Back

Was Grußformeln über soziale Beziehungen am Land verraten

Ob man jemanden mit einem lockeren „Hallo“, einem förmlichen „Grüß Gott“ oder einem vertrauten „Griaß di“ begrüßt, ist selten Zufall. Eine aktuelle Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeigt, wie eng Grußformeln in ländlichen Regionen Österreichs mit Alter, Region und sozialer Nähe verknüpft sind – und wie unterschiedlich Jung und Alt das Grüßen wahrnehmen.

22.09.2026

Grüßen wirkt banal, ist aber hochkomplex. „Grußformeln sind in unserem Alltag extrem wichtig“, sagt Katharina Korecky-Kröll. Sie ist Linguistin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und hat die Grußformeln anhand einer Untersuchung von 152 Personen aus 13 ländlichen Orten analysiert. Die Ergebnisse sind jetzt im Fachjournal Languages erschienen.

Wir wünschen der Familie und der Nachbarin einen guten Morgen, grüßen die Angestellten in der Bäckerei, Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz. Dabei passen wir unseren Gruß meist unbewusst an unser Gegenüber an – und berücksichtigen dabei intuitiv Alter, soziale Hierarchie und die Beziehung zur jeweiligen Person, sagt ÖAW-Linguistin Korecky-Kröll. Denn: „Wir wissen, dass sich die 80-jährige Nachbarin über ein herzliches ‚grüß Gott‘ freut, während für unseren Lieblingskollegen oder für den jungen Supermarktangestellten ein ‚hallo‘ viel besser passt, aber der Geschäftsführerin oder dem wichtigen Kunden wünschen wir dann doch lieber einen ‚guten Tag‘.“

„Griaß di“ und „pfiat di“ im ländlichen Westen

Auch der Wohnort spielt eine wichtige Rolle. In kleinen Gemeinden Österreichs sei es üblich, grundsätzlich alle Personen zu grüßen, die man auf der Straße trifft. Regional zeigen sich zudem deutliche Unterschiede beim Gebrauch des vertrauten „Du“: Im ländlichen Westen Österreichs sei es viel verbreiteter als im Osten und in größeren Städten, mit „griaß di“ als typischer Grußformel, auf die beim Abschied häufig ein „pfiat di“ folgt.

Besonders eng regional begrenzt ist die Grußformel „heil“ bzw. „heile“, die in manchen Regionen Vorarlbergs und Tirols basisdialektal, also im stärksten, ursprünglichsten Dialekt, verwendet wird. Im Grußexperiment der Studie zeigte sich das exemplarisch: Junge Personen aus Vorarlberg begrüßten eine simulierte Bäckereiverkäuferin aus ihrem Heimatort mit „heil“, gegenüber einer Person aus Wien wählten sie hingegen „grüß Gott“ oder „hallo“. „Die Verwendung von ‚heil‘ ist dort übrigens kein Ausdruck einer rechten Gesinnung“, stellt Korecky-Kröll klar. Die Sprecher:innen wüssten sehr genau, dass der Gruß außerhalb der Region negativ – nämlich mit dem NS-Gruß „Heil Hitler“ – assoziiert wird, und verwenden ihn deshalb gegenüber Ortsfremden nicht.

„Hallo“ wird immer formeller

„Hallo“ ist mittlerweile die mit Abstand häufigste Grußformel und wird zunehmend als neutral statt als informell wahrgenommen, so Korecky-Kröll. Jüngere Personen verwenden es auch gegenüber Fremden oder weniger gut bekannten Menschen, ältere hingegen eher im Familien- und Freundeskreis. „Insgesamt ist ‚hallo‘ sehr häufig geworden", sagt sie, „und wir finden es sowohl in informellen als auch in formellen Gesprächssituationen, aber besonders in Situationen von ‚mittlerem‘ Formalitätsgrad.“

Im Gegensatz dazu sei „servus“ vergleichsweise selten vorgekommen: besonders selten als Verabschiedung, aber auch als Begrüßung eher rar. Anders sieht es bei zwei anderen Dialektformen aus: „Pfiat di“ habe sich als Abschiedsformel in den ländlichen Regionen recht gut gehalten, und „griaß di“ werde besonders gegenüber gut bekannten Personen aus demselben Ort nach wie vor gerne verwendet. Ihr Schluss daraus: Basisdialektale Grußformeln verschwinden keineswegs – auch nicht bei jüngeren Sprecher:innen.

Was Alt und Jung übers Grüßen denken

Doch wie nehmen die Generationen das Grüßen jeweils wahr? Die Studie zeigt eine auffällige Diskrepanz zwischen Höflichkeitsvorstellungen und tatsächlich beobachtetem Verhalten. Ältere Befragte klagten in den Interviews häufig darüber, dass Jüngere seltener grüßen oder zu oft informelle Formeln wie „hallo“ statt „grüß Gott“ verwenden.

Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Ältere Personen sprechen zwar häufiger über das Thema Grüßen, grüßen in den beobachteten Gesprächssituationen selbst aber nicht öfter. Bei jüngeren Personen ist es genau umgekehrt: Sie grüßen tatsächlich mehr, sprechen aber seltener darüber. Korecky-Kröll erklärt das mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen: „Ältere Personen erwarten eher, von jüngeren gegrüßt zu werden, und fühlen sich weniger dazu verpflichtet, selbst zu grüßen. Auf der anderen Seite wird Grüßen als Ausdruck des Respekts im Alltag von ihnen als sehr wichtig wahrgenommen.“ Jüngere Menschen grüßen hingegen tatsächlich häufig, am liebsten mit einem neutralen „hallo“, messen dem Grüßen als Interaktion insgesamt aber weniger Bedeutung zu.

 

Auf einen Blick

Publikation

Katharina Korecky-Kröll, Anja Wittibschlager & Amelie Dorn. 2026. Pragmatic variation in greeting and farewell formulae in rural Austria. In Languages 11(9), 179.
DOI: 10.3390/languages11090179 

Rückfragehinweis

Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt

Katharina Korecky-Kröll 
Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH)
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 51581-2208
katharina.korecky-kroell(at)oeaw.ac.at