ESS24-01 - Managing the transition to ice free Alps (IceMatters4All)

Andrea Fischer – ÖAW – Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung

Gletscher in den Ostalpen erleben ihre letzten Tage viel schneller, als noch vor einigen Jahren berechnet wurde. Die neuesten Modellierungsergebnisse zeigen, dass etwa 30 % der Gletscher im Stubai- und Ötztal-Alpen bis 2030 verschwunden sein werden. Selbst wenn man alle Unsicherheiten berücksichtigt, weist dieses Ergebnis eindeutig darauf hin, dass eine sofortige Vorbereitung auf eine eisfreie Zukunft in den Alpen eine dringende Notwendigkeit ist – auch wenn es bis Mitte des Jahrhunderts dauern kann, bis ein Großteil der heutigen Gletscherflächen verloren geht. Dieser Gletscherschwund ist ein sehr sichtbarer und klarer Kipppunkt unter mehreren globalen und lokalen - und der erste, den wir erreicht haben. Daher müssen wir das kurze Zeitfenster nutzen, das uns für die Anpassung an den Klimawandel und die Etablierung der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Gesellschaft und Interessengruppen bleibt.

Die Umsetzung potenzieller legislativer, technischer, infrastruktureller, gesellschaftlicher und kultureller Anpassungsmaßnahmen erfordert wissensbasierte Diskussionen und Entscheidungen.

Bisher weisen disziplinäre Studien darauf hin, dass die neuen eisfreien Gebiete unterschiedliche hydrologische Eigenschaften aufweisen, potenziell instabil und von Felsstürzen und Murgängen bedroht sind. Die neuen Gebiete werden von Ökosystemen zurückerobert, wobei die Biodiversität und das Tempo für die Situation in den Lebensräumen entscheidend wichtig sind. Die Stakeholder stehen vor der Herausforderung, sich an unbekannte zukünftige Bedingungen anzupassen. Zum Beispiel zielt der Naturschutz auf den Gletscher- und Schutz, verliert jedoch sein Objekt. Es ist offen, wie weiter verfahren werden soll. Die Diskussion muss auf den potenziellen Ergebnissen der verschiedenen Anpassungsstrategien basieren: Schutz des ehemaligen Gletschergebietes ohne Eis oder Schutz der neuen Landschaften. Weitere Beispiele sind ein geänderter Bedarf an technischen Maßnahmen zum Schutz der Infrastruktur vor neuen Naturgefahren.

Wir nutzen im Projekt unsere langfristigen Messstandorte/Living Labs, die LTER-Standorte Jamtalferner, Kaunertal, Hohe Tauern und Dachstein, als Grundlage für umfassende Untersuchungen von Veränderungen, potenziellen Problemen und Lösungen. Langfristige Daten und Messnetzwerke umfassen Gletschermassenbilanz, Gletscherflächen, Flusshydrologie und -ökologie, Biodiversität und Geomorphologie einschließlich Permafrostforschung. Diese langfristigen Messungen tragen zu den internationalen Netzwerken wie LTER, WMO Global Cryosphere Watch (GCW) und der Global Permafrost Watch (GPW, in Antragsphase) sowie dem World Glacier Monitoring Service WGMS mit den Datenportalen GTN-G und GTN-P bei. Innerhalb dieser Studienstandorte hat die Zusammenarbeit mit Interessengruppen eine lange Tradition. Der Nexus zwischen Wissenschaft und der Öffentlichkeit profitiert von der Zusammenarbeit mit dem Museum Alpinarium und einer engen Verbindung zu Besucherprogrammen an allen Standorten.

In diesem Projekt werden wir die enge Verbindung zwischen der Vegetationsentwicklung in Proglazialgebieten, geomorphologischen Prozessen, Hydrologie, Klima und menschlichen Einflüssen analysieren. Die Analyse von Vegetation und auch der Landschaftsentwicklung in einem interdisziplinären Ansatz ist entscheidend, um Vorhersagen über die zukünftige Entwicklung treffen zu können. Wissenschaftliche Einblicke in völlig neue Prozesse, die durch den extrem schnellen Klimawandel ausgelöst werden, sind notwendig, um lokale Anpassungsstrategien zu entwickeln. Dazu benötigen wir nicht nur neue wissenschaftliche Ergebnisse, sondern vor allem die Sensibilitäten, Verwundbarkeiten und Handlungsoptionen der lokalen Gemeinden. Die Gemeinde Galtür, der Hydrographische Dienst des Landes Tirol und der Nationalpark Hohe Tauern werden zu zwei Stakeholder-Workshops eingeladen. Dabei werden die Fragen und Bedürfnisse der Interessengruppen in den Forschungsfragen und Ergebnissen (erster Workshop) reflektiert und potenzieller Lösungen im Lichte der wissenschaftlichen Fakten und der möglichen Konsequenzen Diskutiert (zweiter Workshop).

Andrea Fischer als PI verfügt über mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Schaffung von Wissen über hochalpine Systeme zusammen mit lokalen Interessengruppen. Ihre Hauptforschungsgebiete sind Glaziologie und Permafrost. Sie wurde 2013 als Österreicherin des Jahres in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet, 2023 zur Wissenschaftlerin des Jahres gekürt und 2024 zur Tirolerin des Jahres gewählt. Die PostDoc Katharina Ramskogler ist Expertin für Vegetationsökologie von Gletscher-Vorgelände. Andreas Haller als Regionalgeograf trägt einen breiteren Blick auf den Kontext von Landschaft und menschlicher Aktivität bei. Martin Stocker-Waldhuber leistet technische und wissenschaftliche Unterstützung, und die Doktorandin Giulia Bertolotti entwickelt ihre vorherigen Studien zum Thema Permafrost an den Studienstandorten weiter. Die Bachelor-Studentin Svenja Conzelmann unterstützt das Team und trägt zu Messungen, Analysen und Veröffentlichungen bei.

ESS24-04 - Water availability and use in a deglaciated Ötztal: A co-creative development of a common vision for the future (CoWaVis)

Jutta Kister – Universität Innsbruck

Klimaveränderungen gefährden die menschlichen Lebensgrundlagen auf der ganzen Welt, wobei Gebirgsregionen als Hotspots des Wandels gelten, die besonders empfindlich auf steigende Temperaturen reagieren. Starke kryosphärische Veränderungen, v.a. abnehmende Schneedecken und das Verschwinden der Gletscher, werden die alpine Landschaft umgestalten. Hochgebirgs- Einzugsgebiete sind jedoch ein wichtiger Wasserursprung und versorgen die Flüsse, die die Lebensadern der Alpentäler und darüber hinaus bilden, mit überproportionalen Abflussmengen. Als Folge des Klimawandels werden sich die Wasserverfügbarkeit und die jahreszeitliche Verteilung des Wassers verändern, was wiederum Auswirkungen auf die Bergökosysteme sowie auf die Lebensgrundlagen der Talbewohner mit deren Aktivitäten wie Landwirtschaft, Tourismus und Energieerzeugung aus Wasserkraft haben wird.

