders anschaulich zeigen das zwei Gräberfelder aus der Awarenzeit im heutigen Niederösterreich: Mödling und Leobersdorf. Die Awaren waren ein ostasiatisches Reitervolk, das von der Mitte des 6. bis zum Anfang des 9. Jahrhunderts Teile Mitteleuropas beherrschte. Obwohl die in Mödling und in Leobersdorf bestatteten Menschen ähnliche kulturelle Praktiken pflegten, unterscheidet sich ihre genetische Herkunft deutlich.

Während die Bevölkerung des damaligen Leobersdorf großteils ostasiatische Abstammung aufwies, lebten in Mödling Menschen mit europäischer Herkunft. Archäologische Funde allein hätten diesen Unterschied kaum erkennen lassen. Beide Gemeinschaften nutzten beispielsweise ähnliche Gürtelbeschläge.

Für Walter Pohl, der an der ÖAW und der Universität Wien forscht, ist das ein zentraler Befund: "Kultur ist nicht biologisch determiniert", so der Historiker bei einer Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung am NHM. Die Ergebnisse helfen damit auch, verbreitete Vorstellungen über die sogenannten Völkerwanderungen und die Entstehung frühmittelalterlicher Gemeinschaften kritisch zu hinterfragen.

Neue Perspektiven auf das Leben der Menschen

Die genetischen Analysen ermöglichen es zudem, Verwandtschaftsbeziehungen über mehrere Generationen hinweg nachzuzeichnen. Zusammen mit archäologischen und anthropologischen Untersuchungen entsteht so ein differenzierteres Bild des Alltags im Frühmittelalter. Die Befunde zeigen unter anderem, wie Menschen ihre Gemeinschaften organisierten, woher Partnerinnen und Partner kamen und wie sich Familien über Generationen entwickelten.

Die Ausstellung „GENchangers“ macht diese Erkenntnisse anhand von Beispielen aus den Gräberfeldern sowie mehreren interaktiven Stationen nachvollziehbar. Sie zeigt, wie die Verbindung unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen neue Zugänge zur Vergangenheit eröffnet und bislang wenig sichtbare Lebenswelten unserer Vorfahren erschließt.