Was eine Krebsdiagnose mit dem Lebensplan macht
30.09.2026
Eine Krebsdiagnose trifft Menschen nicht nur medizinisch. Sie verändert oft schlagartig den Blick auf das eigene Leben: Pläne werden verschoben, Prioritäten neu gesetzt, Arbeit und Einkommen geraten unter Druck. Genau solche Einschnitte haben Forschende nun in einer aktuellen Studie untersucht. Sie entwickelten ein Modell, das große Gesundheitsschocks über den Lebensverlauf hinweg abbildet.
Berechnet wurde das Modell zunächst für den US-amerikanischen Fall, da dort entsprechende Daten verfügbar waren. Als Beispiel diente ihnen eine mögliche Krebsdiagnose. Die Ergebnisse sind jetzt im Journal of Economic Dynamics and Control erschienen.
Was passiert, wenn aus Risiko Realität wird
Warum eine Diagnose weit mehr ist als ein medizinischer Befund? „Eine Krebsdiagnose bedeutet zunächst, dass aus einem vorher eher vagen Risiko plötzlich Realität wird“, erklärt Michael Kuhn vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Je nach Krebsart könnten Sterberisiko steigen, Lebensqualität sinken und die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt werden. Das verändere die gesamte Lebenssituation – und damit auch, wie Menschen über Sparen, Arbeiten oder den Umgang mit ihrer verbleibenden Zeit nachdenken. Kommt die Krankheit unter Kontrolle, sortiert sich das später wieder um. Was bleibt, sind aber häufig Kosten für laufende Kontrollen.
Was die Forscher dabei am meisten überraschte, hatte allerdings weniger mit der Krankheit selbst zu tun als mit dem, was ihr vorausgeht. Denn:„Für eine 40-jährige Person kann dieser vorbeugende Gesundheitszustand einen sehr hohen ökonomischen Wert haben“, erklärt Kuhn. Das bedeute nicht, dass tatsächlich Millionenbeträge für Prävention ausgegeben würden – das Modell berechne vielmehr, wie viel Lebensqualität, Überlebenschance und künftiger Handlungsspielraum dadurch gewonnen werden könnten. Dieser Wert liege überraschend nahe an jenen Größenordnungen, die in der Gesundheitsökonomie sonst zur Bewertung lebensrettender Maßnahmen verwendet werden.
Wenn die Risikoeinschätzung danebenliegt
Die Studie untersuchte auch, was passiert, wenn Menschen ihr eigenes Krankheitsrisiko unterschätzen. Wer das Risiko unterschätzt, investiert zunächst erwartungsgemäß weniger in Prävention – bleibt die Person gesund, hat sie dafür mehr Ressourcen für Konsum und allgemeine Gesundheit übrig. Der entscheidende Verlust entsteht aber durch die Erkrankung selbst und das erhöhte Sterberisiko. „Die ökonomischen Folgen sind komplexer, als man intuitiv erwarten würde", so Kuhn.
Ein verbesserter Zugang zu Behandlung könnte den Anreiz zur Prävention senken – wer weiß, dass eine Krankheit gut behandelbar ist, sorgt womöglich weniger vor. „Das heißt aber nicht automatisch, dass eine bessere Behandlung gesellschaftlich schlecht wäre", betont Kuhn. Entscheidend sei, Prävention und optimale medizinische Versorgung im Zusammenspiel über den gesamten Lebensverlauf zu verstehen.
Eine zusätzliche Rolle spielt dabei das Alter: Wer früh im Erwerbsleben von einem Gesundheitsschock betroffen ist, hat oft noch wenig angespart, während sich die Folgen im mittleren oder höheren Alter ganz anders darstellen. Genau solche Unterschiede will das Forschungsteam nun mit heimischen Daten genauer untersuchen.
Der nächste Schritt
In einem Folgeprojekt will das Team mit österreichischen Registerdaten untersuchen, wie sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Rückkehr ins Erwerbsleben auswirken – und welche Rolle dabei der sozioökonomische Hintergrund spielt. Die anonymisierten Daten bleiben bei der Statistik Austria und werden ausschließlich in einem kontrollierten Rahmen ausgewertet.
Auf einen Blick
Publikation:
Integrating large health shocks into life-cycle models-modelling impacts of a cancer diagnosis, Freiberger, Michael; Kuhn, Michael; Wrzaczek, Stefan, Journal of Economic Dynamics and Control, Jahrgang 189
DOI: 10.1016/j.jedc.2026.105367