Ein Gebiet von besonderer Bedeutung, das stark von hydroklimatischen Veränderungen betroffen ist, ist der Alpenhauptkamm. Er ist durch sehr starke topografische und klimatologische Gradienten gekennzeichnet, die zu einer vielfältigen und multifunktionalen Landschaft führen. Bergwald- und Graslandökosysteme befinden sich neben Skigebieten, die Wasser für die technische Beschneiung benötigen, sowie Wasserkraftanlagen für die Stromerzeugung, und bewässerten Wiesen. Die laufenden und prognostizierten Veränderungen erfordern eine Identifikation der wasserbezogenen Konflikte, eine gemeinsame Suche nach potenziellen Lösungen und eine ko-kreative Entwicklung einer gemeinsamen Vision für die Zukunft.

Im vorgeschlagenen Projekt CoWaVis wollen wir bestehende wasserbezogene Konflikte identifizieren, zukünftige hydroklimatische Veränderungen untersuchen, sich daraus ergebende künftige Konfliktlinien antizipieren, Wege zu möglichen Lösungen und zur Transformation aufzeigen und miteinander eine gemeinsame Vision für die Zukunft entwickeln, welche den Wasserbedarf aller Beteiligten gerecht berücksichtigt. Ein interdisziplinäres Team von Umwelt- und Sozialwissenschaftler:innen wird das erforderliche Fachwissen mitbringen, um neueste Klimaszenarien zu analysieren, hochauflösende schneehydrologische Modellsimulationen durchzuführen, den wasserbezogenen Bedarf der lokalen Interessengruppen zu identifizieren und zu bewerten sowie empirische Hinweise für die Zukunftsvorstellungen rund um die Wassernutzung zu sammeln. Dazu werden evidenzbasierte Visualisierungen der durch hydrologische und sozialwissenschaftliche Methoden gewonnenen Daten entwickelt. Transdisziplinäres Wissen wird generiert und ein ko-kreativer Prozess zur Konfliktidentifikation und -lösung etabliert. Dabei wird ein eher radikaler Zielzustand - ein in der Zukunft entgletschertes Untersuchungsgebiet - als Impuls für die Zukunft angenommen, der dann einen Raum für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen eröffnet.

Die Projektregion ist das Ötztal, ein etwa 65 km langes alpines Tal in Tirol (Österreich). Das Ötztal entspringt am Alpenhauptkamm und derzeit befinden sich im oberen Teil des Tals – noch – zahlreiche große Gletscher. Auf den ersten Blick scheint das Ötztal mit Wasser im Überfluss gesegnet zu sein. Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch die für ein solches inneralpines Trockengebiet typischen vergleichsweise geringen Niederschlagsmengen. Daher besteht schon seit langem ein Nutzungsdruck auf die verfügbaren Wasserressourcen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Druck in Zukunft aufgrund von Veränderungen in der Wasserverfügbarkeit zunehmen wird. Im Einklang mit den Zielen der Agenda 2030 ist eine vorausschauende Herangehensweise an Fragen der Bedarfsanerkennung und Verteilung erforderlich, um eine Zuspitzung von Konflikten zu vermeiden und den Menschen weiterhin ein friedliches Zusammenleben mit hoher Lebensqualität zu ermöglichen. Das Ötztal befindet sich zudem in der sozial-ökologischen Langzeitforschungsplattform (LTSER) „Tiroler Alpen“. Die vorhandene Forschungsinfrastruktur und Wissensbasis bildet einen idealen Ausgangspunkt für die ko- kreative Entwicklung einer umweltfreundlichen, gerechten und nachhaltigen gemeinsamen Vision für die Wassernutzung in der Zukunft.

Das Projekt CoWaVis wird empirische Daten zur Wasserverfügbarkeit und -nutzung sowie zu wasserbezogenen Konflikten in einem zukünftig gletscherfreien Ötztal liefern. Durch die Arbeit mit innovativen partizipativen Gruppenmethoden, welche Visualisierungen der Wasserzukunft verwenden, ermöglichen und erleichtern wir einen Prozess der Mitgestaltung für eine gemeinsame Vision der Wassernutzung im Ötztal. Das gemeinsam geschaffene Wissen, das das Hauptergebnis des Projekts darstellt, wird in einer für lokale Interessenvertreter:innen und Forscher:innen zugänglichen Weise zusammengestellt und unterstützt langfristige Auswirkungen durch den Aufbau von Kapazitäten bei Interessenvertreter:innen, einschließlich der politischen Entscheidungsträger:innen.

ESS24-05 - Navigating the land use trilemma: Transformative regional solutions for sustainable land management in the face of climate change, biodiversity loss, and food production (TriLand)

Christa Hainz-Renetzeder –Universität für Bodenkultur Wien

Nachhaltige Landnutzung spielt eine Schlüsselrolle für den Klimaschutz, den Erhalt der Biodiversität und die landwirtschaftliche Produktion. Jede dieser Herausforderungen kann aber scheinbar nur auf Kosten der jeweils anderen bewältigt werden, weshalb der Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) vom „Landnutzungs-Trilemma“ spricht. Politische Maßnahmen adressieren hingegen häufig nur einzelne Herausforderungen. So soll etwa im Rahmen der österreichischen PV-Strategie (BMK 2024a) die Photovoltaik bis 2030 um 11 TWh ausgebaut werden. Die damit verbundene Zunahme an Freiflächen-Photovoltaik kann sich aber negativ auf die Biodiversität und die landwirtschaftliche Produktion auswirken. Auf anderer Ebene soll mit der Europäischen Wiederherstellungsverordnung (NRL) die Biodiversität gefördert werden, was eine Reduktion der für die Landwirtschaft verfügbaren Fläche erfordert. Strategien zur Minimierung von Zielkonflikten innerhalb des Landnutzungstrilemmas und anderer Ökosystemleistungen erfordern daher einen integrativen Ansatz, ebenso wie kollaborative Prozesse, die relevante Interessengruppen auf verschiedenen Ebenen einbinden.

Das Hauptziel von TriLand ist es, kollaborative regionale Lösungen für das Landnutzungstrilemma zu entwickeln. Aus der Sicht der Landschafts-Governance und -planung zielt TriLand dabei auf folgendes ab, (i) Lösungen für eine nachhaltige Landnutzung zu entwickeln, (ii) die Perspektiven der Interessengruppen zu berücksichtigen und Hindernisse und Hebel für deren Umsetzung zu ermitteln, (iii) transformative Veränderungen durch innovative politische Instrumente zu fördern, insbesondere in alpinen Grünlandregionen, und (iv) durch innovative Co-Design-Methoden die Konsens- und Bewusstseinsbildung unter verschiedenen Interessengruppen zu fördern.

