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HistoGenesKonferenz

Migration, Pest und Identität: Was Gene über Europas Frühgeschichte verraten

Alte DNA stellt vertraute Bilder der Völkerwanderungszeit auf den Kopf – und zeigt, wie überraschend vielfältig Europas Vergangenheit wirklich war.

25.02.2026
© MPI

Wie Genetik, Archäologie und Geschichtswissenschaft gemeinsam neue Perspektiven auf die Bevölkerungsgeschichte Ostmitteleuropas eröffnen, hat das internationale Großprojekt HistoGenes untersucht. Es wurde sechs Jahre lang durch einen Synergy-Grant des European Research Council gefördert. Zum Projektabschluss diskutieren führende Forschende bei der Konferenz „From Genes to History. New Perspectives on the Past“ von 25. bis 27. Februar 2026 in Wien ihre wichtigsten Erkenntnisse. Die beiden wissenschaftlichen Festvorträge halten Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Walter Pohl vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW. Den Auftakt bildet am 25. Februar eine öffentliche Lecture im Naturhistorischen Museum Wien, die Einblicke in neue Methoden und überraschende Erkenntnisse zur Welt zwischen Spätantike und Frühmittelalter gibt. Wir haben vorab mit ÖAW-Historiker Walter Pohl und dem Genetiker Johannes Krause gesprochen.

Von Herkunft bis Ernährung 

Ein zentrales Thema Ihres Projekts HistoGenes sind Wanderungsbewegungen – etwa im Raum des heutigen Österreich und Ungarn, wo während der sogenannten Völkerwanderung besonders viele Migrationen belegt sind. Welche Aussagen lassen sich über genetische Gemeinsamkeiten und Unterschiede treffen?

Walter Pohl: Was wir klar sagen können: Ein verbreiteter Irrtum ist die Annahme, Genetik könne „Völker“ eindeutig definieren – also etwa bestimmen, wer Hunnen, Goten, Langobarden oder Römer waren. So funktioniert es nicht. Unsere Ergebnisse zeigen vielmehr, dass solche Gruppen genetisch oft sehr unterschiedlich zusammengesetzt waren.

Besonders im Kontext von Migration kam es zu intensiven Vermischungen: Neue Gruppen entstanden, bestehende wandelten sich. Nur wenige der untersuchten Individuen lassen sich eindeutig einer einzelnen Herkunftsregion zuordnen. Die meisten weisen komplexe Abstammungsmuster auf – Kombinationen genetischer Anteile etwa aus Mitteleuropa, dem Mittelmeerraum, den Steppengebieten nördlich des Schwarzen Meeres oder Ostasien; vereinzelt finden sich auch Einflüsse aus dem subsaharischen Afrika.

Kultur und Genetik fallen nicht automatisch zusammen.

Johannes Krause: Besonders anschaulich wird das anhand zweier Gräberfelder aus der Awarenzeit aus dem 8. Jahrhundert nahe Wien: in Mödling und in Leobersdorf, nur rund 15 Kilometer voneinander entfernt. Archäologisch wirken sie nahezu identisch – gleiche Grabkultur, ähnliche Beigaben. Genetisch jedoch unterscheiden sie sich deutlich: In Mödling dominiert die lokale mitteleuropäische Signatur der Spätantike und des Frühmittelalters, während in Leobersdorf viele Individuen deutliche ostasiatische Anteile aufweisen. Kultur und Genetik fallen hier also nicht automatisch zusammen.

Apropos Gräberfelder. Was können ein paar Milligramm Knochenstaub über das Leben eines Menschen vor Jahrhunderten verraten – über seine Herkunft, seine Ernährung, seine Krankheiten und seine Mobilität?

Krause: Schon auf wenigen Milligramm Knochenstaub lassen sich mehrere Analyseebenen anwenden. Isotopenuntersuchungen zeigen, wo ein Mensch aufgewachsen ist und wie mobil er war. Strontiumisotope verraten, ob jemand lokal sozialisiert wurde oder seine Kindheit in einer anderen Region verbracht hat. So lassen sich individuelle Lebenswege rekonstruieren. Weitere Isotope liefern Hinweise auf die Ernährung – etwa Fleischanteil oder klimatische Regionen, in denen die Person lebte. Radiokarbon-Datierung bestimmt das Alter eines Individuums und bildet die Grundlage für historische Einordnung.

Zentral ist die Analyse alter DNA. Sie erlaubt Aussagen über biologische Verwandtschaft, Abstammungslinien und großräumige Migrationsbewegungen. Wir können nachvollziehen, wann bestimmte genetische Signaturen erstmals auftreten und wie sie sich über Jahrhunderte ausbreiten. Auch Krankheitserreger lassen sich nachweisen: Findet sich etwa das Erbgut des Pesterregers in einem Zahn, deutet vieles auf den Tod durch Pest hin. Selbst Zahnstein liefert wertvolle Informationen – über konsumierte Nahrungsmittel, das orale Mikrobiom und die Entwicklung menschassoziierter Bakterien.

Die Auswirkungen der Pest

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?

