Back
USADemokratie & Medien

QANON, Deep State & Co: Verschwörungen als mächtige Waffe in Trumps Arsenal

Verschwörungserzählungen haben in den USA Hochkonjunktur. ÖAW-Historiker Martin Tschiggerl analysiert die ideologischen Muster dahinter – und erklärt, warum gerade der US-Präsident sie so wirkungsvoll einsetzt.

14.08.2025
Ein Mann liest eine Zeitung, auf der die Schlagzeile "Deep State" zu sehen ist.
Die Erzählung, eine mächtige Schattenregierung beherrsche die Menschen, zählt zu den populärsten Verschwörungserzählungen in den USA.
© AdobeStock

Geheime Eliten, gestohlene Wahlen, kindermordende Mächtige und eine Schattenregierung, die heimlich die Welt kontrolliere, Institutionen unterwandere und die Freiheit bedrohe. Verschwörungsnarrative sind tief in den politischen Diskurs der USA eingesickert. Sie radikalisieren Gruppen und verändern die Wahrnehmung demokratischer Institutionen. Ihre Gegner:innen? Die Medien, die Wissenschaft, die Demokratie.

Der Historiker Martin Tschiggerl vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erforscht die Struktur und Geschichte solcher Narrative. Im Gespräch zeigt er auf, wie sie heute von Donald Trump instrumentalisiert werden. Im YouTube-Kanal der ÖAW spricht Tschiggerl zudem über die historische Entwicklung von Verschwörungsdenken und erklärt, woran man es erkennt und warum es gerade heute wieder so wirkmächtig ist.

Eine Welt in Gut und Böse

Wie werden denn Verschwörungsnarrative gegenwärtig im politischen Diskurs in den USA aufgegriffen?

Martin Tschiggerl: Verschwörungsnarrative teilen die Welt in Gut und Böse und gehen davon aus, dass eine unsichtbare, böse Macht einen dunklen Plan verfolgt. Gegenwärtig gibt es starke verschwörungsideologische Bezüge. Donald Trump stellt sich dabei als Kämpfer gegen diese finstere Gruppe dar – gegen den „Deep State“ oder die „Washingtoner Elite“. Dabei ist es eigentlich absurd: Betrachtet man die Menschen, die bei seiner Amtseinführung anwesend waren oder ihn unterstützen, dann handelt es sich genau um jene Elite, die er angeblich bekämpft.

Die Vorstellung eines „Deep State“ ist zentral im verschwörungstheoretischen Diskurs Trumps.

Inwiefern nutzt Donald Trump den Begriff des „Deep State“, um verschwörungsideologische Rhetorik zu normalisieren?

Tschiggerl: Die Vorstellung eines „Deep State“ ist zentral im verschwörungstheoretischen Diskurs Trumps. Gemeint ist die Idee, dass es neben dem sichtbaren Staat einen geheimen Staat im Hintergrund gibt, der nicht gewählt wurde, nicht kontrollierbar ist und im Verborgenen die Fäden zieht. Diese Annahme, dass etwas Unsichtbares, nicht Nachweisbares im Hintergrund alles lenkt, ist ein klassisches Merkmal verschwörungstheoretischen Denkens. Dazu passt gut, dass die Trump-Administration aktiv die staatlichen Institutionen zerstört.

Immer wieder werden Migrant:innen als kriminell dargestellt, als Mitglieder von Gangs, die mit einem finsteren Plan in die USA gekommen seien, um Verbrechen zu begehen. Das ist ein Beispiel für verschwörungstheoretisches Denken. Noch viel deutlicher wird das bei Trump und anderen Personen aus seinem Umfeld, die sich auf die klassische QAnon-Verschwörungstheorie beziehen – besonders sichtbar beim Sturm auf das Kapitol, als viele Demonstrierende Schilder mit einem großen „Q“ trugen.

Trump und QAnon 

Welche Erzählung steckt hinter QAnon?

Tschiggerl: QAnon ist eine Art Meta-Verschwörungstheorie, die in den letzten Jahren enorm populär geworden ist und auch von Trump selbst immer wieder aufgegriffen wurde. Dabei geht es um die Idee, es gäbe eine geheime Gruppe pädophiler Eliten, die Kinder entführen, töten und um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Diese Motive finden sich regelmäßig bei Trump-nahen Politiker:innen und stehen in der Tradition antisemitischer Verschwörungserzählungen seit dem Mittelalter.

Diese Narrative sind bekannt, sie funktionieren gut, sie machen die Welt spannender und wirken dadurch glaubwürdiger.

