Türöffner ins Erbgut
29.05.2026
Die Welt der Genforschung verlor im April 2026 einen bedeutenden Pionier: Craig Venter erlagt im Alter von 79 Jahren in San Diego unerwarteten Nebenwirkungen einer Krebstherapie. Der streitbare Biochemiker hatte als erster Mensch sein eigenes Genom sequenziert und Bakterien mit künstlich hergestelltem Genom erschaffen. Er etablierte Denkweisen und stellte Abläufe in Frage und war ein Wegbereiter der technologiegetriebenen, computergestützten Forschung in der Biologie und Medizin.
Bioinformatiker Christoph Bock, Gruppenleiter am CeMM-Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor an der Medizinischen Universität Wien, erklärt, wie Venter unseren Blick auf den Menschen verändert hat, wie wichtig er für die Krebsforschung war und wie er der KI gegenüberstand.
Genom-Sequenzierung
Wie hat Craig Venter die Medizin verändert?
Christoph Bock: Er ist in der breiten Öffentlichkeit vor allem wegen des legendären Wettrennens um die Sequenzierung des menschlichen Genoms bekannt geworden. Und wurde wahlweise als Schurke dargestellt, der das Erbgut des Menschen patentieren und privatisieren wollte, oder als ein Anti-Establishment-Held, der mit einem mutigen Konzept und privaten Investorengeldern dem öffentlich finanzierten Milliardenprojekt zur Sequenzierung des menschlichen Genoms Konkurrenz gemacht hat. Jedenfalls hat seine Arbeit nicht nur die Fertigstellung des menschlichen Genoms deutlich beschleunigt, sondern schon 1995 eine höchst innovative und erfolgreiche Methode für die Genomforschung etabliert: Die Sequenzierung nach der Schrotschuss-Methode. Dabei wird das Erbgut in viele Millionen kurze Schnipsel zerlegt, die man kostengünstig sequenziert und dann computergestützt zu einer Genom-Sequenz zusammensetzt.
Das Wettrennen um die Sequenzierung des menschlichen Genoms endete schließlich mit einem vom US-Präsidenten Bill Clinton vermittelten Unentschieden, einschließlich einer feierlichen Zeremonie im Weißen Haus am 26. Juni 2000 und der Publikation von zwei unabhängigen Sequenzen des menschlichen Genoms.
Für die Medizin war die Sequenzierung des menschlichen Genoms ein epochaler Schritt.
Wie hat sich dadurch unser Blick auf den Menschen verändert?
Bock: Für die Medizin war die Sequenzierung des menschlichen Genoms ein epochaler Schritt – es wurde nicht nur der Bauplan des menschlichen Körpers offengelegt, sondern auch die technische und konzeptuelle Grundlage für die molekulare Präzisionsmedizin gelegt: Die Menschen unterscheiden sich in ihren genetischen Voraussetzungen, dies beeinflusst das Risiko für eine Vielzahl von Krankheiten – und mit geeigneter Technologie können wir diese Informationen lesen und für die Medizin nutzen. Freilich hat es dann doch viel länger gedauert als ursprünglich prognostiziert, bis die Sequenzierung des menschlichen Genoms einer größeren Zahl von Patient:innen konkret helfen konnte.
Einfluss auf Krebsforschung
Was hat es für die Krebsforschung gebracht?
Bock: Ganz wesentlich waren auch die technischen Fortschritte, die zu einer immer kostengünstigeren Sequenzierung menschlicher Genome geführt haben. Deswegen ist es bei bestimmten Arten von Krebs mittlerweile medizinische Routine, das Genom der Krebszellen von Patient:innen zu sequenzieren und auf individuelle genetische Schwachpunkte und eventuell passende Therapien hin zu untersuchen.
Die Kenntnis des menschlichen Genoms ist auch sehr wichtig für das Verständnis des Alterns.
Gesundes Altern wird ein immer wichtigeres Thema, inwiefern hat Venter zu diesem Bereich beigetragen?
