Zurück
USAGeschichte

250 Jahre USA: Wie Donald Trump die Geschichte beschlagnahmt

Zum 250. Jahrestag der US-amerikanischen Unabhängigkeit inszeniert sich Donald Trump mit großem Aufwand. Aber wo endet Geschichtspolitik – wo beginnt Zensur? Die Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonić und der Historiker Johannes Feichtinger haben darauf Antworten.

18.06.2026
Trump steht an einem Podium
Donald Trump macht sich die Geschichte der USA zu eigen.
© Wikimedia Commons/CC

Unter Donald Trump, 47. Präsident der Vereinigten Staaten, wird historische „Wahrheit“ per Executive Order verordnet: Die Geschichtspolitik der Trump-Administration ist kein konservativer Schwenk, sondern ein gezielter Eingriff in das kollektive Gedächtnis der USA.

Zu diesem Befund kommen die Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonić und der Historiker Johannes Feichtinger vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Gespräch ordnen sie die aktuellen Entwicklungen in einen breiteren Kontext ein und erklären, warum Geschichtspolitik immer auch Gegenwartspolitik ist.

Was ist wahr?

Donald Trump spricht von der Wiederherstellung der „Wahrheit“. Was verrät diese Rhetorik über sein Verhältnis zur Geschichte – und wessen Geschichte soll hier eigentlich wiederhergestellt werden?

Ljiljana Radonić: Der Wahrheitsbegriff ist in Bezug auf Geschichte problematisch und für das 21. Jahrhundert im Grunde unzeitgemäß. Er erinnert mich an Debatten in Polen und Ungarn unter der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und der ultranationalistischen Fidesz. Ähnlich formulierte es auch Jarosław Kaczyński, als er „mehr polnische Wahrheit“ statt „polnischer Schande“ forderte. Die illiberalen Demokratien in Polen und Ungarn waren in gewisser Weise Vorläufer dessen, was Trump heute betreibt. Es ist eine Rückkehr zu einer Rhetorik des 19. Jahrhunderts. Es geht um die Reinwaschung der US-amerikanischen Geschichte: ein ausschließlich positives Geschichtsbild, das keine Ambivalenzen zulässt. Dass die amerikanische Revolution einerseits ein Meilenstein war, andererseits aber von Anfang an viele Menschen vom Kampf um Freiheit und Gleichheit ausschloss, blendet Trump aus.

Er versucht, eine einzige Version der Geschichte durchzusetzen und bestimmte Perspektiven gezielt auszublenden.

Johannes Feichtinger: Mit seinem Dekret vom März 2025 reagiert Trump auf Biden, dem er vorwirft, die Geschichte der USA verfälscht zu haben. Aber kann es in der Geschichte die eine „Wahrheit“ geben? Ein US-amerikanischer Historiker hat einmal gesagt, zum Glück gebe es keine feststehende Wahrheit in der amerikanischen Geschichte, zumindest habe niemand versucht sie zu finden. Stattdessen gibt es viele Perspektiven auf sie. Genau diese Pluralität will Trump zurückdrängen. Er versucht, eine einzige Version der Geschichte durchzusetzen und bestimmte Perspektiven gezielt auszublenden. Das ist das eigentlich Erschütternde daran. Eine solche Form von Geschichtspolitik war im westlichen Kontext bislang unüblich.

Geschichte als politisches Instrument

Apropos Geschichtspolitik. Welche Rolle darf ein demokratischer Staat bei der Gestaltung des kollektiven Geschichtsbildes spielen? Wo endet Geschichtspolitik?

Feichtinger: Geschichtspolitik endet dort, wo Zensur beginnt. Im westlichen Kontext hatte Geschichtspolitik in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend eine aufklärerische Funktion. Natürlich kann sie auch als Propagandainstrument dienen. Seit den 1980er Jahren war ihr zentraler Anspruch jedoch, gesellschaftliche Aufklärung zu fördern und nicht politische Propaganda zu betreiben.

In illiberalen Demokratien oder autoritären Systemen hat Geschichtspolitik eine andere Funktion.