Um diese Ziele zu erreichen, wird ein umfassender transdisziplinärer Ansatz umgesetzt, der Methoden wie Modellierung, GIS, Walking Interviews, Visualisierung und Serious Gaming kombiniert. Als Fallstudienregionen (CS) werden die Biosphärenparks Wienerwald und Lungau untersucht. Aufgrund ihrer Rolle in der nachhaltigen regionalen Entwicklung gehören zu den Interessengruppen nationale (z. B. Bundesministerien, Umwelt-NGOs) und regionale Vertreter, die in den CS involviert sind: (1) Landwirt:innen und -besitzer:innen, die Entscheidungen über ihr Land und dessen Bewirtschaftung treffen; (2) Bürgermeister:innen und Biosphärenparkmanager:innen in ihrer Rolle als Mediatoren; und (3) Abteilungen der Landesregierungen, die den Klima- und Biodiversitätsschutz sowie die Ziele der landwirtschaftlichen Produktion auf regionaler Ebene durchsetzen.

Der erste Schritt von TriLand besteht darin, wissenschaftlich fundierte, landnutzungsbezogene Indikatoren zu ermitteln, um die drei Eckpunkte des Trilemmas zu beschreiben und ihre Anwendbarkeit in der CS zu bewerten. Der td-Ansatz von TriLand beinhaltet „consulting td“-Ansätze, bei denen nationale und regionale Interessengruppen auf Zwischenergebnisse (z. B. indikatorbasierte Biodiversitäts- und Landnutzungsergebnisse in der CS) reagieren, sowie „participatory td“, bei dem sie vollständig in die Wissensproduktion eingebunden sind. Die NRL- und österreichischen Klimaziele werden in einem expertenbasierten Prozess, der von einer nationalen Interessengruppe bewertet wird, auf die regionale Ebene heruntergebrochen. In einem Co-Creation-Prozess (Interviews, Landscape.Lab, Workshops mit regionalen Interessengruppen), werden erforderliche Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und zur Eindämmung des Klimawandels ermittelt und in jeder CS räumlich verortet. Diese Maßnahmen werden in das bioökonomische landwirtschaftliche Modell FAMOS integriert, das Zielkonflikte oder Synergien zwischen den Einkommen der Landwirte, der Biodiversität und dem Klimaschutz ermittelt. Auf der Grundlage der Modellergebnisse werden gemeinsam mit regionalen Interessengruppen geeignete Instrumente zur Umsetzung dieser Maßnahmen entwickelt. Serious Gameplay über das Landscape.Lab bildet eine kollaborative Lernumgebung, um Diskussionen und Kooperationen zwischen regionalen Interessengruppen zu fördern und dabei zu helfen, die vorgeschlagenen Maßnahmen mit landwirtschaftlichen Maßnahmen zu verstehen.

TriLand liefert mit einem systemischen Ansatz neue Erkenntnisse über die Skalierung internationaler Klima- und Biodiversitätsziele und die Kompromisse und Synergien zwischen den drei Aspekten des Landnutzungstrilemmas unter Berücksichtigung der Perspektiven nationaler und regionaler Interessengruppen. TriLand entwickelt politische Instrumente zur Erreichung der Ziele des Biodiversitäts- und Klimaschutzes. Die kollaborative Lernumgebung bietet neue Erkenntnisse über die Bedeutung der gemeinsamen Gestaltung für die Konsensbildung im Landnutzungstrilemma und ermöglicht die methodische Weiterentwicklung von FAMOS und dem Landscape.Lab.

ESS24-07 - Deadwood in mountain forests: Ecosystem functions and services, their assessment, valution and communication (DIMF)

Clemens Geitner – Universität Innsbruck

Wälder haben vielfaltige Funktionen und bieten der Gesellschaft zahlreiche Waldökosystemleistungen (FES). Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels lenken die Aufmerksamkeit der Politik und der Öffentlichkeit auf Walder und ihre Fähigkeit Kohlenstoff zu binden. Hinsichtlich der Bewirtschaftung von Wäldern und der Intensität der Holzernte gibt es allerdings unterschiedliche Ansichten. Ein Thema, das in diesem Zusammenhang viel diskutiert wird, ist der Umgang mit Totholz. Totholz erfüllt viele Funktionen in Waldökosystemen: Es ist wichtig für die Verjüngung des Waldes, die Speicherung von Kohlenstoff, Nährstoffen und Wasser, den Schutz vor Naturgefahren und bietet Lebensraum für viele Arten. Außerdem verbessert Totholz die Waldstruktur und erhöht die Resilienz. Für die Waldbewirtschafter stehen all diese Funktionen oft in Konflikt mit ökonomischen Interessen. Auf gesellschaftlicher Ebene stehen die Stärkung von FES durch Totholz in Konflikt mit der Erzeugung grüner Energie sowie der Herstellung von Holzprodukten.

Der Umgang mit Totholz und Wäldern, welche von Störungsereignissen betroffen sind, ist auch in der Region Wilder Kaiser in Tirol (Osterreich) ein sehr aktuelles Thema. Ein massiver Hagelsturm mit golfballgroßen Hagelkörnern beschädigte im Juni 2024 ca. 1.500 ha Wald. Laut der Bezirksforstverwaltung Kufstein wird die erhöhte Baummortalitat in den nächsten Jahren zu einer Zunahme an Totholz in den Wäldern fuhren. Die Aufarbeitung der Störungsflächen und das Totholz in den Wäldern wird die Landschaft erheblich verändern und sowohl die Anwohner als auch die Tourismusbranche betreffen. Wie andere Regionen in den Alpen ist auch die Region Wilder Kaiser mit den Folgen von großflächigen Störungen und den damit verbundenen Herausforderungen konfrontiert. Dies bietet die Möglichkeit, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie die Gesellschaft mit künftigen Störungen wirksamer umgehen kann. Ein umsichtiger Umgang mit der aktuellen Situation kann die Stabilität und Resilienz künftiger Walder fordern und dadurch die Resilienz der gesamten Region starken. Darüber hinaus bietet die derzeitige Situation die Gelegenheit, die Multifunktionalität von Totholz in Waldökosystemen differenzierter zu untersuchen. Dadurch sollen Kenntnisse gewonnen werden, welche einerseits die Bewältigung künftiger Störungen und andererseits die Bewirtschaftung von Wäldern im Allgemeinen verbessert.

Die zentralen Ziele des Projekts sind daher:

(1)       Um die Auswirkungen von Totholz auf Waldboden und den Einfluss auf die Kohlenstoffspeicherung zu untersuchen, werden in-situ-Proben des gelosten organischen Kohlenstoffs (DOC) und Bodenproben geworben sowie Laboranalysen durchgeführt.

