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SkandaleKonferenz

Vom Wilde-Prozess bis #MeToo: Warum Skandale die Gesellschaft verändern

Die Literaturwissenschaftlerin Sharon Marcus erklärt im Rahmen einer Konferenz an der Universität Wien, warum Skandale so aufrütteln, wie sie Wandel in der Gesellschaft anstoßen können und welche Rolle die Medien dabei spielen.

25.09.2025
Oscar Wilde (links) und Alfred Doublas (rechts) gerieten Ende des 19. Jahrhunderts in einen Skandal, der die Wahrnehmung von Homosexualität in der Öffentlichkeit – und den Kampf für die Rechte der LGBTIAQ+ Community in späteren Jahren – prägen sollte.
© British Library/Public Domain

Skandale schockieren, polarisieren und regen zur Debatte an. Als etwa der Schriftsteller Oscar Wilde 1895 wegen seiner Beziehungen zu Männern verurteilt wurde, war das ein Skandal, der das viktorianische England erschütterte. Erst Jahrzehnte später wurde der Prozess zu einer Referenz im Kampf um Gleichberechtigung. Viel schneller ging es bei der #MeToo-Bewegung: Eine Welle von Enthüllungen über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt veränderte innerhalb kürzester Zeit Gesetze, Institutionen und Debatten.

Warum wirken Skandale oft so tiefgreifend? Und welche Rolle spielen die Medien dabei? Die Literaturwissenschaftlerin Sharon Marcus wird im Rahmen einer Tagung an der Universität Wien, in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Zürich, über Skandale als Katalysatoren gesellschaftlicher Veränderungen sprechen. Im Interview gibt sie Einblicke in die Zusammenhänge historischer und aktueller Skandale und welche Fragen die Forschung schon jetzt beantworten kann.

Vom Skandal zur Debatte

Warum sind Skandale so aufschlussreich, wenn wir verstehen wollen, wie Gesellschaften funktionieren und sich verändern?

Sharon Marcus: Wenn man Skandale erforscht, fällt auf, dass sie in vielen wissenschaftlichen Disziplinen untersucht werden – in der Politikwissenschaft, in den Medienwissenschaften, in der Geschichte, in der Literatur- oder Kunstwissenschaft. Skandale hinterlassen deshalb einen so starken Eindruck, weil sie schwer einzudämmen sind. Sie verletzen Grenzen: zwischen privat und öffentlich, zwischen geheim und bekannt. Fast alle Forscher:innen betonen, dass Skandale Debatten auslösen. Es gibt selten Einigkeit über ihre Bedeutung. Nehmen wir eine sexuelle Beziehung zwischen einem Arbeitgeber und einer Angestellten: Für die einen grenzt das an ein Verbrechen, für die anderen ist es Privatsache. Skandale entfalten ihre Dynamik, weil die Menschen uneins über die Bewertung sind – aber gleichzeitig überzeugt davon, dass es wichtig ist, darüber zu streiten. Deshalb sind Skandale so prägend, gerade in Gesellschaften mit freier Presse und demokratischer Kultur.

Skandale verletzen Grenzen: zwischen privat und öffentlich, zwischen geheim und bekannt.

Können Sie ein konkretes historisches Beispiel nennen?
Marcus
:  Ein berühmtes Beispiel ist der Oscar-Wilde-Skandal Ende des 19. Jahrhunderts. Wilde, der eine Beziehung zu Alfred Douglas hatte, klagte gegen dessen Vater wegen Verleumdung. Der war ein ziemlich aggressiver Aristokrat in England und hatte Wilde öffentlich als „Sodomiten“ bezeichnet. In England war Sex zwischen Männern strafbar, aber gleichzeitig ein offenes Geheimnis – gerade in höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Als der Prozess begann, wurde deutlich, dass es Beweise für Wildes Beziehungen zu Männern gab. Die Verleumdungsklage scheiterte, und die Krone erhob Anklage wegen „grober Unzucht“.

Der Skandal stand auf den Titelseiten jeder Zeitung. Und es ging nicht nur darum, was passiert war – es ging nicht um die feineren juristischen Details. Es war ein Skandal, weil endlich etwas in die öffentliche Diskussion gebracht wurde, was bislang ein Geheimnis im Bereich von Erpressung und Verborgenen gewesen war: dass Männer in der englischen Gesellschaft Sex mit Männern hatten.

Skandale entfalten ihre Wirkung oft erst langfristig.

