Österreich im Stresstest: Für welche Krisen sich das Land jetzt wappnen muss
03.12.2025
Ein eskalierender Krieg in der Ukraine, Desinformationskampagnen, Cyberattacken, Versorgungsengpässe und vieles mehr: An kritischen Szenarien für Österreich mangelt es gegenwärtig nicht. Maßnahmen zur Erhöhung unserer Sicherheit, zur Stärkung unserer Widerstandsfähigkeit und zur Vorbereitung auf derartige Krisen sind folglich gefragt wie lange nicht mehr. Aber wie ist es aktuell tatsächlich um Österreichs Sicherheit bestellt? Was haben Militär und Zivilgesellschaft bereits unternommen, um sich zu rüsten?
Sicherheit im Fadenkreuz
Antworten darauf gab Eva-Maria Kern am 16. Dezember im Christmas Talk an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Präsidentin der Universität der Bundeswehr München sprach bei der kostenlos zugänglichen Diskussion „Sicherheit im Fadenkreuz – Wie verwundbar ist unsere Gesellschaft“ über aktuelle Bedrohungslagen und konkrete Maßnahmen zur Krisenvorbereitung. Im Interview schildert die Salzburgerin die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen, die Notwendigkeit von Sicherheitsforschung in Österreich und Gründe, warum auch sie Nachrichtensendungen manchmal abdreht.
Sicherheit durch Forschung
Welche sicherheitspolitischen Herausforderungen sehen Sie für Europa derzeit als die größten?
Kern: Die akute Herausforderung ist natürlich der anhaltende Krieg in der Ukraine, der die gesamte aktuelle Sicherheitsordnung in Frage stellt. Und der dazu führt, dass wir, die Jahrzehnte des Friedens in Europa erlebt haben, uns plötzlich damit auseinandersetzen müssen, was das für uns bedeutet. Darüber hinaus sehe ich drei Bereiche als besonders herausfordernd an: Das ist zum einen der Schutz kritischer Infrastrukturen, denn wenn sie ausfallen, kann das mit gravierenden gesamtgesellschaftlichen Folgen verbunden sein. Denken Sie nur daran, was passiert, wenn die Energie- oder Trinkwasserversorgung nicht mehr funktioniert, oder wenn z.B. Medikamente nicht mehr geliefert werden. Angegriffen werden können kritische Infrastrukturen z.B. durch Cyberattacken; aus meiner Sicht ist die gesamte Cyberkriminalität heutzutage eine Bedrohung. Für gefährlich halte ich auch Desinformationskampagnen staatlicher und nichtstaatlicher Akteure, durch die gesellschaftliche Spannungen vertieft und die demokratische Grundordnung gefährdet werden können.
Muss die Sicherheitsforschung in Österreich eine wichtigere Rolle als bisher spielen? In welcher Hinsicht?
Kern: Aus meiner Sicht ist die Sicherheitsforschung in Österreich gut aufgestellt. Meines Wissens hat Österreich schon sehr früh, als eines der ersten Länder Europas, ein Förderprogramm für zivile Sicherheit, das KIRAS heißt, aufgelegt. Mit FORTE gibt es auch ein Verteidigungsforschungsförderprogramm. Eine sehr interessante – und meiner Meinung nach wegweisende – Initiative im Bereich des Krisen- und Katastrophenmanagements ist das Disaster Competence Network Austria (DCNA). Die Idee dahinter ist, die Sicherheits- und Katastrophenforschung in Österreich zu stärken und als Bindeglied zwischen Forschung und praktischer Anwendung im Krisen- und Katastrophenmanagement zu wirken. Insbesondere wird darauf Wert gelegt, dass die gewonnenen Forschungserkenntnisse umgesetzt werden, und in die Beratung der Politik einfließen. Ich freue mich sehr, dass die Universität der Bundeswehr München beim DCNA dabei ist, und ich als eines der Mitglieder des Vorstandes fungieren darf. Was ich mir zur weiteren Stärkung der Sicherheitsforschung in Österreich vorstellen kann ist, dass die österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen noch intensiver mit dem Bundesheer kooperieren und auch hier ihre Kräfte bündeln.
