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KlimakriseIran

Wie die Wasserkrise Teheran unter Druck setzt

Irans Hauptstadt trocknet aus – so sehr, dass Präsident Peseschkian die Verlegung der Hauptstadt ins Spiel bringt. ÖAW-Iranist Florian Schwarz erklärt, wie ernst die Lage wirklich ist.

04.12.2025
Die schneebedeckten Berge im Hintergrund täuschen: Irans Hauptstadt Teheran leidet unter Hitze und Wasserknappheit.
© Emanuele Mazzoni/Adobe Stock

Der Iran steckt mitten in einer sich zuspitzenden Wasserkrise, die längst nicht mehr nur ländliche Regionen, sondern auch Millionenmetropolen wie Teheran trifft. Sinkende Grundwasserspiegel, ausgetrocknete Quellen, regelmäßige Wasserabschaltungen und gefährliche Bodenabsenkungen prägen den Alltag vieler Menschen. Angesichts der ausbleibenden Niederschläge hat der iranische Präsident Massud Peseschkian nun sogar die Verlegung der Hauptstadt angekündigt. Im Interview erklärt Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und profunder Kenner des Landes und seiner Geschichte, wie dramatisch die Situation ist und weshalb die Makran-Küste plötzlich in den Fokus rückt.

Winterregen: Ein Tropfen auf den heißen Stein

Aufgrund des akuten Wassermangels hat der iranische Präsident Massud Peseschkian kürzlich angekündigt, die Hauptstadt müsse verlegt werden, sollte es bis Jahresende nicht regnen. Wie dramatisch ist die Situation in Teheran tatsächlich?

Florian Schwarz: Das Problem des Wassermangels ist außerordentlich ernst – und das nicht nur in Teheran, sondern im ganzen Iran. Die Entwicklung zeichnet sich schon seit längerer Zeit ab. Eine ausgeprägte Dürreperiode gab es bereits in den ersten zehn Jahren der 2000er-Jahre, und in den vergangenen Jahren hat sich die Lage erneut verschärft. Zwar hat es im Herbst vereinzelt geregnet, doch die erhofften Winterregen lassen bisher auf sich warten. Selbst wenn sie kämen, wären sie im Grunde nur ein buchstäblicher Tropfen auf den heißen Stein, denn die Wasserkrise zeigt sich im gesamten Land auf vielfältige Weise.

Die Grundwasserpegel im Iran sinken seit Jahrzehnten zum Teil dramatisch.

Wie äußert sich die Wasserkrise konkret?

Schwarz: Die Grundwasserpegel im Iran sinken seit Jahrzehnten zum Teil dramatisch. Das ist ein globales Problem, das auch Europa betrifft, wie neue Studien zeigen, wenn auch bei weitem nicht in dem Ausmaß wie im Iran. In einigen Regionen fällt der Grundwasserspiegel jährlich um bis zu drei Meter. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind es über 20 Meter. Natürliche Quellen trocknen aus, es regnet zu wenig, und die Stauseen füllen sich nicht. Der Iran ist ein arides bis semi-arides Land, was die Lage zusätzlich erschwert.

Bisherige Politik hat das Problem verschärft

Was bedeutet das für den Alltag der Iraner:innen?

Schwarz: Für die Bevölkerung bedeutet die Wasserkrise im Alltag erhebliche Schwierigkeiten. In Teheran wie auch in vielen anderen Städten wird das Wasser regelmäßig abgestellt. Der Wasserdruck ist so gering, dass in mehrstöckigen Gebäuden die oberen Stockwerke oft nur noch wenig oder gar kein Wasser mehr erreichen. Betroffen sind private Haushalte ebenso wie Landwirtschaft und Industrie.

Die berüchtigten Sinkholes, also Senken an der Erdoberfläche aufgrund des niedrigen Grundwasserspiegels, treten inzwischen an vielen Orten auf.

Ein weiteres Phänomen, das hierzulande noch wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, sind zunehmende Bodenabsenkungen. Die berüchtigten Sinkholes, also Senken an der Erdoberfläche, treten inzwischen an vielen Orten auf, teilweise in beträchtlicher Größe, und gefährden bewohnte Gebiete und Industrieanlagen. Ursache ist auch hier das Sinken des Grundwasserspiegels.

Gab und gibt es Maßnahmen der Politik, um das Problem zu entschärfen?