(2)       Um die Einflüsse von Dürren auf die hydrologischen Eigenschaften von Totholz und deren Auswirkungen auf die Verjüngung zu untersuchen, werden Regensimulationen durchgeführt. Dabei werden Starkregenereignisse vor und nach einer künstlich verursachten Dürre simuliert. Außerdem werden Feuchtesensoren installiert, um Veränderungen im Boden und Totholz festzustellen.

(3)       Um die Interessen und Eigenschaften von Stakeholdern, ihre Nachfrage und ihre Werte in Bezug auf totholzbezogene Waldökosystemleistungen (FES) sowie die damit verbundenen Institutionen und Governancearrangements zu bewerten, werden empirische Oaten mittels Literatur- und Dokumentenanalyse, leitfadengestützte Interviews, einer quantitativen Befragung und Workshops gesammelt.

(4)       Zur Bewusstseinsbildung und Wissensvermittlung von totholzbezogenen Themen an verschiedene gesellschaftliche Gruppen in der Region Wilder Kaiser sind inter- und transdisziplinare Aktivitäten geplant. Die Aktivitäten werden in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Partnern organisiert und durchgeführt.

Das Projekt basiert auf der intensiven Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen und anderen Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen, vor allem Bodenkunde, Hydrologie, Waldökologie, Ökologische und Institutionenökonomie und Umweltpolitik. Lokale Schlüsselakteure, darunter Vertreter der Gemeinden Schwoich, Söll, Scheffau und Ellmau, der Bezirksforstverwaltung Kufstein, der KLAR!-Managerin der Region und Vertreter*innen des Tourismussektors wurden bereits in den Entwicklungsprozess dieses Projektvorschlags einbezogen und haben sich bereiterklärt als Praxispartner am Projekt mitzuarbeiten.

Die Ergebnisse der Forschung, Kooperation und Kommunikation haben das Potenzial, die Bewirtschaftung von Wäldern unter den Bedingungen des Klimawandels nachhaltiger zu verändern und diese Erfahrungen auf andere Gebiete zu übertragen.

ESS24-14 - Impacts, Trade-offs and options: Land user decisions in forestry under climate pressure in the alpine Austrian LTSER Regions (IOLU)

Claudine Caroline Egger – Universität für Bodenkultur Wien

IOLU zielt darauf ab, den Handlungsspielraum für Landnutzungsentscheidungen unter Klimawandel zu analysieren und sowohl direkte als auch indirekte, durch Landnutzung vermittelte Auswirkungen eines sich verändernden Klimas auf wald-dominierte Landnutzungssysteme zu bewerten. Anthropogener Klimawandel stellt eine erhebliche Bedrohung für die empfindlichen Ökosysteme in Bergregionen dar. Neben der Klimaerwärmung mit steigenden Durchschnittstemperaturen haben Extremwetterereignisse schwerwiegende Auswirkungen auf montane Landnutzungssysteme. Sich verschiebende Niederschlagsmuster führen zu längeren und häufigeren Dürreperioden, wodurch Wälder anfälliger für Krankheiten, Schädlingsbefall, Waldbrände und Sturmschäden werden. Extremereignisse werden voraussichtlich an Intensität und Häufigkeit noch zunehmen, was einerseits Wälder durch starke Winde, Regenfälle und Erdrutsche schädigt und andererseits auch die Ausbreitung von Waldbränden erleichtert. Neben dem Klimawandel haben aber auch sozio-ökonomische Veränderungen einen starken Einfluss auf die Landnutzer in Bergregionen. Der Rentabilitätsdruck und der Mangel an willigen Hofnachfolgern wirken sich seit langem auf land- und forstwirtschaftliche Flächen aus, gerade die Aufgabe von Grenzertragsflächen im Grünland ist ein starker Treiber für die Ausbreitung von Wäldern. Während sich die Forschung oft entweder auf die Auswirkungen von Klimawandel oder sozio-ökonomischen Wandel auf Forst- oder Landwirtschaft konzentriert hat, stand die integrierte Betrachtung von Landnutzungsdynamiken als Ergebnis sich ändernder Entscheidungsoptionen von Landnutzern in wald-dominierten Gebieten selten im Fokus.

Das Projekt hat das Ziel, die vielfältigen Auswirkungen sozial-ökologischer Veränderungen auf die Entscheidungsfindung von Landnutzern in zwei alpinen Studienregionen in Österreich zu untersuchen. Ziele des Projekts sind a) eine umfassende sozial-ökologische Analyse über die aktuellen Landnutzungsstrukturen zu bieten, b) zukünftige Landnutzungsentwicklungspfade zu modellieren, c) mit Hilfe einer systematischen Szenarioanalyse Herausforderungen aufzuzeigen, sowie d) die Unterschiede zwischen den Studienregionen herauszuarbeiten, um davon erfolgreiche Landnutzungsstrategien zu identifizieren, die  Regionen zu unterstützen, voneinander zu lernen und die Erkenntnisse aus den Studienregionen auf höheren Skalenebenen (Länder und Bund) zu interpretieren

Um dieses Ziel zu erreichen, verwendet IOLU einen transdisziplinären Ansatz, der drei Hauptkomponenten integriert. Als erstes werden in einem Datenerfassungsprozess quantitative und räumliche Datensätze, Klimaprojektionen und qualitative Daten verbunden, um aktuelle Landnutzungsstrukturen zu erfassen. Zweitens wird ein bestehendes agentenbasiertes Modell (SECLAND ABM) adaptiert, sodass es forst- und landwirtschaftliche Agenten sowie deren Entscheidungsprozesse abbilden kann. Drittens dient ein Stakeholder-Prozess dazu, regionale Besonderheiten in der Modellierung, sowie dem Design und der Analyse der Szenarien zu berücksichtigen, um so relevante und für Stakeholder leicht zugängliche Ergebnisse zu erhalten. Eisenwurzen Plattform) und die andere in den hochalpinen Zentralalpen (LTSER Tiroler Alpen Plattform) in Österreich. Die Arbeit in den Studienregionen ermöglicht es, diverse natürliche und sozio-ökonomische Gegebenheiten sowie heterogene Stakeholder-Gruppen in den Analysen zu berücksichtigen. Die relevantesten Akteure sind Landbesitzer wie Forstwirte und forstwirtschaftliche Institutionen (z.B. Nationalparks, Bundesforste, Bundesländer), die ihre Entscheidungen basierend auf sozial-ökologischen Rahmenbedingungen (z.B. Preise, Subventionen, Klimawandeleffekte) und intrinsischen Präferenzen treffen, die sich im Laufe der Zeit verändern können.

Im Projekt kommen die Vorteile von agentenbasierten Modellen (ABMs) in der Landnutzungsmodellierung zum Tragen, da sie aggregierte Ergebnisse aus individuellen Entscheidungen verschiedener Landnutzer simulieren und hoch aufgelöste Landnutzungsveränderungen abbilden können. Zudem eignen sich ABMs besonders gut, um in partizipativen Prozessen als Kommunikationstool angewendet und gemeinsam mit Stakeholdern entwickelt zu werden.

