Neues Gletscherinventar: Über 30 Prozent der Fläche in nur zwei Jahrzehnten verloren
02.10.2026
Wo vor 20 Jahren noch Eis war, ist heute oft nur Fels und Schutt: Forscher:innen haben sämtliche Gletscher des Landes einzeln kartiert, um aktuelle Flächen und Flächenänderungen zu erfassen. Rund 31 Prozent der Gletscherfläche ist demnach seit Mitte der 2000er Jahre verschwunden. Die Ergebnisse sind jetzt im Fachjournal The Cryosphere veröffentlicht.
„Die Flächenverluste in den letzten Jahren waren extrem. Wir schauen den Gletschern beim Verschwinden zu. Mit dem neuen Inventar können wir das Verschwinden, das wir im Gelände sehen, besser in Zahlen ausdrücken”, sagt Studien-Erstautorin LeaHartl vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Wie das neue Inventar entsteht
Das neue österreichische Gletscherinventar (Austrian Glacier Inventory, AGI 5) ist das Ergebnis einer breiten Kooperation: Beteiligt waren Forscher:innen von elf Institutionen, darunter neben der ÖAW, die Universitäten Innsbruck, Salzburg und Graz sowie die TU Graz und die GeoSphere Austria.
Für das Gletscherinventar wurden Gletscherumrisse händisch aus hochauflösenden Orthofotos und Höhenmodellen digitalisiert – mit früheren Inventaren als Ausgangsbasis und ergänzt durch lokale Gebietskenntnisse. Die meisten Gletscher in Österreich sind kleiner als 0,1 km², und mit fortschreitendem Gletscherzerfall schrumpfen die zusammenhängenden Eisbereiche weiter. Deshalb sei es wichtig, auch kleine Gletscherreste und Toteis möglichst genau zu erfassen, um ein umfassendes Gesamtbild zu erhalten, so die Forschenden.
Die Ergebnisse dienen unter anderem dazu, Gletscherstände in Kartenmaterial aktuell zu halten, fließen in hydrologische Modellierungen ein und zeigen, wo neue Flächen eisfrei werden. Die detaillierte, händische Kartierung ist zudem wichtige Referenz für automatisierte Auswertungen von Satellitenbildern, in denen kleine Gletscher nicht immer gut aufgelöst werden können.
Verluste in allen Regionen und Höhenlagen
Das aktuelle Inventar bildet je nach Region den Gletscherstand der Jahre 2021 bis 2023 ab. Insgesamt umfasst die Gletscherfläche Österreichs demnach 285 ± 12 km². Mitte der 2000er-Jahre waren es noch rund 415 km². Die Schwankungsbreite ergibt sich vor allem aus Kartierungsunsicherheiten in schuttbedeckten Gletscherbereichen, die selbst mit mehrjährigen Bildvergleichen und Geländemodell-Analysen schwierig abzugrenzen sind. Nur noch neun der 799 erfassten Gletscher sind größer als 5 km².
Diese großen Gletscher machen aber über ein Viertel der gesamten vergletscherten Fläche Österreichs aus. Die größten relativen Flächenverluste sind in niedrigen Gebirgsgruppen mit sehr kleinen Gletschern zu verzeichnen. So haben etwa das Rätikon und die Region Hochkönig bereits über 80 Prozent ihrer Gletscherfläche verloren.
Gletscherschwund beschleunigt sich
Die Glaziolog:innen gehen davon aus, dass sich der Gletscherverlust weiter beschleunigt und einige Gebirgsgruppen in den nächsten Jahren vollständig eisfrei werden. Um diese Veränderungen zu erfassen und aktuelle Daten zur Verfügung stellen zu können, seien häufigere, flächendeckende Befliegungen der Gebirgsregionen und die Stärkung bestehender Monitoringprogramme notwendig, so die Wissenschaftler.
Auf einen Blick
Publikation
Hartl, L., Abermann, J., Akgün, A., Bertolotti, G., Bolch, T., Conzelmann, S., Diaconu, C.-A., Hansche, I., Hartig, A., Haut, A., Helfricht, K., Hynek, B., Kaucher, M. S., Kellerer-Pirklbauer, A., Kogel, A. C., Krippes, J., Lauria, M. V., Mayer, C., Otto, J.-C., Prinz, R., Prölß, S., Rieg, L., Schönleber, L., Schwaizer, G., Seiser, B., Stocker-Waldhuber, M., Strudl, M., Verhounik, M., and Zandler, H.: On thin glacial ice: New Austrian Glacier Inventory shows accelerating glacier shrinkage and 31 % area loss within two decades, The Cryosphere, 20, 5157–5180,
DOI: 10.5194/tc-20-5157-2026