Bock: Die Kenntnis des menschlichen Genoms ist auch sehr wichtig für das Verständnis des Alterns und des erhöhten Risikos für diverse Krankheiten, das damit einhergeht. Venter hat dabei eifrig und mit wechselndem Erfolg mitgemischt – nicht zuletzt mit der Gründung einer Firma mit dem programmatischen Namen Human Longevity. Diese Firma bietet eine private Vorsorge-Medizin der Luxusklasse, wobei der Nachweis des konkreten medizinischen Nutzens jedoch bisher nicht ausreichend erbracht werden konnte.
Minimal lebensfähige Bakterien
Woran hat der stets neugierige Wissenschaftler zuletzt gearbeitet?
Bock: Neben dem Fokus auf medizinische Themen hat sich Venter mit dem Leben in seinen einfachsten Formen beschäftigt. Nachdem er bereits 1995 das erste Genom eines Bakteriums sequenziert hatte, nahm er sich vor, Bakterien-Genome im Labor herzustellen. Es gelang seiner Arbeitsgruppe, ein künstlich erzeugtes bakterielles Genom in entkernte Bakterien einzuschleusen und sie damit in ein neues Lebewesen zu verwandeln. In einer Serie von Experimenten ist es dem Team außerdem gelungen, minimale lebensfähige Bakterien mit nur 473 Genen und einem Genom mit 531.000 Basenpaaren zu schaffen, indem sie aus dem Genom dieser Bakterien alles entfernten, was nicht unbedingt nötig war. Außerdem hat er in den Meeren der Welt Wasserproben gesammelt und diese dann sequenziert, um bakterielles Leben besser zu verstehen – und dies auch gleich mit seiner Leidenschaft für das Segeln verbunden. Ein Liter klaren Meerwassers kann nämlich eine Milliarde Bakterien und zehnmal so viele Viren enthalten. Wenn man deren DNA sequenziert, beginnt man zu erkennen, wie vielfältig das Leben sogar in gefiltertem Meerwasser sein kann.
In diesen Forschungen folgen wir den Denkweisen von Craig Venter.
Könnten Sie Single-Cell-Analysen erklären, und was daran spannend ist?
Bock: Eines jener Projekte, die von der Sequenzierung des menschlichen Genoms inspiriert und von dessen Technologie ermöglicht wurden, ist der Human Cell Atlas. Das Ziel dieser globalen Initiative ist die umfassende Kartierung des menschlichen Körpers bis zu den einzelnen Zellen und ihren biologischen Eigenschaften, Funktionen und Interaktionen. In diesen Forschungen folgen wir den Denkweisen von Craig Venter – die Wichtigkeit eines umfassenden Katalogisierens, ohne dass man vorab schon ganz genau weiß, wonach man sucht; und natürlich die intelligente Kombination schneller, kostengünstiger experimenteller Methoden mit fortgeschrittenen Computeralgorithmen, die solche Datenmengen nutzbar machen können.
KI als logische Fortsetzung
Wie stand er KI in der Biomedizin gegenüber?
Bock: Enthusiastisch, er sah sie als natürliche Erweiterung seines datengetriebenen wissenschaftlichen Ansatzes. Diese Entwicklung steht auch exemplarisch für einen kulturellen Wandel in der molekularbiologischen Forschung. An die Seite des einzelnen – kunstvoll geplanten, aber oft allzu vereinfachten – Experiments zum Testen einer Hypothese ist mehr und mehr die datengetriebene Forschung getreten: Man sammelt breit und versucht aus der Gesamtheit der Daten zu verstehen. Das Konzept ist natürlich nicht neu – Darwin hat es bereits ähnlich praktiziert – aber die Methode schon: Daten werden in sehr hohem Durchsatz für die Analyse mit dem Computer produziert und werden erst durch spezialisierte Software interpretierbar. Bei der Sequenzierung des menschlichen Genoms hat es Craig Venter genauso gehandhabt: Er arbeitete mit dem Informatiker Gene Myers an Algorithmen, die Millionen kurzer, kostengünstig erzeugter DNA-Sequenzen zu einem Genom zusammensetzten.
