Jubliäumsfonds: Geförderte Projekte 2025

Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die ÖAW

Ausschreibung 2025 „Wien als Forschungsstandort“: Geförderte Projekte

JF_2025-02_CEST_LA_VIE „Digital Humanism in 21st Century Life Sciences Academia in Vienna“

Projektleitung: Karen Kastenhofer (Institut für Technikfolgen-Abschätzung - ITA, ÖAW)

Fördersumme: 78.031,00 €

Kurzbeschreibung: Digitale Technologien haben mittlerweile jeden Bereich unseres Lebens und jedes gesellschaftliche Handlungsfeld durchdrungen. Immer neue digitale Innovationen gestalten mit, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten und wie wir unsere Welt begreifen. Aber wer gestaltet dabei die digitalen Technologien? Welche Ziele, Werte und Ambitionen liegen dieser folgenreichen Technikgestaltung zugrunde? 

Das Wiener Manifest zum digitalen Humanismus widmet sich dieser wichtigen Leerstelle: wo digitale Technik unsere Gesellschaft maßgeblich mitgestaltet, müssen wir in der Gestaltung ebendieser so folgenreichen Technik besonders bedachtsam vorgehen. Führende Technik- und Ethik-Expert*innen rufen dazu auf, „humanistische Ideale mit einer kritischen Reflexion des technischen Fortschritts zu kombinieren“. Das bedeutet anzuerkennen, dass Design und Einsatz digitaler Technologien nicht wertneutral sind, und stellt uns vor die Herausforderung sie so zu gestalten, dass sie humanistische Grundwerte wie Mitbestimmung und Inklusion, Gerechtigkeit und Transparenz, Privatsphäre und Redefreiheit, Selbstwirksamkeit und Verantwortlichkeit fördern anstatt sie zu schwächen. Gerade die Wissenschaften sehen die Autor*innen des Manifests hier in einer besonderen Verantwortung.

Nun wird man hier vorerst an die technischen Wissenschaften als Orte, an denen digitale Technologien maßgeblich gestaltet werden, denken und an klassisch humanistische Disziplinen, wie etwa Philosophie und Ethik. Die Stadt Wien etabliert sich allerdings seit einigen Jahren auch als international anerkannter Cluster lebenswissenschaftlicher Forschung. Auch dieser Forschungsbereich wird maßgeblich durch digitale Innovationen geprägt und prägt diese selbst mit. Was sind aber die Merkmale und Anforderungen einer humanistischen Perspektive auf digitale Technologien im lebenswissenschaftlichen Kontext?

Das vorliegende Projekt untersucht, welche humanistisch orientierten Ansätze, Paradigmen und Praktiken in den Wiener Lebenswissenschaften bereits etabliert sind. Es fragt, wo es noch Bedarf an der (Weiter-)Entwicklung humanistischer Ansätze gibt und wie die Etablierung, Stärkung und Sichtbarmachung solcher Ansätze innerhalb lebenswissenschaftlicher Forschungsgemeinschaften und an lebenswissenschaftlichen Forschungsinstitutionen in Forschung, Lehre und Außenkommunikation unterstützt werden kann. Ziel ist es, lebenswissenschaftliche Forschung und Digitalen Humanismus als zwei wesentliche Leitwerte des Wiener Forschungsstandortes miteinander produktiv zu kombinieren.

 

JF_2025-13_VPYRC „Vienna as Post-Yugoslav Research City: Tracing Historical Entanglements, Understanding Lived Experience of Migrant Knowledge Production“

Projektleitung: Jill Pope (Institut für Stadt- und Regionalforschung, ÖAW)

Fördersumme: 70.928,00 €

Kurzbeschreibung: Dieses anthropologische Projekt untersucht Wiens historische und gegenwärtige Rolle als postjugoslawisches Forschungszentrum (Tyll-Schranz 2023; Živadinović 2022). Es fragt: Wie wurde Wien zu einem Knotenpunkt für postjugoslawische Forschung, und wie erlebt die akademische Gemeinschaft die Stadt – emotional und materiell?

Der erste Teil verfolgt die historischen Entwicklungen, die Wien zu diesem Zentrum gemacht haben. Der zweite Teil nutzt ethnografische Methoden wie Interviews, teilnehmende Beobachtung und Workshops, um die Erfahrungen von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen zu erforschen, die zur postjugoslawischen Region arbeiten. Die Bedeutung dieser Gemeinschaft zeigt sich in Institutionen, informellen Netzwerken, Konferenzen und Forschungsgruppen zum postjugoslawischen und Balkanraum.

Das Projekt schließt eine Forschungslücke in Stadtanthropologie, Migrations- und Hochschulforschung. Während Wiens Rolle als Zentrum der Balkan-, Südosteuropa- oder Slawistik-Studien anerkannt wird (Mishkova 2017), bleibt die akademische postjugoslawische Gemeinschaft oft unbeachtet. Obwohl Forschung zu Migrant*innen in Wien existiert, wird ihre Rolle in der Wissensproduktion selten thematisiert (Fischer-Nebmaier 2007; Tyll-Schranz 2023; Mijić 2020; Živadinović 2022).

Das Projekt zeigt, wie postjugoslawische Forschung Wiens intellektuelle Landschaft bereichert. Es verfolgt einen „Post-Migrations“-Ansatz, der Migration als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Realität betrachtet (Dahinden 2016). Die transnationalen Verflechtungen zwischen Wien und dem jugoslawischen Raum werden als Wissensnetzwerke verstanden, die gängige Ost/West- und Zentrum/Peripherie-Dichotomien hinterfragen (Vezenkov 2017). Dies hat besondere Relevanz für Narrative der Europäisierung in der Region.

Die Anerkennung migrantischer Wissenschaftler*innen hat zudem eine politische Bedeutung, insbesondere angesichts migrationskritischer Diskurse. Das Projekt liefert der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Stadt Wien wertvolle Einblicke in die postjugoslawische akademische Gemeinschaft und Empfehlungen zur Förderung dieses zentralen Bereichs der Wissensökonomie.