Forschung hat eine sehr hohe Bedeutung für die Resilienz von Gesellschaften.
Welche Bedeutung hat die Forschung in Hinblick auf die Resilienz der Gesellschaft bei Krisen?
Kern: Forschung hat eine sehr hohe Bedeutung für die Resilienz von Gesellschaften, da durch sie Erkenntnisse hervorgebracht werden, die unsere Gesellschaft widerstandsfähiger machen. Das können z.B. Technologien zur Waldbranderkennung, Ansätze zur Pandemievorsorge oder Strategien gegen Desinformation sein. Darüber hinaus können durch wissenschaftliche Analysen Risiken frühzeitig erkannt werden. Außerdem stellt Forschung Daten, Modelle und evidenzbasierte Lösungen für politische Entscheidungen bereit. All das befähigt uns, Krisen aktiv vorzubeugen und besser auf sie zu reagieren, und trägt somit dazu bei, dass unsere Gesellschaft mit Bedrohungen jeglicher Art besser zurechtkommt.
Welche Verantwortung hat die Forschung, wenn sie unmittelbare sicherheitspolitische Auswirkungen haben kann (Stichwort Dual Use)?
Kern: Die Wissenschaftsfreiheit, die unter anderem beinhaltet, dass Forschende frei bestimmen können, an welchen Themen sie forschen, ist ein hohes Gut. Gerade in der heutigen Zeit tragen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aber Verantwortung und müssen sich damit auseinandersetzen, welchen Beitrag ihre Forschung für die Sicherheit und Verteidigung unserer Gesellschaft zu leisten vermag. Außerdem müssen sich alle bewusst sein, dass ihre Erkenntnisse auch von anderen missbraucht werden können. Und darüber nachdenken, wie das am besten verhindert werden kann. Forschende müssen dazu befähigt werden, die Folgen und Risiken, aber auch die Potenziale ihrer Forschung abzuschätzen. Gerade bei Forschung mit Dual-Use-Potenzial ist es besonders wichtig, ethische, rechtliche und sicherheitspolitische Fragestellungen und Folgen mitzudenken.
Militär und Zivilgesellschaft sind gefragt
Im Krisenfall müssen Militär und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Welche Herausforderungen stellen sich?
Kern: Bei der sogenannten zivil-militärischen Zusammenarbeit geht es darum, die Kooperation zwischen dem Militär, also z.B. dem Bundesheer oder der Bundeswehr, und zivilen Akteuren zu koordinieren. Diese zivilen Akteure können staatliche oder nichtstaatliche Organisationen sein, wie z.B. Behörden, zivile Einsatzorganisationen, Krankenhäuser, Energieversorger oder Transportunternehmen. Die größte Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass im Krisenfall klar ist, wer wofür verantwortlich ist, und wer welche Aufgaben übernimmt. Und die Gestaltung dieses Zusammenspiels zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren ist wahrlich keine leichte Aufgabe, hier prallen unterschiedliche Kulturen, Entscheidungswege und rechtliche Rahmenbedingungen aufeinander. Wichtig ist jetzt vor allem eines: dass allen Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Militär klar ist, dass sie ihre Rolle erfüllen und ihren Beitrag liefern müssen. Zu definieren, wie dieser genau aussieht, ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Denn die zivil-militärische Kooperation muss im Krisenfall unter Zeitdruck funktionieren und kann nur dann gelingen, wenn im Vorhinein Zuständigkeiten geklärt und gemeinsame Standards etabliert werden. Und natürlich muss die Zusammenarbeit auch regelmäßig geübt werden.
Geforscht wird z.B. zu kritischen Infrastrukturen, zur weltraumgestützten Aufklärung oder zu sicheren Kommunikationssystemen und Lieferketten.
Die Universität der Bundeswehr München ist ein Zentrum der Sicherheitsforschung. Was hat sich in den letzten Jahren aufgrund der sicherheitspolitischen Herausforderungen verändert? Haben sich Schwerpunkte verlagert?