Und Wilde selbst wurde zum Skandal, weil er ohnehin schon immer etwas Skandalöses an sich hatte – weil Wilde jemand war, der die Mittelschicht gerne schockierte – mit seiner Kleidung, seiner Selbstinszenierung, seinen langen Haaren, seinen Stücken und Büchern. Er war jemand, der die Grenze zwischen Maskulinität und Weiblichkeit überschritten hatte. Keine Zeitung war auf seiner Seite, jeder verurteilte ihn und bekräftigte konservative Moralvorstellungen. Aber der Skandal war Wilde an sich, der auf der Anklagebank die Liebe zwischen Männern verteidigte – ästhetisch, romantisch, philosophisch. Er bezog sich auf die griechische Philosophie von Platon und Sokrates. Der Skandal führte damals nicht zu unmittelbarer Veränderung – Wilde wurde zu Zwangsarbeit verurteilt, und viele Männer lebten danach noch vorsichtiger. Doch Jahrzehnte später, in den 1950er-Jahren, diente der Fall als Beleg dafür, dass eine solche Verfolgung ein Unrecht war. Das zeigt: Skandale entfalten ihre Wirkung oft erst langfristig.

Die Rolle der (sozialen) Medien

Lässt sich das auch auf jüngere Skandale übertragen?
Marcus
: Ja, ein gutes Beispiel ist die #MeToo-Bewegung. Jahrzehntelang hatten Feministinnen juristisch und politisch gegen sexuelle Belästigung gekämpft. Der Fall Harvey Weinstein war ein „offenes Geheimnis“ in Hollywood, über das viele sprachen, aber gegen das niemand vorging. Erst durch soziale Medien, den konkreten politischen Moment und eine Welle öffentlicher Aufmerksamkeit kam es zur Explosion. So wirkte #MeToo wie ein plötzlicher Bruch, war aber das Ergebnis jahrzehntelanger Vorarbeit. Skandale sind also immer ein Knotenpunkt: lange bestehende Missstände treffen auf einen Auslöser, und dann entsteht Dynamik. Ich denke also, die Frage von Skandal und Veränderung ist sehr kompliziert, und ich glaube, genau das wird auch die Konferenz in Wien zeigen: Wann genau findet Veränderung statt? Woher weiß man, dass der Skandal die Veränderung verursacht hat? Wie misst man, ob die Veränderung von Dauer ist?

Ohne Medien kein Skandal.

Welche Fragen sind für die Zukunft der Skandalforschung besonders spannend?
Marcus
: Mich interessiert vor allem die Frage der Kausalität. Wie können wir überhaupt wissen, wann ein Skandal gesellschaftliche Veränderungen auslöst? Skandale sind selbst schon ein Geflecht von Ursachen und Folgen. Das Beispiel Wilde zeigt: Wäre er nicht auf den cholerischen Vater von Alfred Douglas gestoßen, hätte es diesen Skandal vielleicht nie gegeben. Entscheidend ist auch die Rolle der Medien. Ohne Medien kein Skandal – und ohne freie Presse kein öffentlicher Skandal, über den eine Gesellschaft debattieren kann. Heute stellt sich die Frage, wie sich Social Media auf Skandale auswirkt. Zeitungen haben journalistische Standards, soziale Netzwerke nicht. Einerseits ermöglichen sie eine Demokratisierung von Skandalen, weil sie Informationen sehr breit verstreuen können, andererseits verschwimmen die Kriterien, was als „wahr“ gilt. Das wird die Forschung in Zukunft stark beschäftigen.

Gibt es aktuelle Skandale, die Sie besonders interessant finden?
Marcus
: Als Wissenschaftlerin konzentriere ich mich stärker auf historische Fälle, weil es schwierig ist, die Bedeutung von Skandalen einzuschätzen, solange sie sich noch entwickeln. Was ich sagen kann: Als Bürger:innen sollten wir uns bewusst machen, dass unsere Aufmerksamkeit Skandale verstärkt. Wenn wir also einem Skandal Aufmerksamkeit schenken, sollten wir bedenken, dass wir diesen Skandal durch unsere Aufmerksamkeit nähren und antreiben, und wir sollten weise auswählen, welchen Skandalen wir unsere Aufmerksamkeit widmen.

 

Auf einen Blick

Sharon Marcus ist Professorin für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University in New York. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Literatur- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der Mediengeschichte und der Analyse öffentlicher Skandale.

Die Konferenz "Scandal! Exploring the Scandalous: Scandal as a Catalyst of Progress" an der Universität Wien, in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Zürich, befasste sich vom 24.9.-26.9.2025 mit dem Skandal als Auslöser von gesellschaftlicher Veränderung. 

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