Pohl: Besonders spektakulär sind unsere Ergebnisse zur sogenannten Justinianischen Pestim 6. Jahrhundert – einer frühen Pandemie, die Europa und den Mittelmeerraum erfasste. Der Erreger war genetisch bereits an einzelnen Fundorten zwischen England und dem Mittelmeer nachgewiesen worden. Wir konnten nun an mehreren Plätzen zwischen Mähren und Westungarn zahlreiche Individuen identifizieren, die an dieser Pest gestorben sind.

Das zeigt: Die Seuche war nicht nur ein Phänomen großer Städte wie Konstantinopel oder Rom, wo viele Menschen auf engem Raum lebten. Sie erreichte auch kleinere, ländliche Gemeinschaften in unserem Untersuchungsraum. Zugleich sehen wir, dass diese Gemeinschaften nicht zusammenbrachen. Die Toten wurden weiterhin nach den üblichen Ritualen bestattet – mit Grabbeigaben, etwa einem Schwert für Männer oder Schmuckstücken wie Fibeln für Frauen. Das spricht dafür, dass soziale und kulturelle Strukturen trotz der Krise fortbestanden.

Das deutet daraufhin, dass die Sterblichkeit bei mindestens 30, vielleicht sogar 50 Prozent lag.

Krause: Überrascht hat uns vor allem die offenbar hohe Mortalität. Auf manchen Friedhöfen gibt es ganze Abschnitte, in denen ein Großteil der Bestatteten positiv auf den Pesterreger getestet wurde. Das deutet darauf hin, dass die Sterblichkeit – ähnlich wie beim „Schwarzen Tod“ im 14. Jahrhundert – bei mindestens 30, vielleicht sogar 50 Prozent lag.

Für die Justinianische Pest ist das in der Forschung umstritten. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen zu ihrem Ausmaß und ihren langfristigen Folgen. Unsere Befunde sprechen jedoch für eine massive Sterblichkeit, die sich auch auf die weitere Siedlungsentwicklung in diesen Regionen ausgewirkt haben dürfte. Und sie zeigen klar: Die Seuche war keineswegs auf Metropolen beschränkt, sondern verbreitete sich weit ins ländliche Umland – offenbar stärker, als man lange angenommen hat.

Das Großprojekt HistoGenes 

Wie verändert die Größenordnung von 7.500 untersuchten Individuen die Aussagekraft historischer Forschung?

Krause: Wir haben erstmals ganze Gräberfelder vollständig analysiert. Früher untersuchte man aus Kostengründen oft nur fünf oder zehn Individuen und hoffte, sie seien repräsentativ. Doch wenn man zufällig den „falschen“ Bereich erwischt, entsteht ein verzerrtes Bild.

Mit kleinen Stichproben konnten wir zwar grobe Aussagen zur genetischen Zusammensetzung und Mobilität treffen – aber nicht zur sozialen Struktur. Fragen wie: Waren Gemeinschaften patrilokal oder matrilokal organisiert? Gab es Monogamie oder Polygamie? Wie sahen Heiratsmuster aus? Waren Eltern verwandt? – all das lässt sich nur beantworten, wenn man möglichst viele Individuen eines Friedhofs erfasst. Unsere Ergebnisse zeigen gerade, wie unterschiedlich benachbarte Gemeinschaften sein konnten. Das macht ja auch das Beispiel Mödling und Leobersdorf – nur etwa 15 Kilometer voneinander entfernt – deutlich.

Es macht einen großen Unterschied, ob Genetiker:innen allein arbeiten und Historiker:innen erst am Ende konsultieren – oder ob man von Anfang an eng kooperiert.

Ähnlich bei der Verwandtschaft: In manchen Gräberfeldern waren viele Bestattete eng miteinander verwandt, in anderen fast niemand. Das sagt enorm viel über Sozialstrukturen aus. Bildeten sich Gemeinschaften vor allem aus Großfamilien? Oder lebten dort Menschen ohne enge biologische Bindungen nebeneinander? Gerade in der spätrömischen Zeit und der frühen Völkerwanderungszeit war es keineswegs selbstverständlich, dass nahe Verwandte nebeneinander bestattet wurden. Solche Muster erkennt man nur bei großen Datensätzen.

Wie funktioniert heute die systematische Zusammenarbeit von Genetik, Archäologie und Geschichtswissenschaft?

Pohl: Es macht einen großen Unterschied, ob Genetiker:innen allein arbeiten und Historiker:innen erst am Ende konsultieren – oder ob man von Anfang an eng kooperiert. Jede Disziplin bringt etwas Eigenes ein: Die Genetik liefert Verwandtschaftsverhältnisse, Abstammungslinien und Generationsfolgen. Die physische Anthropologie bestimmt Alter und Todeszeitpunkt. Die Genetik kann wiederum das biologische Geschlecht bestätigen. Die Archäologie ordnet Grabbeigaben ein und fragt, ob bestimmte Objekte familienspezifisch sind oder quer durch die Gemeinschaft vorkommen. Und die Geschichtswissenschaft steuert das bei, was man vielleicht ein „Plausibilitätskalkül“ nennen könnte: die Einordnung in größere historische Zusammenhänge. Oft beginnt hier die historische Interpretation.