In den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends u. Z. verfassten buddhistische Autoren auf dem tibetischen Hochland historische Erzählungen, die eine enorme kulturelle Dauerwirkung entfalten sollten. Diese grundlegenden tibetisch-buddhistischen Mythen entwarfen ein glanzvolles Bild einer gemeinsamen tibetischen religiösen und politischen Vergangenheit, angesiedelt in der Zeit vor und während des Tibetischen Kaiserreiches (ca. 600–850 u. Z.). Diese Erzählungen, die sich um Tibets Schutzgottheit Avalokiteśvara und den Kaiser Songtsen den Weisen (gest. 649/50, tib. Srong btsan sgam po) drehen, prägten die kulturelle, religiöse und politische Landschaft des tibetischen Hochlands nachhaltig – und fanden weit über das tibetische Hochland hinaus Widerhall. Einflussreiche Vorstellungen buddhistischer Königsherrschaft (die sich später auch die Dalai Lamas sowie ein mongolischer Khan zunutze machten) haben diesen frühen Werken viel zu verdanken, ebenso wie die Idee, Tibet sei ein vorbestimmt Buddhistisches Land mit einem besonderen Verhältnis zum Bodhisattva Avalokiteśvara, sowie auch Erzählungen über den Ursprung des tibetischen Volkes und vieles mehr.

Diese narrative Literatur und die damit verbundenen Traditionen sind am IKGA Gegenstand kontinuierlicher Forschung. Derzeit werden diese Forschungen im Rahmen des von dem ERC geförderten Projekts „The Narrative Foundations of Tibetan Buddhist Culture“ (FOUNT, 2026–2031) sowie des FWF-Exzellenzclusters „EurAsian Transformations“ betrieben. Dieses Forschungsfeld ging aus einem früheren Schwerpunkt auf Herkunftserzählungen hervor, der im Rahmen der FWF-geförderten Projekte „Visions of Community“ (2011–2019) und „Buddhist Narratives and ‘Tibetan’ Ethnogenesis“ (2021–2025) verfolgt wurde.

Ausgewählte Publikationen

Reinier Langelaar and Joanna Bialek, 2025a. “Translating ‘Tibet’: The Geographic Extent of Bod in Tibetan Historiographies.” In: Journal of the Royal Asiatic Society 35(3): 539–59.https://doi.org/10.1017/S1356186325000069 

Tsering Drongshar and Reinier Langelaar, 2025b. “Bod mi rigs ’byung khungs kyi gtam rgyud ’phel rim skor la zhib ’jug byas pa” [in Tibetan: “Research on the Development of an Origin Narrative of the Tibetan People”]. In: Chos dung dkar po/ Sa skya’i rtsom rig dus deb 18: 17–28. DOI: 10.5281/zenodo.19065696

Reinier Langelaar, 2024a. “Replacing a Pillar of Tibetan Buddhist Historiography: On the Redactions of the So-called Pillar Testament (bKa'-chems-ka-khol-ma).” In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies 87(3): 489–517. https://doi.org/10.1017/S0041977X24000363

Reinier Langelaar, 2024b. “Avalokiteśvara in Dunhuang and Tibet: The Development of the Bodhisattva’s Tibetan Cult (with a Study of the History of the Ma ṇi bka’ ’bum).” BuddhistRoad 7.4: 1–57. https://doi.org/10.46586/rub.br.326

Reinier Langelaar, 2018. “Chasing the Colours of the Rainbow: Tibetan Ethnogenealogies in Flux.” In: The Medieval History Journal, vol 21(2): 328–64. https://doi.org/10.1177/0971945818775455