Eva-Maria Kern: Wir betreiben an der Universität der Bundeswehr München bereits seit über 50 Jahren Forschung im Bereich der Sicherheit und Verteidigung. Die sicherheitspolitischen Herausforderungen der vergangenen Jahre haben aber dazu geführt, dass die Potenziale dieser Forschung für die Gesellschaft und die Bundeswehr jetzt sichtbarer werden und konsequenter genutzt werden. Unsere Expertise auf diesem Gebiet ist nun gefragter denn je. Es haben sich also nicht direkt Schwerpunkte verlagert, sondern wir haben unsere Forschung im Bereich der Sicherheit und Verteidigung weiter vertieft und noch strategischer ausgerichtet. Dazu hat nicht zuletzt auch das von beiden Universitäten der Bundeswehr getragene Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr dtec.bw beigetragen. Unsere durch dtec.bw finanzierten Projekte stärken sowohl die Resilienz der Gesellschaft als auch die Resilienz der Bundeswehr. Geforscht wird z.B. zu kritischen Infrastrukturen, zur weltraumgestützten Aufklärung oder zu sicheren Kommunikationssystemen und Lieferketten.
In die Zukunft blicken
Ich bin überzeugt davon, dass uns Resignieren nicht weiterbringt.
Besonders jungen Menschen machen Ängste vor den Auswirkungen des Klimawandels oder eines näher rückenden Kriegsgeschehens zu schaffen. Gelingt es Ihnen selbst trotz der - zum Teil diffusen - Bedrohungslage, einen positiven Blick in die Zukunft zu werfen?
Kern: Ich verstehe nur zu gut, dass insbesondere junge Menschen aufgrund der vielen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, Angst haben. Manchmal drehe ich auch einfach die Nachrichten ab, weil nur noch über Katastrophen berichtet wird. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass uns Resignieren nicht weiterbringt. Alle sollten ihren persönlichen Beitrag für eine lebenswerte Zukunft leisten. Nur dann können wir als Gesellschaft etwas bewegen. Ich persönlich sehe jeden Tag, was Forschung und Innovation zur Vorbeugung und Bewältigung von Krisen leisten. Das gibt mir Zuversicht. Ganz wichtig ist dabei, dass die Erkenntnisse, die die Wissenschaft liefert, zur Anwendung kommen und auch besser als Grundlage für politische Entscheidungsprozesse genutzt werden.
Zu Ihrer Person: Sie sind Ingenieurin – woher kommt Ihr Interesse für dieses Feld? Warum hat es Sie gereizt, eine Aufgabe an der Universität der Bundeswehr München zu übernehmen?
Kern: Schon als Kind habe ich sehr gern mit Matador und Lego gespielt und auch viel gebastelt. Und in der Schule sind mir Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer immer leichtgefallen. Da war es naheliegend, mir ein Ingenieurstudium auszusuchen. Nach Leoben bin ich gegangen, weil die Montanuni auch damals schon einen hervorragenden Ruf hatte und ich nie an eine Massenuniversität wollte. An der Universität der Bundeswehr München habe ich mich aufgrund einer sehr interessanten Professurausschreibung vor fast 20 Jahren beworben. Das Interesse an Einsatzorganisationen ist dann eher zufällig entstanden, und zwar zu einer Zeit, als die Thematik noch niemanden so richtig interessiert hat. Ganz im Gegenteil zu heute, wo es auf diesem Gebiet auch viele Forschungsförderprogramme gibt. Dass ich heute Präsidentin bin, hat sich durch mein Interesse an der Hochschulpolitik ergeben. Ich war Dekanin, Senatsvorsitzende und Vizepräsidentin. Und als meine Vorgängerin in den Ruhestand gegangen ist, habe ich mich als Präsidentin beworben und wurde gewählt. Das ist eine herausfordernde, aber vielfältige und interessante Funktion, bei der ich – gemeinsam mit vielen anderen – auch etwas bewegen kann.
Weitere Informationen
Christmas Talk
"Sicherheit im Fadenkreuz – Wie verwundbar ist unsere Gesellschaft?"
Eva-Maria Kern im Gespräch mit krone.tv-Moderator Gerhard Koller.
16 Dezember 2025, 18:00 Uhr
Festsaal der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Festsaal
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