Ergebnisse des ABM sind für unterschiedliche Szenarien räumlich explizite Landnutzungskarten mit jährlicher Auflösung. Diese dienen als Input für die vergleichende Szenarioanalyse, mit welcher der zukünftige Handlungsspielraum evaluiert wird. Dabei sollen sowohl die individuellen als auch kombinierten Auswirkungen sozioökonomischer und klimatischer Veränderungen auf regionale Landnutzungssysteme bewertet werden. Ein transdisziplinärer Prozess begleitet alle Phasen des Projekts. Dadurch wird einerseits regionales Expertenwissen verankert und andererseits Stakeholder bei der Identifizierung von Landnutzungsstrategien zur Unterstützung regionaler Resilienz unterstützt.

ESS24-16 - Gesäuse in the flow: Sustainable protection and restoration of natural processes (SustainGesause)

Peter Flödl – Universität für Bodenkultur Wien

Der alpine Raum zählt in Österreich zu den am wenigsten erschlossenen Gebieten. Dieser geringe Erschließungsgrad geht Hand in Hand mit der hohen naturschutzfachlichen Bedeutung der Region. Neben den Schutzgebieten spielen auch die extensive Landnutzung und die Erholung eine zentrale Rolle für die Gesellschaft. Die Alpen sind für zahlreiche vom Aussterben bedrohte Arten letzte Lebensräume und Rückzugsgebiete. Gleichzeitig bieten diese imposanten Lebensräume, ideale Orte für Umweltbildung und Vermittlung von Naturschutzthemen. Durch intensive ökonomische Nutzung (Wasserkraft, Tourismus), zunehmender technischen Erschließung (Speicherteiche, Hochwasser- & Lawinenverbauungen), sowie globalen Problemen (Klimawandel, Mikroplastik und Schadstoffeintrag) geraten diese Ökosysteme zunehmend unter Druck. Trotz intensiver Forschung fehlt es hierbei an Wissen und Lösungen zu den Konflikten der Nutzung, dem Schutz und der Wiederherstellung alpiner Flusslandschaften. Streng geschützte Großschutzgebiete bieten die idealen Voraussetzungen für die Erforschung natürlicher Prozesse, sowie Entwicklung naturbasierter Lösungen und den Möglichkeiten zum transformativen Wandel der industrialisierten Flusslandschaften in Europa. In Österreich bilden die drei bestehenden Schutzgebiete UNESCO Weltnaturerbe Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal, UNESCO Global Geopark Steirische Eisenwurzen und der Nationalpark Gesäuse ein bedeutendes Natur- und Kulturerbe, die durch eine breite Palette an menschlicher Nutzung und Schutz vor menschlichen Eingriffen gekennzeichnet sind. In diesem Kontext helfen die Schutzgebiete von natürlichen Prozessen zu lernen, sowie diese Prozesse auch zu schützen. Folgende Projektziele wurden definiert:

            1. Implementierung einer integrativen, systematischen und nachhaltigen Entscheidungsmatrix, einschließlich Handlungsempfehlungen zur Lenkung der touristischen Wassersportnutzung. Mittels hydrodynamischer Berechnung von hydraulischen Parametern und der Identifikation von kritischen Wasserständen wird der Schutz, Erhalt und die Wiederherstellung ökologisch wertvoller Lebensräume (Actitis hypoleucos, Myricaria germanica) sichergestellt.

            2.         Untersuchung von flussmorphologischen Prozessen unter Berücksichtigung der Folgen des Klimawandels. Die Ableitung von Prozessen ermöglicht die Entwicklung naturbasierter Lösungen, die zum Schutz und der Förderung funktionaler Habitate trotz Wasserkraft und Hochwasserschutz beitragen. Der transdisziplinäre Ansatz zum Schutz und zur Wiederherstellung natürlicher Flusseinzugsgebiete ist entscheidend für die Umsetzung von Strategien zur nachhaltigen Sicherung (In-Wert-Setzung) eines natürlichen Sedimenthaushalts. Zusätzlich wird der transdisziplinäre Ansatz die beteiligten Interessensgruppen vernetzen und eine wertvolle Grundlage für Umweltbildung bieten.

            3.         Entwicklung von transformativen Lösungen zur Verringerung der vielfältigen gesellschaftlichen Konflikte im Alpenraum. Durch Kartierung und Erarbeitung vergangener Landnutzung, sowie Implementierung von Klimawandelszenarien wird mit GIS-basierter Simulation Möglichkeiten einer nachhaltigen Landnutzung berechnet. Ziel ist es, Lösungsansätze für die Land- und Bodennutzung zu entwickeln, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern.

            4.         Aufbau eines Langzeitmonitorings zur Erfassung des Eintrags von Mikroplastik in Flüsse, sowie Implementierung von Messmethoden klimawandelspezifischer Parameter. Die Etablierung eines neuartigen Wärme- und Lichtmonitorings wird die Erforschung der Folgen des Klimawandels über die Projektlaufzeit hinaus ermöglichen. Ziel ist es, eine langfristige Umsetzung durch die Einbindung von Citizen Science zu erreichen, um Menschen für flussmorphologische Prozesse und den Artenschutz zu begeistern und sie für die Folgen des Klimawandels zu sensibilisieren.

Das Projektteam besteht aus einem interdisziplinären Team aus Wissenschaftler*innen der BOKU University (Ökohydraulik, Sedimenthaushalt, Mikroplastik Forschung), Expert*innen im Bereich Naturschutz & Biologie (Nationalpark Gesäuse), sowie Umweltbildungsspezialist*innen des UNESCO Weltnaturerbe Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal und des UNESCO Global Geopark Steirische Eisenwurzen.

ESS24-18 - Assessing the multifunctionality of alpine riverscapes in Austria to identify win-win solutions for nature and society (RiverSpaces)

Florian Borgwardt – Universität für Bodenkultur Wien

Seit Jahrtausenden versorgen Flüsse die Menschen mit Nahrung, liefern Wasser für Industrie und Landwirtschaft, sind Transportkorridore und ermöglichen in jüngerer Zeit die Stromerzeugung. Auch für den Tourismus sind Flüsse von großer Bedeutung, sei es für den Wassersport, die Fischerei oder die landschaftliche Attraktivität der Landschaft für Erholungssuchende. Flüsse sind also eine wertvolle Ressource für die Gesellschaft, werden mehrfach genutzt und bieten den Menschen eine Lebensgrundlage, weshalb sich Siedlungsräume oft in der Nähe von Flüssen befinden.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden Flüsse jedoch systematisch reguliert und kanalisiert, um Hochwasserschutz zu gewährleisten und zusätzliche Landflächen für Siedlungen und landwirtschaftliche Nutzungen zu gewinnen. Dabei wurden die Gewässer oft von ihrem Umland getrennt und ihre Funktionsfähigkeit verändert. Besonders in den engen Talböden alpiner Regionen konzentrieren sich heute vielfältige menschliche Nutzungen, die zunehmend in Konflikt mit dem natürlichen Raumanspruch dynamischer alpiner Flusssysteme geraten.