Radonić: Das gilt vor allem für Staaten, die sich tatsächlich demokratisch verstehen. In illiberalen Demokratien oder autoritären Systemen hat Geschichtspolitik eine andere Funktion. Sie ist immer gegenwartsbezogen und politisch, aber wie nahe sie am Forschungsstand bleibt, hängt wesentlich vom politischen System ab. Das radikalste Beispiel ist Russland, wo historische Narrative im Sinne der angeblichen „Entnazifizierung“ der Ukraine als politische Waffe eingesetzt werden, um den Krieg zu legitimieren. Als in Polen die PiS an die Macht kam, eignete sie sich den zuvor wissenschaftlichen Begriff Geschichtspolitik für ihre Agenden an. Die USA sind zwar weiterhin eine Demokratie, aber mit deutlichen Einschränkungen. Dass ein Präsident versucht, selbst die historische „Wahrheit“ per Executive Order zu steuern, ist eine neue Entwicklung. „Diversity“ soll nicht mehr benannt werden, sondern wird unsichtbar gemacht.

Denkmäler für Sklavenhalter

Unter anderem lässt Trump Hinweise auf Sklaverei aus Museen entfernen und plant die Wiederaufstellung von Denkmälern für Sklavenhalter. Welche langfristigen Folgen hat es, wenn staatliche Stellen Gewaltgeschichte aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängen?

Feichtinger: Die postheroische, reflexive Erinnerungskultur entstand aus der Überzeugung, dass Gesellschaften aus der Auseinandersetzung mit Gewaltgeschichte lernen können. Dieser Gedanke prägte den Wandel der Erinnerungskultur seit den 1980er Jahren. Wird diese Auseinandersetzung zensiert, geht auch dieser Lernprozess verloren.

Es wäre naiv anzunehmen, dass alle Folgen dieser Politik rasch wieder verschwinden.

Radonić: Viel hängt davon ab, was nach Trump kommt. Er wurde immerhin ein zweites Mal gewählt. Seine Wähler:innen wussten, wofür er steht. Ob ein Nachfolger zu den bisherigen demokratischen Spielregeln zurückkehrt, ist offen. Gewinnen die Demokraten die nächste Wahl, wird manches rückgängig gemacht werden. Darauf, dass sich der Kurs automatisch korrigiert, können wir uns aber nicht verlassen.

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit am U.S. Holocaust Memorial Museum, das unter Trump unter starkem Druck steht. Die neue Dauerausstellung soll nur zwei Monate nach Amtsantritt des neuen Staatsoberhaupts eröffnen. Wird sie nun auf Trump-Linie gestaltet, bleibt kaum Zeit für Korrekturen. Auch deshalb wäre es naiv anzunehmen, dass alle Folgen dieser Politik rasch wieder verschwinden.

Wissenschaften zwischen Abwehrkampf und Selbstzensur

Geschichtspolitik ist zur Waffe im Kulturkampf geworden. Wie sollten Historiker:innen damit umgehen, wenn Daten und Narrative politisch instrumentalisiert werden? Gibt es institutionelle Gegenstrategien, um die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu sichern?

Feichtinger: Der aktuelle Fall zeigt, dass Historiker:innen keineswegs schweigen. Die American Historical Association und viele Einzelpersonen protestieren öffentlich. Ob das langfristig erfolgreich sein wird, bleibt offen. Aber der Widerstand ist sichtbar.

Radonić: Gleichzeitig gibt es auch Selbstzensur, um nicht ins Visier zu geraten. Zumindest ist das für viele eine vorübergehende Strategie. Allerdings wächst gerade eine Generation von Studierenden heran, die in diesem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand sozialisiert wird. Hoffentlich nehmen sie daraus vor allem die Erfahrung mit, dass Protest möglich ist. Gleichzeitig beobachten wir aber auch viel Anpassung und stilles Abwarten oder Mitmachen.

Feichtinger: Diese Selbstzensur betrifft auch Museen, etwa die Smithsonian Institution. Dort scheint man sich der Problematik allerdings bewusst zu sein und spricht öffentlich darüber. Das zeigt ein bemerkenswert reflektiertes Bewusstsein für die eigene Situation.

Die Achse autoritärer Staaten ist heute sehr mächtig.

Wie nehmen europäische Historiker:innen die geschichtspolitischen Entwicklungen in den USA wahr?