Schwarz: Als Gegenmaßnahme wurde vor allem in den frühen 2000er-Jahren, etwa um 2010 herum, die Landwirtschaft massiv unterstützt. Unter der Regierung Ahmadinejad wurden im ganzen Land Tiefbrunnen in großer Zahl angelegt – eine Maßnahme, die das Problem langfristig eher verschärft hat. Mittlerweile gelten rund zwei Drittel der Grundwasserleiter als so gefährdet, dass sie offiziell nicht mehr genutzt werden dürften, doch die Entnahme geht trotzdem weiter.

Eines der Kernprobleme, das in der politischen Debatte immer wieder angesprochen wird, ist die fehlende Koordination zwischen den zuständigen Stellen. Landwirtschaft, Wasserversorgung für die Bevölkerung und Industrie werden von verschiedenen Behörden reguliert – und diese arbeiten kaum abgestimmt miteinander, was die Gesamtsituation verschlimmert.

Neue Hauptstadt am Golf von Oman?

In Teheran leben zehn Millionen Menschen. Wie realistisch ist eine solche Verlegung?

Schwarz: Die Diskussion über eine mögliche Hauptstadtverlegung ist nicht neu. Sie begleitet den Iran mindestens seit der Islamischen Revolution, teilweise sogar schon früher. Seit etwa 2009, also ebenfalls seit der ersten größeren Dürreperiode, wird das Thema auf höchster Ebene immer wieder aufgegriffen. Es gab Kommissionen, die entsprechende Pläne erarbeitet haben, die allerdings bislang stets verworfen wurden. Mit der Pandemie geriet das Thema vorübergehend ins Stocken, meist mit dem Hinweis, der Schritt sei logistisch kaum machbar und zu teuer. Derzeit ist die Diskussion jedoch wieder stark aufgeflammt. Präsident Peseschkian hat das Thema bereits früh in seiner Amtszeit aufgegriffen. Es geht nicht nur um das politische, wirtschaftliche und administrative Zentrum des Landes, sondern auch um die Frage, wie sich der Druck aus einer überlasteten Metropole wie Teheran herausnehmen ließe.

Die Diskussion über eine mögliche Hauptstadtverlegung ist nicht neu.

Andere Großstädte wie Maschhad oder Isfahan stehen vor sehr ähnlichen Problemen, doch Teheran ist das sichtbarste Beispiel. Denkbar wäre daher, dass man zunächst den Regierungssitz und bestimmte Industriezentren verlegt und so schrittweise eine Entlastung schafft. Eine endgültige Entscheidung steht jedoch noch aus.

Und wo könnte die neue Hauptstadt erbaut werden?

Schwarz: Die einzige bislang bekannte Festlegung der aktuellen Regierung betrifft den möglichen Standort: die Makran-Küste im äußersten Südosten des Landes am Golf von Oman, also außerhalb der Straße von Hormus. Vor allem in der Stadt Tschahbahar wird seit Jahrzehnten intensiv gebaut, unter anderem ein großer Freihafen. Nach iranischen Medienberichten existieren Pläne, in der gesamten Küstenregion neue Städte und Industriezentren zu schaffen und die wirtschaftliche Infrastruktur dorthin zu verlagern – also nicht alles an einem Ort zu konzentrieren, sondern entlang der Makran-Küste zu verteilen.

Eine Hauptstadtverlegung könnte auch das langfristige Ziel verfolgen einen Transport- und Kommunikationskorridor von Indien Richtung Europa und Zentralasien zu schaffen.

Hinter dieser Standortwahl stehen offenbar auch geostrategische Überlegungen. Der Ausbau Tschahbahar erfolgt seit Jahren mit indischer Unterstützung; das langfristige Ziel ist ein Transport- und Kommunikationskorridor von Indien Richtung Europa und Zentralasien, der Pakistan umgeht. Eine Hauptstadtverlegung dorthin hätte daher auch symbolischen Charakter und könnte eine geostrategische Neuausrichtung signalisieren – hin zum Indischen Ozean und verstärkt nach Asien.

 

Florian Schwarz ist Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Zuvor forschte er u. a. an der Universität Tübingen und der Universität Bochum. Vor seiner Berufung an die ÖAW war er Assistant Professor an der University of Washington, Seattle. Er ist korrespondierendes Mitglied der ÖAW.