So haben Flüsse ihr Erscheinungsbild, ihre Morphologie und ihre ökologische Funktionalität stark verändert. Der Verlust von natürlichen Lebensräumen und Artenvielfalt (Biodiversitätsverlust) ist eine weitreichende Folge davon. Aber auch dadurch verursachte Auswirkungen auf die Gesellschaft werden mittlerweile sichtbar. Extremwetterereignisse, die infolge des Klimawandels häufiger und intensiver auftreten, führen zunehmend zu Überschwemmungen und Zerstörung von Infrastrukturen, weil Überflutungsflächen fehlen oder menschliche Nutzungen zu nah am Fluss stattfinden. Dies gefährdet nicht nur die Bevölkerung, sondern beeinträchtigt auch wirtschaftliche Aktivitäten, wie die landwirtschaftliche Produktion oder den Tourismus. Das Hochwasser im Herbst 2024 hat erneut verdeutlicht, dass funktionierende, naturnahe Flusslandschaften nicht nur für die Ökosysteme, sondern auch für das Wohl der Menschen und die Stabilität der Gesellschaft und Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind. Daher bedarf es einer gemeinsamen Vision, wie mit Flussräumen umgegangen werden kann. Es braucht Strategien für Mehrgewinnlösungen (win-win) und Ansätze um Konfliktsituationen auflösen zu können. In diesem inter- und transdisziplinären Spannungsfeld agiert das Projekt RiverSpaces. In sechs Arbeitspaketen werden naturwissenschaftliche und sozio-ökonomische Grundlagen erarbeitet, die in einem Stakeholderprozess mit Entscheidungstragenden aufgegriffen werden, um an einem gemeinsamen Zukunftsbild für Flussräume zu arbeiten. Grundlagen dafür sind die Flussräume alpiner Flüsse in Österreich, die anhand historischer Daten rekonstruiert werden. Weiters wird untersucht, welche menschlichen Nutzungen und natürlichen Funktionen diese alpinen Flussräume aktuell beherbergen und wie diese in Zukunft gestaltet werden können, damit Gesellschaft und Natur einen größtmöglichen Nutzen haben. Unter Verwendung von umfassenden räumlichen Analysen und in enger Abstimmung zwischen den Arbeitspaketen wird die Multifunktionalität der Modellregion „Enns-Flusslandschaft“ (19 steirische Gemeinden entlang der Enns) aufbereitet und mit regionalen Stakeholder nach Lösungen und einer Zukunftsvision gesucht. Um die wirtschaftlichen Nettoauswirkungen der Flussrenaturierung zu verstehen, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der direkte Investitionen, sektorale Verknüpfungen und die langfristige regionale Entwicklung berücksichtigt. In einer multikriteriellen Entscheidungsanalyse (MCDA) werden Synergien und Konflikte aufgezeigt und in einer Weise gelöst, die den Bedürfnissen der lokalen Stakeholder, der verschiedenen Sektoren und Interessengruppen entspricht. Durch die Verschneidung von räumlichen Informationen und unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Bedürfnisse sollen ökologische Prioritäten, insbesondere in Bezug auf die Wiederherstellung von Ökosystemen und die Erhaltung der biologischen Vielfalt, mit wirtschaftlichen Aspekten in Einklang gebracht werden. Ziel ist es zu untersuchen, wie alpine Flussräume und deren menschliche Nutzung in Zukunft besser in Einklang gebracht werden können. Die Ergebnisse von RiverSpaces tragen dazu bei, Mehrgewinnstrategien (win-win-Lösungen) sowie Konfliktlösungsansätze zu entwickeln, die die Umsetzung diverser nationaler und internationaler politischer Vorgaben und der Sustainable Development Goals (SDGs).

ESS24-20 - From visions to transformative action towards sustainable futures. Young people motoring quality of life in two alpine valleys (ViTA_futura)

Lars Keller – Universität Innsbruck

ViTA_futura ist eine jugendzentrierte, transdisziplinäre Forschungs- und Bildungsinitiative, die junge Menschen dazu befähigt, Zukunftsvisionen für die Lebensqualität (QOL) in ihren Heimatregionen zu entwickeln. In enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen und regionalen Akteur:innen analysieren, entwerfen und gestalten sie nachhaltige Zukunftsperspektiven für zwei alpine Täler, Wipptal und Stubaital. Durch die Integration von systemischem Denken, partizipativen Methoden und realweltlichen Experimenten erforscht ViTA_futura, wie jugendgetriebene Innovation dazu beitragen kann, die vielfältigen Nutzungskonflikte in den sich wandelnden Alpenregionen zu bewältigen und eine nachhaltige regionale Transformation anzustoßen.

Im Zentrum von ViTA_futura stehen drei Reallabor-Phasen, in denen junge Menschen eine führende Rolle im transdisziplinären Forschungsprozess übernehmen: 1) Co-Design: Schüler:innen untersuchen die aktuelle Lebensqualität, identifizieren zentrale Herausforderungen und Chancen, entwickeln Zukunftsvisionen für die QOL und initiieren transdisziplinäre Dialoge mit Wissenschaftler:innen und Stakeholdern. 2) Co-Production: Junge Menschen übersetzen ihre Visionen in konkrete Maßnahmen, indem sie sich aktiv an partizipativen Entscheidungsprozessen und kooperativer Umsetzung beteiligen. 3) Co-Evaluation: Die Teilnehmenden bewerten die Auswirkungen ihrer Initiativen kritisch, leiten zentrale Erkenntnisse ab und tragen dazu bei, übertragbare Lösungen für andere alpine und globale Bergregionen zu entwickeln.

ViTA_futura positioniert junge Menschen als zentrale Akteur:innen des Wandels in einem Prozess, der traditionell von erwachsenen Expert:innen dominiert wird. Ihre aktive Rolle in der Ko-Produktion von Wissen, der politischen Mitgestaltung und der lokalen Umsetzung fördert kritisches Denken, Selbstwirksamkeit und Handlungskompetenz—und befähigt sie, als zukünftige Gestalter:innen nachhaltiger Regionalentwicklung zu agieren. Indem sie als Vermittler:innen zwischen Wissenschaft, lokalen Gemeinschaften und Entscheidungsträger:innen fungieren, helfen sie, die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen und sicherzustellen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftlich relevante Transformationsprozesse einfließen. Über die individuelle Lernerfahrung hinaus untersucht ViTA_futura die strukturellen Bedingungen, die notwendig sind, um eine nachhaltige Beteiligung junger Menschen an regionalen Entscheidungsprozessen zu gewährleisten. Das Projekt erforscht, wie partizipative Methoden, Governance-Mechanismen und transdisziplinäre Bildungsmodelle optimiert werden können, um eine langfristige Einbindung und eine effektive politische Integration auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zu ermöglichen.