Wie können solche Erzählungen auf so viel Zuspruch stoßen?

Tschiggerl: Verschwörungstheorien wirken deshalb so stark, weil sie einfache, anschlussfähige Geschichten bieten. Sie geben den Menschen das Gefühl, dass das Schlechte in der Welt kein Zufall ist, sondern Teil eines Plans – das ist einfacher zu akzeptieren, als Chaos oder komplexe Zusammenhänge. Und sie bieten gleichzeitig einfache Lösungen: Wenn Migrant:innen, der „Deep State“ oder demokratische Eliten schuld sind, dann muss man sie nur bekämpfen, und die Probleme sind gelöst. Das macht die Erzählung sehr attraktiv.

Dazu kommt, dass wir ein zunehmendes „Mainstreaming“ von Verschwörungstheorien erleben – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Populärkultur. Diese Narrative sind bekannt, sie funktionieren gut, sie machen die Welt spannender und wirken dadurch glaubwürdiger.

Tradition von Verschwörungstheorien

Lassen sich konkrete politische Entscheidungen benennen, die in der Vergangenheit maßgeblich durch Verschwörungserzählungen beeinflusst wurden?

Tschiggerl: Neu ist das nicht: In den 1950er Jahren kursierte die Vorstellung, dass die USA von einer kommunistischen Verschwörung unterwandert seien – zentral in der Ära McCarthy, als republikanische Politiker Intellektuelle, Schriftsteller:innenund Künstler:innen vor Tribunale zitierten. Es kam zu Berufsverboten, Haft- und sogar Todesstrafen. Alles im Namen der Bekämpfung einer vermeintlich geheimen Verschwörung.

Oder denken wir an die frühen 2000er Jahre, an die Fake-News-Kampagne der Bush-Administration rund um die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak 2003. Aber heute erleben wir eine enorme Intensivierung und vor allem eine völlige Konsequenzenlosigkeit. Kein Präsident hat so viel gelogen wie Trump – und es hatte keine spürbaren Konsequenzen. Erinnern wir uns, wofür Bill Clinton fast des Amtes enthoben wurde – wegen einer Lüge über eine sexuelle Affäre. Im Vergleich mit heute vergleichsweise harmlos.

Auch jüngere Entwicklungen zeigen diesen Einfluss. Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. etwa verbreitet zahlreiche impfgegnerische Verschwörungstheorien, etwa die Idee, dass es eine geheime Allianz aus Pharmaindustrie, Ärzt:innenund Wissenschaftler:innen gebe, die mit Impfungen Schaden anrichten wolle. Hier erleben wir ein starkes Comeback solcher Erzählungen.

Soziale Medien als Brandbeschleuniger

Welche Rolle spielen soziale Medien und digitale Informationskanäle dabei?

Tschiggerl: Social Media verschärft die Situation durch Mechanismen wie Filterblasen, die gezielte Verbreitung von Fake News und die enorme Reichweite einzelner Akteure. Aber es ist natürlich zu einfach, allein Social Media die Schuld zu geben. Es braucht ja auch die Bereitschaft der Menschen, solchen Desinformationen zu glauben. Aber die sozialen Netzwerke erleichtern die Verbreitung enorm – man denke nur an Trumps Reichweite über seine Kanäle oder an Elon Musk und Twitter/X.

Ausgewogene, recherchierte Nachrichten wurden zunehmend ersetzt durch Meinungsformate und Talkshows.

Aber können traditionelle Medien dem noch etwas entgegensetzen?

Tschiggerl: Auch die klassischen Medien, die sogenannten Legacy Media, funktionieren nicht mehr so gut. Es gab etwa jüngst Kritik an der Washington Post, seit ihrer Übernahme durch Jeff Bezos. Zudem hat sich der Charakter der Medienlandschaft verändert: Ausgewogene, recherchierte Nachrichten wurden zunehmend ersetzt durch Meinungsformate und Talkshows – besonders sichtbar bei Sendern wie Fox News, wo gezielt Stimmung gemacht wird.

Diese Medien werden zudem weniger konsumiert, was wiederum die Budgets senkt und die Qualität der Recherchen schwächt – ein Teufelskreis. Gleichzeitig erleben wir einen massiven Vertrauensverlust in klassische Institutionen – in die Medien, in die Politik, in die Wissenschaft. Und genau dieser Vertrauensverlust bereitet den Boden für Desinformation, besonders über Social Media.

 

Auf einen Blick

Martin Tschiggerl ist Historiker und seit 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).