Radonić: Die Achse autoritärer Staaten ist heute sehr mächtig, während demokratische Modelle zunehmend unter Druck geraten. Autoritäre Tendenzen sehen wir in vielen europäischen Ländern. Es wäre daher ein Fehler, die Entwicklungen in den USA als rein amerikanisches Problem zu betrachten.

Anfang des vergangenen Jahres stand Österreich kurz vor einer ÖVP-FPÖ-Regierung. Welche geschichtspolitischen Folgen eine FPÖ-Regierungsbeteiligung gehabt hätte, lässt sich nur erahnen. Gleichzeitig war es eine wichtige Wende, dass PiS und Fidesz in Polen und Ungarn nicht mehr an der Macht sind. Allerdings hat ihre Politik bereits erheblichen Schaden angerichtet. Eingriffe in die Geschichtspolitik zählen oft zu den ersten Maßnahmen neuer Regierungen.

Feichtinger: Man darf aber nicht vergessen, dass Erinnerungspolitik nicht ausschließlich staatlich gesteuert wird. In den USA existieren neben den Nationalparks und Smithsonian-Museen zahlreiche unabhängige Initiativen, aber auch Erinnerungsprojekte auf der Ebene der Bundesstaaten. Ob Trump tatsächlich die Deutungshoheit über die amerikanische Geschichte erlangen kann, ist deshalb fraglich.

Konservativer Backlash gegen Bürgerrechtsbewegungen 

Wie tief reicht dieser Konflikt um Geschichte in den USA eigentlich zurück? Oder sind die aktuellen Auseinandersetzungen eine Folge der Trump-Ära?

Feichtinger: Der Wandel der US-amerikanischen Erinnerungskultur beruhte vor allem auf zwei Themenfeldern: der Versklavung afrikanischer Menschen und der Geschichte der Native Americans, ihrer Vertreibung und Ausrottung. Neben der Bürgerrechtsbewegung spielte auch der zunehmende Protest indigener Gruppen eine wichtige Rolle. Der erste Präsident, der sich ernsthaft damit auseinandersetzte, war George Bush senior. Nach Reagan kam es zu einem deutlichen Wandel, und die Geschichte der Native Americans wurde stärker in das öffentliche Gedächtnis integriert.

Davor spielte auch der Kalte Krieg eine wichtige Rolle. Die USA wollten sich als moralische Musternation präsentieren. In diesem Kontext hatten Verbrechen auf amerikanischem Boden wenig Platz im nationalen Selbstbild. Auch der „American Dream“ ist stark von dieser Epoche geprägt. Die Skepsis gegenüber indigenen Rechten hängt vermutlich auch damit zusammen, dass indigene Gemeinschaften reale Ansprüche auf Land und Selbstverwaltung geltend machen. Gerade dieser Anspruch bleibt für viele unbequem.

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass viele seiner Anhänger diese Politik übernehmen. Dadurch wird aus einem persönlichen Projekt eine breite politische Bewegung.

Radonić: Was wir derzeit erleben, ist kein bloßer konservativer Schwenk, sondern ein massiver Backlash, verbunden mit einem autoritären Versuch, stolze, ausschließlich positive Geschichtsbilder politisch durchzusetzen. Das ist sehr spezifisch für Trump. Man sollte das nicht als normale Pendelbewegung des politischen Zeitgeists betrachten, sondern als echten Einschnitt.

Das Problem ist nicht der Konservativismus an sich. Trump ist eine eigene Kategorie – und eine gefährliche. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass viele seiner Anhänger diese Politik übernehmen. Dadurch wird aus einem persönlichen Projekt eine breite politische Bewegung.

 

 

Weitere Informationen

Johannes Feichtinger ist Historiker und Direktor des Instituts für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seit 2015 korrespondierendes Mitglied der ÖAW. Gastprofessuren an der Universität Wien und an der University of Arkansas (USA); Research-Fellow am IFK (Wien) und am Wittgenstein Archive Cambridge (UK). Globale und regionale Wissenschaftsgeschichte ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. 

Ljiljana Radonić ist Politologin, Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW und stellvertretende Direktorin des Instituts für Kulturwissenschaften der ÖAW. Sie studierte Politikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen und Dolmetschen (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Englisch) an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Erinnerungspolitik und museale Repräsentation von Genozid und Krieg.