Indem ViTA_futura Spannungsfelder zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Umweltschutz und der Wiederherstellung von Ökosystemen adressiert, greift es die zentralen Herausforderungen der Alpenregion auf. Das Projekt zeigt, dass menschliche Aktivitäten nicht nur als Problem, sondern auch als Teil der Lösung verstanden werden sollten und positioniert junge Menschen als Mitgestalter:innen nachhaltiger Zukunftsperspektiven. Durch wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Lösungsansätze strebt ViTA_futura danach, Nutzung und Schutz von Natur- und Kulturlandschaften in Einklang zu bringen, um eine sozial-ökologische und systemische Transformation zu ermöglichen.

Um eine langfristige Wirkung sicherzustellen, setzt ViTA_futura auf die interaktive V.I.P.P.-Plattform (Valleys’ Innovative People and Propositions), die als zentrale Austauschplattform dient für: Die Dokumentation von QOL-Zukunftsvisionen und Strategien, die Nachverfolgung von Fortschritten und Maßnahmen, den Wissensaustausch zwischen verschiedenen Akteur:innen, und die Vernetzung junger Menschen mit wissenschaftlichen und politischen Netzwerken.

ViTA_futura ist stark in nationale und internationale Forschungsnetzwerke eingebunden und fördert die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis. Das Projekt ist Teil des Transatlantic Research Lab on Complex Societal Challenges, was die Möglichkeit eröffnet, Forschungserkenntnisse auf andere internationale Gebirgsregionen wie das Atlasgebirge in Marokko zu übertragen. Es nutzt zudem das Erfahrungswissen aus dem Reallabor Prättigau/Davos, das bewährte Modelle für Stakeholder-Engagement in alpinen Regionen entwickelt hat. Zusätzlich baut ViTA_futura auf das LEADER-Projekt "Matreinander" in Matrei am Brenner auf, das eine starke Basis für Stakeholder-Engagement bietet, und profitiert von der breiten K.i.d.Z.21-Community für Klimaschutz und nachhaltige Bildung.

Letztendlich ist ViTA_futura mehr als ein Forschungsprojekt—es ist ein lebendiges Labor der Zukunft, in dem junge Menschen nicht nur nachhaltige Herausforderungen erforschen, sondern aktiv Lösungen entwickeln.

ESS24-24 - Restoring riparian zones in harmony with farming fostering natural habitats for bank- nesting birds (ripa_bnb)

Mario Klösch – Universität für Bodenkultur Wien

In Steilufern an Fließgewässern brütende Vögel kommen durch die starke Begradigung und Verbauung der Fließgewässer sowie durch Sedimentrückhalt hinter Querbauwerken besonders in den Alpen und in deren Vorländern nur mehr äußerst vereinzelt vor. Steilwandbrüter wie die Uferschwalbe und der Bienenfresser sind gute Indikatoren für eine nachhaltige Renaturierung und stehen stellvertretend für eine Vielzahl an tierischen und pflanzlichen Bewohnern ganzer Flusslandschaften. Sie widerspiegeln den morphologischen Zustand eines Gewässers, aber durch deren Abhängigkeit von Insekten als Nahrungsquelle auch den ökologischen Zustand des landwirtschaftlich bewirtschafteten Umlands. Vor dem Hintergrund der Biodiversitätskrise sind nachhaltige Renaturierungsmaßnahmen dringend notwendig. Insbesondere die Notwendigkeit einer lateralen Dynamik wird jedoch als konfliktträchtig im Hinblick auf die Nutzung und die Eigentumsrechte der an die Ufer angrenzenden Talböden wahrgenommen. Umgekehrt sind Vorlandnutzungen wie die Landwirtschaft besonders in Zeiten des Klimawandels zunehmend abhängig von Dienstleistungen angrenzender Fließgewässerökosysteme, wie die Abfuhr von Hochwässern oder eine ausreichende Versorgung des Grundwasserkörpers, aber auch von Dienstleistungen terrestrischer Ökosysteme, wie die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten. Anstrengungen zur Habitatbereitstellung für böschungsbrütende Vögel lassen eine weitreichende Wirksamkeit zur Wiederherstellung der Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen erwarten. Dabei erhöht jedoch das EU-Renaturierungsgesetz die Anforderungen an die Größenordnung der Maßnahmen und erfordert eine intensivere Auseinandersetzung mit vorhandenen Nutzungskonflikten.

ripa bnb stellt sich dieser Herausforderung, verbindet die Disziplinen Wasserbau, Verhaltensbiologie und Agrarökonomie und verknüpft diese mit partizipativen und transdisziplinären Herangehensweisen. Im ersten Arbeitspaket werden unter den naturnahen Bedingungen des Biosphärenparks Mur-Drau-Donau die Anforderungen an den abiotischen Lebensraum zum Bau von Brutröhren in den Ufern erhoben. Dazu zählen die Erfassung bodenphysikalischer Parameter der verschiedenen Sedimenthorizonte und die Vermessung der Ufergeometrie mittels terrestrischem Laserscan. An den Ufern durchgeführte Wasserstrahltests und Bohrlochscherversuche beschreiben die für die Ufererodierbarkeit relevanten Prozesse der Strömungserosion und des Böschungsbruchs. Anhand der erhobenen Habitatpräferenzen und mithilfe von Ufererosionsmodellen wird untersucht, welche Rolle der Bodenaufbau der Talböden für die Bereitstellung potenzieller Bruthabitate, aber auch für die lateralen Erosionsgeschwindigkeiten und die „Lebensdauer“ von Steilufern spielt. An der Lavant, wo eine Renaturierungsmaßnahme nach 31 Jahren zu einer Wiederbesiedelung durch Uferschwalben führte, werden die Modelle und die ermittelten Habitatpräferenzen auf ihre Prognosefähigkeit überprüft. Das erlangte Wissen fließt daraufhin in eine Planung von Renaturierungsmaßnahmen an der March ein - ein Fluss von herausragender ökologischer Bedeutung, eine Modellregion für grenzübergreifendes Flussmanagement (trilaterales Ramsar-Gebiet), sowie mit dem Nationalpark Donau-Auen der zentrale Trittstein im Alpen-Karpaten-(Fluss-)Korridor. Dort erden im zweiten Arbeitspaket die Präferenzen der Steilwandbrüter in der Auswahl der Flächen zur Nahrungsaufnahme untersucht und mit der Landnutzung in Zusammenhang gebracht. Im dritten Arbeitspaket werden agrarökonomische Auswirkungen einer steilwandbrüterfreundlichen Bewirtschaftung untersucht. Dabei wird unter Einbindung verschiedenster Akteure (z.B. Landwirt:innen, Naturschützer:innen, Flussbauer:innen, Versicherungsmathematiker:innen, Gemeindevertreter:innen) möglichst ganzheitlich die ökonomischen Auswirkungen von z.B. extensivierter Bewirtschaftung, verringerter Häufigkeit von Überschwemmungen oder Dürreausfällen, oder Pachtverträgen bei Landverlust oder Landgewinn angeführt und im Untersuchungsgebiet an der March analysiert. Die transdisziplinäre Beteiligung eines breiten Spektrums von Stakeholdern an den verschiedenen Arbeitspaketen wird durch das vierte Arbeitspaket gesteuert. Durch unterschiedliche partizipative Aktivitäten in den Arbeitspaketen sowie vor allem mehrere Workshops in Arbeitspaket 4 werden die Stakeholder an der Wissensproduktion beteiligt. Damit werden Perspektiven eröffnet, die es ermöglichen in zunächst als Nutzungskonflikten wahrgenommenen Zusammenhängen win2-Situationen zu erkennen.

Schlussendlich fließen die Erkenntnisse in transdisziplinär entwickelte Pläne zur Renaturierung der March-Flusslandschaft ein. Die Kollaboration mit allen Ebenen der Verwaltung, laufenden Projekten (z.B. LIFE RESTORE for MDD) und die Einbindung verschiedener Regionen sichert das Upscaling und den Transfer der Erkenntnisse. Die Aktivitäten werden begleitet von Citizen-Science und durch sowie von Aktivitäten zur Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung.

ESS24-25 - Soil biodiversity response to land management and climate change in the Austrian Alps and policy priorities from local to national scale (SoilBioClimPol)

Johann Zaller – Universität für Bodenkultur Wien

Der Klimawandel wird erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt der Böden in den alpinen Regionen haben. Als Folge nimmt der Druck insbesondere auch auf Böden zu und beeinflusst, die damit verbundenen Ökosystemleistungen und naturbasierten Lösungen wie Kohlenstoffbindung, Wasserregulierung, Nährstoffkreislauf und Erosionsschutz. Zeitgleich verschärfen sich auch Landnutzungskonflikte durch den Klimawandel.

Alpine und subalpine Böden in Österreich sind allerdings nicht nur für Ökosystemleistungen extrem wertvoll, sie sind auch Biodiversitäts-Hotspots. Es fehlt jedoch eine umfassende und interdisziplinäre Bewertung der Auswirkungen des Klimawandels und der Landnutzung auf die Biodiversitätsindikatoren und Ökosystemleistungen (BES) der alpinen Böden bzw. deren Potenzial zur Umsetzung naturbasierter Lösungen. Die Hauptziele von SoilBioClimPol sind darum, mit Hilfe eines inter- und transdisziplinären Forschungsansatzes der natur- und sozialwissenschaftliche Methoden mit einander verbindet, wie folgend dargestellt:

(1)       Die Bereitstellung eines umfassenden Rahmens für die integrierte Bewertung von Biodiversitätsindikatoren und Ökosystemleistungen des Bodens unter verschiedenen pedoklimatischen Bedingungen.

(2)       Die Zusammenstellung und Harmonisierung bestehender Boden-BES-Daten, um Einflussfaktoren, Bedrohungen und Wissenslücken für Schutzmaßnahmen zu identifizieren, die erste österreichische alpine Bodenbiodiversitätsdatenbank zu erstellen und zukünftige Klimaszenarien für den Biodiversitätsschutz zu modellieren.

(3)       Die Abschätzung der Folgen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt des Bodens, um die Muster und Ursachen der Veränderung der biologischen Vielfalt des Bodens und der damit verbundenen Landnutzungs- und Bodenbewirtschaftungskonflikte in den österreichischen Alpen zu untersuchen und Anpassungsstrategien zu entwickeln.

(4)       Die Bereitstellung einer systematischen Datenbank und Bewertung der Bodenbiodiversitätspolitik auf regionaler und nationaler Ebene als Grundlage für das gemeinsame Engagement von Stakeholdern (akteurszentrierte Forschung) und politischen Entscheidungsträgern (Wissensvermittlung/ „knowledge-brokerage“) zur Unterstützung naturbasierter Lösungen im Bereich der Bodenbiodiversität. SoilBioClimPol verfolgt einen Multi-Stakeholder-Ansatz, der interdisziplinäre Forschende, Praktiker*innen und politische Entscheidungsträger*innen einbezieht, um Bewertungen auf nationaler Ebene zu erstellen und politische Maßnahmen zu unterstützen (z. B. Österreichische Biodiversitätsstrategie 2030+, Bodenmonitoringgesetz).

Das Projekt wird aus verschiedenen Perspektiven arbeiten und Natur- und Sozialwissenschaften kombinieren, um eine Kreuzvalidierung der ausgewählten Indikatoren und entwickelten Modelle aus einer multidisziplinären Perspektive zu ermöglichen: von der Erstellung einer standardisierten Basiserhebung (WP1) über die Nutzung vorhandener Datenquellen und Basisdaten zur Ermittlung von Trends und Bedrohungen (WP2) bis hin zur Vorhersage der Reaktion der Boden-BES auf zukünftige Klimawandelszenarien (WP3). Dies bietet die Möglichkeit, bestehende Ansätze zu bewerten, Hotspots und vorrangige Handlungsbereiche zu identifizieren, die Überwachung und Erhaltung der Bodenbiodiversität zu harmonisieren und die Rolle von Erhaltungsmaßnahmen (z. B. Schutzgebiete, nachhaltige Bodenbewirtschaftung) in diesem Zusammenhang zu analysieren. Schließlich fördert das Projekt den Wissensaustausch über die Bedeutung der Bodenbiodiversität für mehrere Ökosystemdienstleistungen, die naturbasierte Lösungen ermöglichen (WP4).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass SoilBioClimPol erstmals systematisch die Bedeutung der Bodenbiodiversität und der damit verbundenen Ökosystemdienstleistungen im gesamten österreichischen Alpenraum behandelt, indem es Ökologen, Umwelt- und Raumplaner, Klimawissenschaftler, Landwirte, Sozioökonomen und politische Entscheidungsträger zusammenbringt. Es wird wertvolle Empfehlungen für politische Entscheidungsträger zum Schutz der Bodenbiodiversität liefern, die für Ökosystemdienstleistungen von großer Bedeutung ist und naturbasierte Lösungen in einer Region ermöglicht, die besonders anfällig für den Klimawandel ist. Darüber hinaus schafft SoilbioClimPol die Voraussetzungen für eine langfristige Überwachung der Bodenbiodiversität und der Ökosystemdienstleistungen, um Trends und mögliche Wendepunkte zu identifizieren.